Camping


Die Reisenden finden nicht nur einen Stellplatz,

sondern bekommen auch Einblick in den

Alltag am Bauernhof.

Die Reisenden finden nicht nur einen Stellplatz,

sondern bekommen auch Einblick in den

Alltag am Bauernhof.

Die Reisenden finden nicht nur einen Stellplatz,

sondern bekommen auch Einblick in den

Alltag am Bauernhof.

FotoS: michael fasching, christian gruber-steffner, zvg, christian gruber-steffner

Freiheit auf 4 Rädern

Flexibel & unabhängig: Immer mehr Menschen reisen mit dem Wohnmobil.

Und landen dabei manchmal sogar auf dem Bauernhof.

Reisen mit leichtem Gepäck. Spontan. Flexibel. Und vor allem unabhängig. Es sind all diese Attribute, die das Reisen mit dem Wohnwagen so beliebt machen. Bereits vor der Corona-Pandemie erlebte das Campen einen Boom. Und nun? Inmitten der Krise ist das Reisen mit den eigenen vier Wänden eine sichere Alternative und beliebter denn je. 2020 stiegen die Neuzulassungen von Wohnmobilen im Vergleich zum Vorjahr um 74 Prozent an. Und auch die Anzahl der verkauften Wohnanhänger steigt. Tomas Mehlmauer, Präsident des Österreichischen Camping Clubs (ÖCC), erklärt, warum Camping gerade jetzt so beliebt ist: „Es hängt aus meiner Sicht mit dem persönlichen Sicherheitsgefühl zusammen. Im Camping-Urlaub kann ich autark unterwegs sein. Ich habe die Möglichkeit, im Fahrzeug zu essen, zu schlafen und eine Nasszelle zu benutzen. Wenn ich das möchte, reduziere ich den näheren Kontakt mit anderen Camperinnen und Campern auf ein Minimum.“ Der Boom rund um das Campen lässt sich be- reits vor der Pandemie mit Nächtigungszahlen und Fahrzeugzulassungen belegen. Was schätzen die Menschen an dieser Art des Urlaubs? „Viele verbinden ein großes Freiheitsgefühl mit dieser Urlaubsform. Man ist quasi mit einem Haus auf Rädern unter- wegs, fährt weiter, wenn es einem nicht gefällt oder das Wetter nicht passt. Und die Naturverbundenheit: Es handelt sich oft um besonders outdoor-affine Urlauberinnen und Urlauber, die den See oder die Berge lieben“, sagt Mehlmauer.

Vor dem Campingurlaub steht aber noch der Kauf des Wohnmobils oder des Wohnwagens auf dem Programm. Bevor man vorschnell zuschlägt, lohnt es sich, viele Informationen einzuholen. „Ob Neu- oder Gebrauchtfahrzeug – eine umfassende Information vorab erweist sich im Nach- hinein als wertvoll. Der Kauf eines ‚Campers‘ ist nicht mit dem eines Autos zu vergleichen – im- merhin dient das Fahrzeug auch als Wohnraum“, gibt Tomas Mehlmauer zu bedenken. Wer sich noch nicht entscheiden kann, ob er ein Wohnmobil oder einen Wohnwagen kaufen soll, der sollte am besten beide Modelle mieten und austesten. Egal, welches Modell es wird – eines ist wichtig: genügend Platz. Nicht nur im Wagen selbst, sondern auch zuhause, daher sollte man vorher überlegen, wo man das Fahrzeug abstellt. Bei der Entscheidung hilft auch, sich zu überlegen, wie man damit reisen möchte. Generell gilt: je kleiner das Fahrzeug, desto mobiler. Wer viel draußen unterwegs ist, braucht weniger Innenraum. Betreibt man gerne Sport, sollte man hingegen Platz für Sportgeräte einplanen. Als Neo-Camperin oder -Camper sollte man sich auch mit dem höchstzulässigen Gesamtgewicht und den spezifischen Regeln beschäfti- gen. Und auch im Bereich des Campens gibt es nachhaltige Alternativen: Zugfahrzeuge für den Wohnwagen gibt es auch mit einem E-Hybrid-Antrieb. Statt der Gasheizung kommt immer wieder eine Elektroheizung zum Einsatz. Tomas Mehlmauer hat noch einige Tipps, um böse Überraschungen beim Kauf zu vermeiden: „Man sollte die Reifen genau checken. Sie werden bei Wohnwägen manchmal vernachlässigt. Wohnwagen und Wohnmobil sollten auf Feuchtig- keit geprüft werden. Verfärbungen und ein modriger Geruch sind deutliche Hinweise. Alle Öff- nungen müssen gut schließen und alle Geräte, die mit Flüssiggas betrieben werden, sowie die Gasanlage müssen geprüft werden.“


24 Stunden am Hof

Um Wohnmobile und Camper geht es auch bei „Schau aufs Land“. So nennt Leonard Röser sein Unternehmen, das er im Herbst 2019 gründet. Der gebürtige Deutsche studiert nachhal- tigkeitsorientiertes Management in Graz und befasst sich für seine Masterarbeit mit nachhalti-

gem Tourismus. Gleichzeitig lässt ihn sein Traum, mit einem VW-Bus zu verreisen, nicht mehr los. Leonard Röser erfüllt sich seinen Traum und stellt sich gleichzeitig die Frage, wie man Wohnmobil-Reisen nach- haltiger gestalten kann. Inspiration be- kommt der Gründer dabei aus Frankreich, wo es bereits seit 20 Jahren Stellplätze auf Bauernhöfen gibt. 2019 nimmt seine Idee konkrete Formen an und gemeinsam mit Karin und Christian Grubner-Steffner grün- det Röser sein Start-up „Schau aufs Land“. Es handelt sich dabei um eine Plattform, die Wohnmobil-Reisende und Bauernhöfe zusammenbringt. Nachhaltig denkende Be- triebe bieten Stellplätze für Wohnwägen an. Das kann mitten in der Wiese, neben dem Stall oder sogar im Hof sein. 24 Stunden lang können die Reisenden am Hof verwei- len. Meistens erwartet sie nicht nur ein Platz für den Wohnwagen, sondern auch eine Führung am Hof und ein nettes Miteinander. Oder ein Hofladen. Aber auch WC, Dusche oder WLAN werden von den Landwirtinnen und -wirten immer wieder angeboten.


Blick in den Weingarten

Seit Juni vergangenen Jahres ist „Schau aufs Land“ in Betrieb. Landwirtschaftliche Betriebe können dort ein Anmeldeformular ausfüllen und beschreiben, was sie anbieten. Reisende hingegen können eine Mitgliedschaft für ein Jahr erwerben. Sie haben Zu- griff auf die Plattform und können via interaktiver Karte aus den mittlerweile 250 Betrieben in ganz Österreich wählen. Über eine App kann man direkt Kontakt aufnehmen. Buchen kann man über „Schau aufs Land“ aber nicht: „Wir sind keine Buchungsplatt- form, sondern eine Vermittlungsplattform“, sagt Röser. Viele der Stellplätze befinden sich auch in Niederösterreich. Vor allem im Weinviertel rund um Eggenburg nutzen viele Winzerinnen und Winzer die Chance, Menschen einen Einblick in ihren Arbeitsalltag zu gewähren. Aber auch klassische Landwirtschaften, Imkereien und Gastronomien findet man. Mitmachen darf aber nur, wer den nachhaltigen Kriterienkatalog des Start-ups erfüllt: „Wir legen unser Hauptaugenmerk auf Bio-Betriebe. Unser Ziel ist es, ein klei- nes Netzwerk aufzustellen“, sagt Röser.

„Schau aufs Land“ erhält im vergangenen Jahr ein tolles Feedback von allen Beteiligten: „Die Reisenden haben von idyllischen Plätzen erzählt und von dem Austausch untereinan- der. Oder davon, dass sie alleine in der Natur waren und sich wohlfühlten und abschalten konnten“, erzählt Röser. Und auch die Landwirtinnen und Landwirte sind begeistert davon, Menschen auf ihrem Hof zu haben. Eine Bäuerin etwa erzählt davon, dass die Gäste auf ih- rem Hof für 24 Stunden in den Bauernstiefeln steckten und den Alltag kennenlernten. Und beim nächsten Besuch im Supermarkt genau wissen, wie viel Arbeit in den Lebensmitteln steckt. Und auch eine weitere Geschichte bleibt Leonard Röser im Gedächtnis: „Ein Land- wirt lernte über ‚Schau aufs Land‘ Endkonsumenten kennen. Er erlebte zum ersten Mal Wert- schätzung und Dankbarkeit für seine Arbeit.“ Unter den Reisenden befinden sich Studieren- de, Familien, Seniorinnen und Senioren. Manche sind auf der Durchreise, manche aber rei- sen durch ganz Österreich und verbringen auf den Bauernhöfen ihren Urlaub.


Umdenken

Auch 2021 wird der Schwerpunkt auf Urlaub in Österreich liegen, sagt ÖCC-Präsident To- mas Mehlmauer. Jene Camperinnen und Camper, die ihren Urlaub im Ausland verbringen möchten, werden sich je nach aktueller Lage kurz vor dem Urlaub entscheiden. Wenn die Lage berechenbarer wird, werden Italien und Kroatien gefragt sein, sagt er. Und Leonard Röser hofft, dass die Pandemie die Menschen zum Umdenken anregt: „Ich wünsche mir po- sitive Auswirkungen für die Regionalität, für die Gesundheit und für die Umwelt.“ Etwas, das vielleicht in Erfüllung gehen könnte: Denn bereits im Frühling meldeten sich viele neue Rei- sende bei der Plattform an, um ihren Urlaub auf Bauernhöfen in ganz Österreich zu verbringen.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021