lebensstil

FotoS: ZVG, istockphoto/ phototechno, Dr. Laura Stoiber, istockphoto: NicolasMcComber, phototechno

Nur Mut!

Ob freiwillig oder ungewollt, positiv oder negativ: Veränderungen machen Angst. GESUND & LEBEN verrät, wie Sie Ihrem Leben in Zeiten des Umbruchs eine neue Richtung geben.

Bereits der griechische Philosoph Heraklit wusste: „Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung.“ Wir verändern uns ab dem Zeitpunkt der Geburt, sowohl körperlich als auch auf emotionaler Ebene. Und denken wir nur an all die Wohnort-, Beruf- und Schulwechsel, das Beenden und Beginnen von Beziehungen. Natürlich ebenso: die Corona-Pandemie, die vielleicht größte kollektive Veränderung der vergangenen Jahre. Trotzdem haben viele Menschen panische Angst vor Veränderungen. Wieso ist das so? „Unsere menschlichen Grundbedürfnisse hindern uns daran, Veränderungen zuzulassen“, erklärt die Wiener Klinische

und Gesundheitspsychologin Dr. Laura Stoiber. „Zu diesen zählen unter anderem das Bedürfnis nach Sicherheit sowie Stabilität, das Bedürfnis nach Bindung und nach Kon- sistenz.“ Die Krux: Veränderung wird vom Menschen generell eher mit Instabilität und Unsicherheit in Verbindung gebracht, erklärt die Expertin.

Wir Menschen sind also Gewohnheitstiere, fühlen uns in unserer Komfortzone wohl – schon allein deswegen, weil sich Rituale und Gewohnheiten wie tiefgetrampelte Pfade in unserem Gehirn festsetzen. Eben dieses muss sich somit nicht mehr anstrengen und kann Energie sparen: Wir tun etwas, ohne darüber nachdenken zu müssen. „Etwas zu verändern erfordert Kraft, Mut und Willenskraft.“ Eine breite Gefühlspalette an Emotio- nen – von Freude bis Trauer – ist also bei anstehenden oder unerwarteten Veränderun- gen „vollkommen normal“, beruhigt Stoiber.


Stillstand = Endstation

Bei all der Panik vor einem möglichen negativen Ausgang vergessen wir allzu leicht: Angst ist kein guter Ratgeber. Denn jede Veränderung bringt immer neue Chancen mit sich. „Ohne Veränderung können wir uns niemals weiterentwickeln und bleiben irgend-

wann stehen“, betont die Psychologin. Erst wenn wir uns aus der Komfortzone her- auswagen, können wir die Wachstumszone betreten. Stillstand bedeutet Endstation. „Veränderung bietet die Chance, uns und unser Leben zu hinterfragen, zu überden- ken sowie bestimmte Dinge neu zu definieren. Sie hilft dabei, alte Muster zu durch- brechen und gegen neue, gesündere Muster zu ersetzen.“ Trauen wir uns eine Ver- änderung zu, steigt unser Selbstwert: Wir lernen uns besser kennen. Im Grunde ver- hält es sich mit Veränderungen wie mit einem Muskel: Trainiert man ihn, wird er kräftiger.


Ist es an der Zeit?

Wie merken wir, dass es Zeit für eine Veränderung ist? Oftmals tun wir das zu spät, räumt Stoiber ein, und es sei auch nicht sinnvoll, eine Veränderung zu forcieren, für die man nicht bereit ist. Der Schlüssel einer jeden Erkenntnis sei „ganz viel Selbstre- flexion“: aufmerksam sich und seinem Körper gegenüber zu sein, möglichst nüch- tern und mit Distanz. Verspürt man eine innere Unruhe? Trottet man nur noch schlaf- wandlerisch-routiniert und emotionslos durchs Leben? Auch das Flüchten in Tag- träume oder/und Süchte, das ständige Nachdenken über Alternativen, Aufschieberi- tis, das Beneiden von anderen wegen deren (vermeintlichem) Glück sowie vermehrt empfundene Wut und Ärger sind deutliche Zeichen, dass ein Wandel an die Le- benstür klopft. Überhören sollte man dieses Klopfen nicht, denn: „Wenn man seinen inneren Wunsch zur Veränderung immer wieder unterdrückt, dann gibt man gleich- zeitig wichtigen Bedürfnissen keinen Raum. Das kann auf Dauer zu Unzufriedenheit bis hin zur Depression führen.“ Der schlechteste Weg also, den man wählen kann, ist, gar keinen zu wählen.


Entscheiden, aber wie?

Am Anfang einer jeden Veränderung steht die Entscheidung. „Für eine gute Ent- scheidung brauchen wir Vertrauen – vor allem in uns selbst“, ist Stoiber überzeugt:

„Der Weg zu einer guten Entscheidung ist die Balance zwischen Bauchgefühl und Vernunft.“ Jede Veränderung könne man durch eine optimistische oder pessimistische Einstellung positiv oder negativ beeinflussen, sagt Stoiber: „Geht man von Anfang an davon aus, dass die Veränderung negative Konsequenzen haben wird, dann wird die Situation mit Sicherheit unangenehmer, als sie es sein müsste. Die eigene Einstellung kann viel bewirken.“ Trotzdem gibt es einige Faktoren, die das Risiko zu scheitern enorm erhöhen. „Vor allem, wenn man nicht bereit für die Veränderung ist oder wenn man etwas nur einer anderen Person zulie-

be verändert“, meint Stoiber. Handelt es sich um sehr große Veränderungen, sollten diese nicht überstürzt und spontan entschieden werden, rät die Psychologin: „Es sollte alles durchdacht und wenn möglich geplant werden, da man sich besser emotional darauf vorbereiten kann.“

Wie sieht es mit Erwartungen aus – motivieren oder blockieren sie? „Es ist wichtig, realistische Erwar- tungen zu haben, anstatt in ein Wunschdenken zu verfallen.“ Übrigens: Keine Angst vor Fehlern! „Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen und uns durch sie weiterzuentwickeln. Oftmals lernen wir aus negativen Situationen besser als aus den positiven.“


Ungewollt

Es ist ein großer Unterschied, ob man sich bewusst und aktiv für eine Veränderung im Leben entschei- det oder man sich plötzlich mit einem Wandel kon- frontiert sieht, den man gar nicht wollte: eine Kün- digung zum Beispiel, das Verlassenwerden vom Partner, eine Krankheit – oder eine weltweite Pan- demie. Die Psychologin spricht von einer klassi- schen Emotionskurve bei unfreiwilligen Verände- rungen: Verneinung – Widerstand – persönliche Krise – Neugier – Akzeptanz. „Zentral ist, die Situa- tion auch als Herausforderung anzuerkennen und zu akzeptieren“, rät Stoiber. „Zusätzlich sollten die mit der Veränderung verbundenen Emotionen zu- gelassen werden – auch die negativen! Im nächs- ten Schritt kann man hier konkret ansetzen und die Emotionen umbewerten beziehungsweise versu- chen, die Veränderung als Chance zu sehen.“ Denn jede Veränderung bringt stets Vor- und Nachteile mit sich, betont die Expertin.

Also: Nur Mut – und denken Sie immer an die wei- sen Worte des Philosophen Konfuzius: „Wer lange glücklich sein möchte, muss sich oft verändern.“


Manuel Simbürger

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021