Pflegeberufe

Raffaela Staudinger hat in der Gesundheits- und

Krankenpflege ihre Berufung gefunden.


Auch die Wundversorgung gehört zu

Raffaela Staudingers Aufgaben.

FotoS: Barbara Nidetzky

In besten Händen

Als Hauskrankenpflegerin sorgt Raffaela Staudinger dafür, dass Menschen im hohen Alter zuhause bestens betreut werden.

Herr Friedmann blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Schon mit 19 Jahren heiratet er – seine Frau, damals 18, hat gerade ma- turiert und ist bereits schwanger. Eine Tochter, zwei Söhne und die Enkelkinder krönen das 41-jährige Eheglück. Als Installateur hat Herr Friedmann alle Hände voll zu tun, sogar sein Haus in Purkersdorf baut er fast zur Gänze selbst. „Doch dann ist meine Frau leider viel zu früh, mit erst 60 Jahren verstorben“, erzählt er von seinem Schicksalsschlag. Kraft geben ihm die vielen ehren- amtlichen Tätigkeiten, denen er nachgeht, als er in Pension ist: Mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des örtlichen Senioren- zentrums macht er Ausflüge, beim Roten Kreuz ist er Fahrer für Essen auf Rädern. Sogar zwei Urenkeln hat Herr Friedmann in- zwischen und erfreut sich daran, sie aufwachsen zu sehen. Bis er eines Tages aus dem Sessel stürzt und nicht mehr aufstehen kann. Diagnostiziert wird eine Nervenkrankheit, die ihm starke chronische Schmerzen bereitet: „Wenn man alle Klinikumsaufent- halte seit 2018 zusammenzählt, war ich insgesamt fast ein Jahr im Spital.“ Seiher ist der 83-Jährige auf Hilfe angewiesen. Hilfe, die er von Raffaela Staudinger bekommt. Die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet seit zweieinhalb Jahren beim Hilfswerk Niederösterreich. Dort kümmert sie sich um die Hauskrankenpflege, versorgt pflegebedürftige Menschen in de- ren eigenen vier Wänden.


Kompromisse finden

„Ob es nun Blutdruck- oder Blutzuckermessungen, Insulin- gabe, Verbandwechsel, Wundpflege oder Medikamenten- management ist – wir betreuen und unterstützen Betroffene und Angehörige abgestimmt auf deren Bedürfnisse. Dabei arbeiten wir eng mit der Hausärztin bzw. dem Hausarzt des jeweiligen Patienten oder dem Krankenhaus zusammen“, erklärt Staudinger. Zehn Jahre lang war sie im stationären Bereich Säuglings- und Kinderkrankenpflegerin, bevor sie sich dazu entschied, einen beruflichen Neustart zu wagen: „Wegen meiner zwei kleinen Kinder war es mir wichtig, in der Nähe von meinem Zuhause zu arbeiten, sehr flexibel zu sein und keine Nachtschichten mehr zu haben“, erklärt die 36-Jährige. Gemeinsam mit den Kundinnen und Kunden stimmt die Gesundheits- und Krankenpflegerin ab, welche

Tätigkeiten gewünscht sind und wie häufig ein Hausbesuch sinnvoll ist. „Da- bei gilt es oft, einen Kompromiss zwischen den Wünschen der Pflegebedürf- tigen und deren Angehörigen zu finden. Manchmal will zum Beispiel das er- wachsene Kind des Betroffenen, dass wir öfter kommen, er selbst aber nicht. Das letzte Wort haben immer die Patientinnen und Patienten. Sie sollen sich mit der Lösung wohlfühlen.“

Wohl fühlt sich Herr Friedmann auf jeden Fall: „Ich bin froh und dankbar, dass ich trotz meiner Erkrankung zuhause wohnen kann und hier betreut werde. Daheim ist es einfach am schönsten.“


Sicherer Alltag

Heute kümmert sich Raffaela Staudinger um das Medikamentenmanage- ment: „Während seines letzten Spitalaufenthalts hat Herr Friedmann viele Me- dikamente bekommen. Die Aufgabe der Hauskrankenpflege ist es, die Medi- kamentendosis zuhause zu dispensieren, sodass der Patient seine tägliche Dosis immer parat hat, es ihm möglichst gut geht und er wieder in einen All- tag findet.“ In einer Mappe dokumentiert die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, was genau gemacht werden soll. „Wir arbeiten in Teams und wechseln uns bei den Kundinnen und Kunden immer wieder ab. Durch

das Ausfüllen eines Tätigkeitsberichts sehen auch Kolleginnen und Kollegen, die nicht so oft da sind, auf einen Blick, was es zu tun gibt.“

Neben Raffaela Staudinger wird Herr Friedmann auch regelmäßig von Heimhelferinnen und -helfern besucht. Diese unterstützen bei alltäglichen Aktivi- täten zuhause, zum Beispiel bei der Körperpflege, bei Einkäufen, Apothekengängen oder sie beglei- ten ihn bei Arztbesuchen. Sollte Herr Friedmann einmal Hilfe benötigen, wenn er allein ist, ist auch dafür gesorgt: Auf seinem Handgelenk trägt er ei- nen Hilfssensor, der ihn per Knopfdruck mit der Notrufzentrale des Hilfswerks verbindet. „So wird im Ernstfall rasch die nötige Hilfe organisiert. Das vermittelt ein Sicherheitsgefühl. Für den Betroffe- nen, die Angehörigen und auch für mich“, erinnert

sich Raffaela Staudinger an eine Notsituation, als eine Kundin gestürzt war und durch das Notruftelefon schnell Hilfe bekommen hat.

Nach der Pflegevisite bleibt Raffaela Staudinger und Herrn Friedmann noch ein biss- chen Zeit zum Plaudern: „Es ist wirklich schön, für jede Patientin und jeden Patienten genug Zeit zu haben. So lernt man sich kennen und baut eine persönliche Bindung auf. Dadurch kann ich auch die Tagesverfassung viel besser feststellen und schnell darauf reagieren“, freut sich Staudinger. Dann macht sich die Gesundheits- und Kran- kenpflegerin auf zu ihrem nächsten Patienten, wo eine diabetische Wundversorgung ansteht. Und Herr Friedmann? Der freut sich schon darauf, wenn Raffaela Staudinger ihn das nächste Mal besucht.


michaela neubauer

Einen Kompromiss zwischen den Bedürfnissen des

Patienten und seinen Angehörigen zu finden, ist ein

wichtiger Part der Hauskrankenpflege.

Mit dem Notruftelefon ist

Hilfe rasch unterwegs.

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2021