IM PORTRÄT


In Dammerers Hofladen können sich Kunden Produkte verpackungsfrei

mitnehmen.


FotoS:  danilela Führer

Die „Mut-Bäuerin“

Silke Dammerer betreibt gemeinsam mit ihrer Familie eine kleine Landwirtschaft in Ybbs an der Donau. In ihrem Hof-laden steht die Regionalität der Produkte im Vordergrund.

Wütend wirkt sie nicht. Im Gegenteil: Pure Lebensfreude blinzelt aus Silke Dammerers blauen Augen. Ihre langen blonden Haare fallen ihr über die Schultern. Und trotzdem wird sie 2016 zur „Wut-Bäuerin“. Damals lädt die österreichische Regierung das Fußball-Nationalteam zu einem Essen ein. Am Speiseplan stehen Rindfleisch aus Uruguay und Jakobsmuscheln. Silke Dammerer wendet sich via Facebook an das Bundes- kanzleramt, um darauf aufmerksam zu machen. Ihr Beitrag verbreitet sich rasant und bringt die Regierung sogar dazu, sich öffentlich dafür zu entschuldigen. Es bleibt nicht das einzige Mal, dass sich Silke für die Landwirte des Landes einsetzt. Denn sie möchte vor allem eines: das Bild der Landwirtschaft zurechtrücken.


Anonymes Fleisch

Silke Dammerer ist eigentlich alles andere als eine typische Bäuerin. Sie wächst in der oberösterreichi- schen Stadt Steyr auf und besucht die Tourismusfachschule in Bad Leonfelden. Danach arbeitet sie als Kundenbetreuerin bei der Hypo Niederösterreich. Mit der Landwirtschaft hat sie nichts am Hut. Bis sie ihren zukünftigen Ehemann Josef kennenlernt. Anfangs weiß sie nicht, dass er auf einem Bauernhof lebt. Auch dass er den Hof übernehmen soll, ist nicht geplant. Silke zieht zu Josef nach Ybbs an der Donau und findet Gefallen an dem Leben in der Natur. 2004 kommt Tochter Hanna zur Welt, 2006 Sohn Peter. Seit ihrem Um- zug auf den Hof hilft das junge Paar am Bauernhof, der damals noch ein Milchviehbetrieb ist, mit. 2007 ent- scheidet das Paar dann gemeinsam mit Josefs Eltern, dass sie den Betrieb weiterführen wollen. Sie habe von Anfang an alles mittragen dürfen, sagt die heute 38-Jährige. Da beide ihre Jobs behalten wollen, füh- ren sie den Betrieb im Nebenerwerb weiter. An ihrem „Dammererhof“ halten sie rund 60 Kalbinnen, die sie an den Handel weiterverkaufen. Silke arbeitet als Bildungsreferentin im Hypo Verband und pendelt dafür

nach Wien. 2016 macht sich die ehrgeizige Frau dann Gedanken darüber, was mit dem Fleisch ihrer Rinder passiert: „Wir verabschiedeten damals das Fleisch ausschließlich in die Anonymität.“ Silke und ihr Mann beschließen, etwas zu ändern und steigen in die Direktver- marktung ein. Ein Rind pro Monat verarbeiten sie daraufhin selbst. Daraus entstehen Dry- Aged-Rindfleisch, Faschiertes und Würstel. Zehn Autominuten entfernt befindet sich der Fleischer, der die Tiere verarbeitet. Der kurze Transportweg und das stressfreie Schlachten wirkt sich auf den PH-Wert aus, sagt Silke.

2018 hat die resche Bäuerin eine weitere Idee für ihren Bauernhof: Sie gründet einen Hofla- den. Freitags und samstags steht die Frau im kleinen Geschäft im Innenhof, um dort über 300 Produkte von 45 Produzenten der Region zu verkaufen. Eigentlich, sagt sie, ist es ein Regionalladen. Von jung bis alt kommen die Kunden auf den Dammererhof. Durch die Co- rona-Krise ist es sogar noch mehr geworden: „Es ist ein großes Umdenken da. Die Men- schen kochen wieder mehr und machen sich Gedanken darüber, wo ihre Lebensmittel her- kommen.“ Und Silke, die macht sich Gedanken um jeden Aspekt in der Landwirtschaft: Etwa auch um das Klima. Hier etwas beizutragen, ist ihr ein großes Anliegen. Aus gutem Grund: „Von der Klimakrise ist mein unmittelbarer Arbeitsplatz betroffen.“ Im Hofladen setzt Silke daher auf verpackungsfreies Einkaufen. Es gibt acht große Glasröhren, gefüllt mit Müsli, Reis und Nudeln. Die Kunden können sich die Produkte so verpackungsfrei in mitge- brachten Behältern mit nach Hause nehmen. Auch Mehl gibt es unverpackt. Und Essig und Öl zum Selberzapfen. Der Strom für den ganzen Hof kommt von einer Photovoltaik-Anlage und geheizt wird mittels Gemeinschaftsheizung mit den Nachbarn, gefüllt mit Hackschnit- zeln aus dem eigenen Wald. In ihrem Hofladen betreibt Silke Dammerer viel Aufklärungsar- beit. Denn vielen Konsumenten fehlt das Wissen über die

Produktion in Österreich und dem Rest der Welt. Eines macht sie ihren Kunden außerdem klar: „Jeder Griff ins Regal ist ein Pro- duktionsauftrag. Ich entscheide selbst, ob er ins Ausland geht oder im Dorf bleibt.“


Viel Unwissenheit

Am Dammererhof geht nichts ohne die Schwiegereltern von Silke Dammerer. Der Schwiegervater übernimmt den Stall am Mor- gen und auch zu Mittag. Am Abend kümmern sich dann Silke und Josef um den Betrieb, je nachdem, was anfällt. Zu Spitzenzei- ten hilft die ganze Familie zusammen. Zu dem Hof gehören nämlich auch 20 Hektar Land, auf dem das komplette Futter für die Tiere wächst. Neben Wiese gedeihen auf den Feldern Weizen und Gerste. Dass beispielsweise Tiere in Österreich, ob konventio- nell oder bio, nur dann Antibiotika erhalten, wenn sie krank sind und eine präventive Zugabe zum

Futter in Österreich streng verboten ist – das möchte Silke Dammerer vor allem auch an die nächste Generation weitergeben. Deshalb engagiert sich Silke, die seit 2019 Bezirksbäuerin im Bezirk Melk ist, für die Initiative „Schule am

Bauernhof“. Schülerinnen und Schüler ab der siebten Schulstufe besuchen gemeinsam mit den Pädagogen den Dammererhof. Dort erzählt ihnen die vielseitige Frau viel über den Betrieb und die Produktionsweise in In- und Ausland. Nach einem Rundgang bereitet sie dann gemeinsam mit den Jugendlichen Burger aus hofeigenem Fleisch zu. Warum sie speziell ältere Schüler zu sich auf den Hof einlädt, erklärt sie so: „Ältere Schüler konsumieren selbst und haben vielleicht bald einen eigenen Haushalt. Ich möchte sie aufklären, wie Landwirtschaft in Österreich imm Vergleich zu anderen Ländern funktioniert.“ In ihrer Funktion als Be- zirksbäuerin fordert sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen die Regierung auf, das Fach „Ernährungs- und Konsumentenbildung“ in den Lehrplan aufzunehmen: „Wir sehen einfach, dass viel Unsicherheit und Unwissenheit herrscht.“

Seit 18 Jahren lebt Silke Dammerer am Hof in Ybbs. Zu Beginn fragt sie sich: Was passiert eigentlich mit der Landwirtschaft? In all den Jahren hat sich einiges verändert, sagt sie. Mehr als die Hälfte der Landwirte betreiben den Bauernhof nebenberuflich. „Viele fragen sich: Warum tue ich mir das eigentlich an?“, sagt Silke nachdenklich. Die junge Frau tut es sich weiterhin mit einer großen Portion Leidenschaft an und kämpft für ihre Interessen. „Was passiert, wenn wirklich alle Betriebe zusperren würden? Wir geben alles ins Ausland ab, wir geben den Klima- und Tierschutz ab. Und verlieren viele Arbeitsplätze in Österreich.“ Woher nimmt die ehrgeizige Frau ihre Motivation? „Aus meiner Familie. Ich habe viel Unterstützung von meiner Familie und brave Kin- der“, sagt sie. In ihrer spärlichen Freizeit unternimmt Silke gerne Ausflüge mit ihren Kindern. Urlaub gibt es dank der Schwieger- eltern, die dann den Hof übernehmen. Da sich die Landwirte aber nach dem Wetter richten müssen, fahren sie immer spontan mit ihrem Wohnwagen in den Urlaub, meist innerhalb von Österreich oder Kroatien.

Das Leben als Landwirtin, es ist mit vielen Entbehrungen verbunden. Silke Dammerer aber ist froh über ihren Weg in die Land- wirtschaft: „Es war nie mein Kindheitstraum, am Bauernhof zu leben. Es hat sich so ergeben und darüber bin ich sehr glücklich. Ich bin wirklich gerne Landwirtin.“


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020