IM porträt

Sie steht am Seziertisch ihre Frau: Sonja Wiesi ist die ein- zige Obduktionsassistentin in Niederösterreich.

Präzise und mit viel Respekt verrichtet Sonja Wiesi ihre Arbeit an den Verstorbenen.

fotoS: Günter kalchbrenner, eMil JoVanoV

Im Angesicht des Todes

Wenn sie am Morgen an ihren Arbeitsplatz in die Pathologie im Landesklinikum Horn kommt, weiß Sonja Wiesi nie, was sie er- wartet. Manchmal ist es ruhig. Manchmal ist über Nacht ein Patient verstorben, bei dem die Todesursache unklar ist. Dann beginnt für die Weinviertlerin der Arbeitsalltag am Institut für Klinische und Molekulare Pathologie.

Als vor acht Jahren der Bruder von Sonja Wiesi stirbt, bekommt sie die Chance, ihn noch einmal im Verabschiedungsraum der Pathologie zu sehen und sich von ihm zu verabschieden. Bis dahin weiß sie nichts über diesen Bereich. Sie ist berührt davon, wie menschlich an der Pathologie mit dieser Situation umgegangen wird. Damals arbeitet die 43-Jährige als Verkäufe- rin und beschließt: Ich möchte ebenfalls mit Verstorbenen arbeiten. Und zwar als Obduktionsassistentin. Es dauert eine Weile, bis die Frau herausfindet, welche Ausbildung sie benötigt, um in der Pathologie tätig zu sein: Sonja Wiesi bewirbt sich an der Schule für medizinische Assistenzberufe in Wien-Floridsdorf und wird prompt aufgenommen. Sie absolviert acht Monate lang die theoretische Ausbildung und parallel dazu Praktiken im SMZ-Süd in Wien. Ende April 2019 schließt sie mit ausgezeichne- tem Erfolg ab. Im Herbst beginnt sie am Landesklinikum Horn zu arbeiten. Schnell ist für Sonja Wiesi klar: „Hier möchte ich bleiben.“


Respektvoller Umgang

Nicht jede Patientin oder jeder Patient, die oder der in einem Krankenhaus verstirbt, müssen obduziert werden. „Zu 70 Prozent reicht es aus, an den Verstorbenen nur eine äußere Totenbeschau durchzuführen“, erzählt Wiesi. Bevor der Körper des Verstorbenen geöffnet wird, schaut die Pathologin oder der Pathologe zuerst darauf, ob der Tod fremdverschuldet eingetreten sein kann oder nicht. Ist das der Fall, liegt die Obduktion beim Gerichtsmediziner. Ganz wichtig, um der Todesursache auf den Grund zu gehen, ist die Krankengeschichte. „Wenn man eine Erkrankung oder die Todesursache nicht kennt, dann untersucht man ihn.“ Damit der Verstorbene obduziert werden kann, muss Sonja Wiesi den Patienten von der Trage auf den Seziertisch bringen. Gar nicht so ein- fach für die zarte Frau, wenn der Patient beispielsweise 150 Kilogramm wiegt. „Im Se- zierraum muss ich alleine meine Frau stehen“, sagt Wiesi. Mittels moderner Geräte und der erlernten Technik räumt Sonja Wiesi schnell mit dem Vorurteil auf, dass diese Arbeit „starke Männer“ brauche, fügt sie hinzu. Am modern ausgestatteten Seziertisch legt Sonja Wiesi Schere, Messer und Pinzette für die Pathologin bereit – ganz ähnlich wie in einem Operationssaal. Sie assistiert bei der Obduktionstätigkeit unter Aufsicht durch eine Ärztin oder einen Arzt. Das geschieht mit viel Respekt: „Wir untersuchen nicht mehr als notwendig.“ So öffnet sie meist den Brustkorb und den Bauchraum, damit die Patho- login die Organe untersuchen kann. Manchmal auch das Bein, etwa wenn es um eine Thrombose geht. Da der Patient so in die Pathologie gebracht wird, wie er verstorben ist, entfernt Sonja Wiesi verschiedene Zugänge wie den Venen- oder Harnkatheter. Wenn sie fertig ist, wäscht sie den Verstorbenen und bereitet ihn für die Bestattung vor. Besonders wichtig während der Arbeit ist der Arbeitsschutz durch eine moderne Aus- stattung und Schutzkleidung, um sich selbst vor Infektionen zu schützen. Und wenn ein- mal kein Verstorbener in der Pathologie untersucht werden muss, archiviert Sonja Wiesi, arbeitet im Labor oder kümmert sich um administrative Tätigkeiten.


Hilfe beim Loslassen

Wie ist es, wenn man einen verstorbenen Menschen vor sich hat? „Man darf das nicht unreflektiert an sich heranlassen. Ich kann Berufliches und Privates gut trennen und nehme die Gefühle nicht mit nachhause“, sagt Wiesi. Es sei aber ein Unterschied, ob man während des Praktikums bei einer Obduktion zusieht oder sie selbst durchführt. An ihre persönliche Grenze sei sie bisher noch nicht gestoßen, auch wenn sie bereits sehr Trauriges und Berührendes gesehen habe. Der Tod an sich gehört für die Obduktions- assistentin selbstverständlich zum Leben dazu: „Ob durch Krankheit oder Unfall – wenn die Zeit gekommen ist, ist es so.“

Motivation ist für Sonja Wiesi, dass sie Sinnvolles für die Hinterbliebenen beitragen kann. „Es ist wichtig für die Angehörigen, zu wissen, woran der Patient letztendlich ver- storben ist.  Um abschließen zu können.“ Diese Gewissheit und die Möglichkeit, sich auch nach dem Tod noch vom Patienten verabschieden zu können, helfen dabei, bes- ser mit dem Tod eines Angehörigen umzugehen, ist Wiesi überzeugt. Ihre eigene Familie

reagierte mit gemischten Gefühlen auf ihren Berufswunsch: „Mein Mann hat sich anfangs et- was geplagt damit. Die Kinder haben gesagt: Meins wäre es nicht, aber wenn es für dich okay ist, dann mache es“, erzählt die dreifache Mutter. Als sie ihre Ausbildung dann mit Auszeich- nung abschließt, seien die Kinder sehr stolz gewesen. Auch nach einem Jahr im Landesklini- kum Horn bereut die Weinviertlerin ihren Jobwechsel nicht. Sie bekommt so viel Lob wie noch nie zuvor. Der menschliche Umgang ist wichtig in der Abteilung und das Teamwork funktioniert hervorragend. Und es wird wertgeschätzt, was Sonja Wiesi leistet. Den größten Anspruch stellt sie aber an sich selbst: „Ich arbeite sehr ernst und genau. Es ist wichtig, während der Tätigkeit Respekt zu empfinden. Ich muss mich jeden Abend in den Spiegel schauen können.“ Obwohl – oder vielleicht weil – sie den Tod fast täglich vor den eigenen Augen hat, denkt sie positiv: „Man soll das Leben leben, es kann so schön sein.“


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 11/2020