Nachhaltigkeit

FotoS: ZVG, istockphoto: Djordje Djurdjevic, Rapid Eye

Achtsam durchs Leben

Ein nachhaltiges Leben beeinflusst nicht nur die Umwelt und die Natur positiv, sondern auch uns selbst. Wer fokussierter lebt, achtet mehr auf sich und seine Bedürfnisse.

Sie werden immer weniger, die Ressourcen unserer Erde. Nun liegt es an uns, die Natur zu schonen, damit auch künftige Gene- rationen gut leben können. Dass ein nachhaltigeres Leben auch einen direkten Einfluss auf Körper und Psyche hat, wird einem erst bewusst, wenn man Gewohnheiten im Alltag verändert. Und bemerkt: Man geht nicht nur bewusster mit der Umwelt, sondern auch mit sich selbst um.


Kunst des Filterns

Nachhaltigkeit im Sinne der Gesundheit bedeutet, mit all den Puzzlesteinen im Leben so umzugehen, dass man ein Gleichge- wicht findet. Ein oftmals schwieriges Unterfangen in einer Zeit, in der alles scheinbar immer schneller werden muss. Wenn man nicht mehr zur Ruhe kommt und getrieben durchs Leben hetzt, helfen Fragen wie: Wie viele Aktivitäten sind notwendig? Und wie viel Besitz? Hier nachhaltiger zu agieren bedeutet automatisch, etwas zu reduzieren. Die Kunst des Filterns hilft dabei, herauszu-

finden, was einem wirklich wichtig ist. „Man sollte sich Zeit nehmen für schöne Dinge und weni- ger auf materiellen Wohlstand achten. Reichtum liegt woanders, beispielsweise in sozialen Kontakten“, sagt Dr. Norman Schmid, klinischer und Gesundheitspsychologe in St. Pölten. Er befasst sich seit einiger Zeit mit dem Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Psyche und be- treibt Öko-Coaching. Um das Leben nachhaltiger zu gestalten, komme man um eines nicht herum: Veränderung. Ein guter Anfang ist, seine Gewohnheiten aufzulockern beziehungsweise zu überdenken, betont Schmid. Eine Bestandsaufnahme hilft dabei, zu erkennen, wo es Ände- rungsbedarf gibt. Es dauert eine Weile, um alte Muster zu durchbrechen und beispielsweise mit dem Rad statt dem Auto zur Arbeit zu fahren oder Hafer- statt Kuhmilch zu trinken. Denn gegen den Strom zu schwimmen ist psychologisch gesehen schwierig für den Menschen, er- klärt der Psychologe. Erleichtert werde das Verändern von Gewohnheiten durch das Bewusst- machen des eigenen Vorteils, den man daraus zieht: Wer die Möglichkeit hat, auch mit dem Fahrrad in die Arbeit fahren zu können, kommt erfrischt und munter an. Der Verzicht auf Fleisch verbessert womöglich die Verdauung – ein Aha-Effekt stellt sich ein.


Platz für Ideen

Wer aus Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit aussteigt, dem gesteht das Leben Erholung, Ruhe und Muße zu. Der rastlose Geist kommt zur Ruhe, der Kopf wird frei. Es entsteht Platz für neue Gedanken und Ideen. Denn aussehen sollte das Leben im Idealfall wie ein Ökosystem: möglichst vielschichtig. Soziale Kontakte, ein erfülltes Familien- und Berufsleben bilden ein Konstrukt, das Belastungen aushält. Geht man hingegen beispielsweise als Workaholic durchs Leben, wird man anfälliger – ähnlich einer Monokultur. Einen großen Part nimmt mittlerweile das

virtuelle Leben ein. Streaming, sagt Norman Schmid, sei manchmal eine Flucht vor sich selbst. Und belastet mit dem enormen Energieverbrauch die Umwelt. Auch hier hilft die Frage: Wo kann ich wieder analoger wer- den bzw. leben?


Jeder Schritt ist wichtig

Ein nachhaltiges Leben verbinden viele Menschen mit dem Land. Den größeren Naturbezug setzt man automatisch mit einem umweltbewuss- ten Leben gleich. Das Umweltbewusstsein ist am Land aber nicht stärker ausgeprägt als in der Stadt. Wo man leichter ein nachhaltiges Leben füh- ren kann, lässt sich nicht so einfach beantworten: In der Stadt ist der Flä- chen- und Energieverbrauch geringer, es gibt mehr öffentliche Verkehrs- mittel. Und auch Bio- und Unverpackt-Läden gibt es häufiger. Am Land wiederum gelingt es den Menschen leichter, zu entschleunigen und zur Ruhe zu kommen. Das wollen Stadtbewohner auch – und nutzen dafür das Auto. Es brauche Menschen, die am Land leben ebenso wie Men- schen, die die Stadt bevorzugen, sagt Schmid. Egal, wo man lebt – das Thema Umweltschutz finden viele Menschen theoretisch wichtig. Oft ha- pert es aber an der praktischen Umsetzung. Vielleicht, weil man zu schnell zu viel will? „Man sollte nicht erwarten, dass man alleine die Welt rettet. Jeder kleine Schritt, jede Handlung macht einen Unterschied. Auch wenn man nicht alles sofort ändern kann, lohnen sich Veränderun- gen einzelner Verhaltensweisen“, sagt der Psychologe. Perfekt kann und muss man den nachhaltigen Lebensstil nicht leben: „Man muss nicht al- les kompensieren. Es geht auch um Genuss. Genuss bedeutet jedoch nicht Überfluss“, sagt der erfahrene Psychologe.

Verändert man kleinere oder größere Dinge in Richtung Nachhaltigkeit, stellen sich bald eine Reihe positiver Gefühle ein, allen voran das Gefühl der Wirksamkeit. Man übernimmt Verantwortung für die Umwelt und sei- ne Gesundheit. Und nebenbei erlebt man etwas, das man bisher noch nicht kannte. Und man merkt, mit wie wenig man auskommt, wenn man beispielsweise genau überlegen muss, wie viel Gepäck man auf eine Zugreise mitnehmen möchte. Ein nachhaltiges Leben schützt nicht nur die Umwelt, sondern zeigt den Menschen auch die eigenen Grenzen auf. Grenzen, die den Blick auf ein entspannteres Leben freimachen.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2021