sexualität

FotoS: istockphoto/ nd3000, zvg, istockphoto/ Katarzyna Bialasiewicz, zvg

Übungssache

Erfüllte Sexualität in einer langjährigen Partnerschaft? Das geht! Wenn Sex zur guten Gewohnheit wird.

Silvia und Hannes sind Ende dreißig, seit zehn Jahren verheiratet, haben zwei Kinder. Ungefähr einmal in der Woche schlafen sie miteinander. Fast immer abends, wenn die Kinder im Bett sind, manchmal in der Früh nach dem Aufwachen. Hannes fände mehr Sex gut, Silvia könnte durchaus mit weniger leben. Hannes und Silvia sind ein fiktives Paar, dessen – hypothetisches – Sexleben aber dem vieler Paare ähnelt. Sowohl was die Sexhäufigkeit als auch was die unterschiedlichen Bedürfnisse angeht: „Umfragen zeigen, dass viele Paare etwa einmal pro Woche miteinander schlafen“, sagt die Schweizer Sexologin und Therapeutin Veronika Schmidt. „Oft wollen Männer häufiger Sex als Frauen. Das Sagen hat in der Regel der, der weniger Sex möchte.“

Wer auch immer im Bett mehr Engagement zeigt, im besten Fall erleben beide Partner Sexualität als etwas, das ihre Bindung stärkt. Eine wichtige Funktion von Sex ist nämlich das Herstellen von Nähe – und das nicht bloß körperlich. „Sex ist die intimste Form der Kommunikation. Viele Paare verlieren die emotionale Nähe zueinander, die Gesprächsbasis, wenn sie keinen Sex mehr ha- ben“, sagt Veronika Schmidt, die Paare als Therapeutin unter anderem bei Problemen im Bett be- gleitet. „Wir neigen dazu, die emotionale Ebene höher zu stellen als die sexuelle. Die beiden Ebenen bedingen einander aber gegenseitig.“


Emotionale Qualität

Als „relationship building activity“ – beziehungsstiftende Tätigkeit – bezeichnet es die deutsche Sexualwissenschaftlerin Silja Matthiesen. Vor allem am Beginn einer Beziehung übernehme Sex für viele Paare die Funktion, eine gemeinsame Ebene herzustellen. „Die sexuelle Aktivität ist des- halb in den ersten zwei Jahren besonders hoch. Danach fällt die Kurve relativ steil ab und die Frequenzen stabilisieren sich auf niedrigerem Niveau. In dieser Zeit gewinnen andere Aspekte und Gemeinsamkeiten in der Beziehung mehr Platz.“

Matthiesen ist Koordinatorin der GeSiD-Studie des Instituts für Sexualforschung des Universitäts- klinikums Hamburg-Eppendorf, der ersten bevölkerungsrepräsentativen Studie zu Gesundheit und Sexualität in Deutschland (www.gesid.eu). Erst kürzlich wurden erste Ergebnisse der Studie präsentiert, die intime Einblicke in private Schlafzimmer gewährt. „In einem Bereich, in dem sonst viel spekuliert wird, liefern wir mit der Studie ein paar trockene Zahlen“, sagt Matthiesen. Es zeigt sich etwa, dass Menschen in Beziehungen den meisten Sex haben. „Die allermeisten Singles sind sexuell eher inaktiv“, erklärt Matthiesen. An der weitverbreiteten Meinung, dass das

Singleleben in sexueller Hinsicht besonders aufregend sei, ist also nicht viel dran. Und wie aufre- gend ist der partnerschaftliche Sex? Nach drei, dreizehn oder dreißig Jahren Beziehung? „Aus

der sexualtherapeutischen Praxis wissen wir, dass es nicht realistisch ist zu erwarten, dass Sex immer au- ßergewöhnlich und aufregend ist“, betont Matthiesen. Das sei vielmehr eine Idee, die die Medien transpor- tieren würden. Routiniert und alltäglich, so gestalte sich das Sexleben vieler Paare, die schon lange zu- sammen sind. „Das muss allerdings nicht als negativ empfunden werden. Während die Aufregung ab- nimmt, gewinnen Paare stattdessen an Sicherheit und Vertrautheit. Die Fähigkeit für Frauen einen Or- gasmus zu erleben beispielsweise nimmt zu, und die Partner wissen besser, was der jeweils andere gerne mag.“ Schlechter oder langweiliger muss Sex also nicht zwangsläufig werden. Viele Paare berichten von einer anderen, neuen emotionalen Qualität.


Zur Gewohnheit machen

Alltäglich und routiniert – aus Sicht von Therapeutin Veronika Schmidt sollte Sex genau so sein. Nämlich etwas, das wie selbstverständlich stattfindet, ähnlich wie joggen gehen oder essen. Schmidt plädiert da- für, ihn zu einer guten Gewohnheit zu machen. „Das

hört sich nicht besonders erotisch an“, räumt die Therapeutin ein. „Aber guter Sex ist Übungssache. Wenn man etwas gut kann, will man es immer wieder haben. Dann findet man das, was man mit dem anderen macht, schön.“ Aus der therapeutischen Be- gleitung weiß Schmidt, dass sich manche Paare schwer tun, auf der körperlichen Ebene zueinander zu finden. „Es gibt Paare, die keine sexuelle Sprache, keine sexuellen Fähigkeiten entwickeln, weil sie zu selten miteinander schlafen.“ Schmidt empfiehlt, Sex

zu planen – und nicht darauf zu warten, bis sich die Lust darauf von selbst einstellt. Lust, sagt Schmidt, komme in langjährigen Beziehungen vor allem bei Frauen selten spontan. Sex also ohne Lust? Nein, präzi- siert Schmidt, „denn die Lust kommt dann, wenn ich mich sexuell auf die Stimulationen einlasse, die ich schön finde.“ Frauen und Männer würden diesbezüglich tendenziell unterschiedlich ticken. „Männer ha- ben eher gelernt, Erregung zu empfinden, zu steigern und zu entladen. Frauen müssen oft erst lernen, dass und wie sie Lust in sich wecken können.“


Mangelhaftes Grundwissen

Veronika Schmidt hat einen weiteren Rat parat, der auf den ersten Blick weder besonders romantisch noch erotisch klingt: „Ein wichtiger Punkt ist, sich Wissen anzueignen.“ Das gelte gleichermaßen in einer Gesellschaft, in der Sexualität zwar omnipräsent, das Grundwissen dazu jedoch mangelhaft ist. „Es gibt zum Beispiel viele Bücher darüber, wie Frauen zum Orgasmus kommen“, sagt die Therapeutin, die selbst zwei Bücher zum Thema geschrieben hat. Als Paar sollte man über Sexualität sprechen – nur nicht unmittelbar danach im Bett. „Kommunikation über das Sexleben ist gut, aber bitte nicht direkt hinterher, sozusagen als Feedback. Besser ist es, zu einem anderen Zeitpunkt, zum Beispiel bei einem Spaziergang, darüber zu reden, wie zufrieden man

ist und was man sich wünschen würde.“ Schmidt weist außerdem darauf hin, dass ein aktives Sexleben nicht nur zur Zufriedenheit in der Partnerschaft beitra- gen kann, sondern zudem der Gesundheit zuträglich ist. „Beim Sex wird die Va- gina gut durchblutet, das beugt Scheidentrockenheit und Scheidenkrämpfen vor, häufiger Sex ist außerdem eine gute Prostatavorsorge und erhält die Erekti- onsfähigkeit bei Männern.“ Altersmäßig ist gutem Sex übrigens keine Grenze gesetzt. „Wenn beide es wollen, ist Sex ebenso im hohen Alter möglich“, sagt Schmidt. Die körperlichen Zärtlichkeiten sehen dann wahrscheinlich etwas an- ders aus als in jungen Jahren. Oft langsamer und stiller. „Man muss im Laufe des Lebens lernen, Sex immer wieder zu erfinden und sich neu darauf einzulas- sen. In irgendeiner Form wird er jedenfalls ein Leben lang wichtig bleiben.“


Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 11/2020