forschung

Die Zukunft erforschen

An den Technopolen in Niederösterreich wird innovative Forschung betrieben, um für die Heraus- forderungen der Zukunft gerüstet zu sein.

Es ist ein heißer Sommertag auf Bali, als sich Dr. Alexander Pretsch auf Erkundungstour begibt. Im Meer möchte er Korallen sammeln, um daraus Mikroben – also winzige Lebewesen, zu denen auch Viren, Bakterien und Pilze gehören – zu isolieren. Auf einmal macht der Forscher eine interessante Entdeckung: In einem komplett mit Algen übersäten Riff stechen ihm einzelne Ko- rallen ins Auge, die unversehrt sind. Pretschs Schlussfolgerung: Auf diesen Korallen muss etwas sein, das Krankheitserreger abwehrt. Und wenn das bei Algen gelingt, dann müsste dieser Wirkungsmechanismus doch auch in vielen anderen Bereichen

einsetzbar sein, oder? Der Biomediziner, Meeres- und Mikrobiologe entnimmt eini- ge Proben und schickt sie in sein Labor nach Tulln. Noch weiß er nicht, dass sein Team bald darauf ein polymeres Verlin- kungsmuster im Korallenschleim entde- cken wird, das zur Erfindung eines neuen antiviralen und antibakteriellen Biozidpro- dukts führt. Dieses wird zukünftig nicht nur als Desinfektionsmittel gegen Hunder- te von Bakterien, Pilzen und Viren wirken, sondern auch Bestandteil von Produkten für Körperpflege, Landwirtschaft, Reini- gung, Gesundheitswesen und Pharmain- dustrie sein.


Von Oxford nach Tulln

Mag. Dr. Alexander Pretsch, BSc, wächst in Hermagor (Kärnten) auf, bevor er nach Wien zieht, um dort Biologie und später Biomedizin zu studieren. Seinen Schwer- punkt legt er auf Infektiologie und promo- viert 2008 zum Thema Virologie. Im selben

Jahr gründet er sein Unternehmen SeaLife Pharma in Tulln. Wie Meeresbiologie und Pharmazie zusammenhängen? „Immer mehr Krankheitserreger werden gegen derzeit erhältliche Antibiotika resistent. Das ist äußerst gefährlich, denn so können Infek- tionen ein lebensbedrohliches Ausmaß annehmen – und kein Mittel hilft dagegen. Die zukünftige Lösung muss es sein, neue An- tibiotika mit neuen Wirkungsmechanismen zu entwickeln. Deshalb suchen immer mehr Pharma-Entwickler im Ozean nach neuen Substanzen“, erklärt Pretsch. Als SeaLife Pharma seine Forschungstätigkeit beendet, geht der Biomediziner nach England, um sich an der Oxford University noch intensiver mit den Forschungsfeldern Antibiotika und Medizinalchemie auseinanderzusetzen. Dort gründet er mit seinem Kollegen, Dr. Miroslav Genov, 2016 die Oxford Antibiotic Group und arbeitet mit einem internationa- len Team aus Expertinnen und Experten an neuen Antibiotikaklassen. „Mit Beginn des Brexits haben wir uns dann dazu ent- schieden, die Zentrale der Oxford Antibiotic Group nach Österreich zu verlegen“, sagt Pretsch. Heuer hat das Unternehmen sei- ne neuen Räumlichkeiten in der vierten Ausbaustufe des Technologiezentrums Tulln bezogen.


Hoffnungsträger

Neben der Entwicklung von Wirkstoffen und Produkten gegen multiresistente bakterielle Krankheitserreger und Viren forscht das Unternehmen auch an einer innovativen Therapie gegen Parkinson und Alzheimer: „Diese Krankheiten sind die Folge einer Be- lastung des Körpers durch Schwermetalle. Wenn man gegen diese vorgeht, kann man die Krankheit an ihrer Entstehung hin- dern. Wir forschen daher an einer Therapie mit einem komplett neuen Wirkungsmechanismus: Mithilfe von Metallothioneinen,

also kleinen Proteinen, die Schwermetalle binden können, wird im Körper des altern- den Menschen wieder die Fähigkeit akti- viert, zu entgiften“, erklärt Pretsch. Gerade in Pandemiezeiten gewinnen zahlreiche Forschungsfelder mehr denn je an Bedeu- tung, sagt der Virologe. In Oxford hat er die Entwicklung von Corona-Impfstoffen live miterlebt. „Die Impfung ist ein extrem wichtiger Baustein im Kampf gegen die Pandemie. Parallel dazu muss aber die Medikation im Bereich Covid-19 vorange- trieben werden. Wir brauchen jetzt Mittel, die schwere Infektionen mit dem Virus und seinen Mutationen lindern und heilen kön- nen. Einige vielversprechende Studien zu bereits auf dem Markt etablierten Medika- menten, die künftig gegen Corona einge- setzt werden könnten, befinden sich gera- de in Phase 2“, macht Pretsch Hoffnung.


Technopole

Damit Unternehmen wie die Oxford Anti-

biotic Group in Niederösterreich forschen können, braucht es die geeignete Infrastruktur, um ihnen Fläche und Handlungsspiel- raum zu geben. Vor rund 20 Jahren wurde daher mit der Errichtung von Technologie- und Forschungszentren (TFZ) begonnen. „In den letzten Jahrzehnten hat Niederösterreich einen Wandel vom Agrarland zum Wissenschafts-, Weiterbildungs- und Innova- tionsstandort vollzogen“, sagt Mag. Helmut Miernicki, Geschäftsführer der niederösterreichischen Wirtschaftsagentur ecoplus. Ende der 90er-Jahre sprossen etwa zeitgleich mit der Gründung der ersten Fachhochschulen drei Säulen aus dem Boden: Wirt-

schaft, Wissenschaft und Ausbildung. „Ziel war es, diese drei Säulen zu ver- netzen. Deshalb haben wir an den Standorten Wiener Neustadt, Krems, Tulln und Wieselburg Technopole zu bestimmten Schwerpunktthemen ge- gründet und Forschungsinstitute, Aus- bildungseinrichtungen und Unterneh- men zusammengeführt. Der nächste logische Schritt war es dann, ihnen die individuell benötigte Infrastruktur zu bieten – also Häuser, Labore, Werk- stätten oder Ausbildungsräume“, er- klärt Miernicki.

Die insgesamt sechs Technologie- und Forschungszentren im Land – 2018 folgte das TFZ in Seibersdorf, 2019 der IST Park in Klosterneuburg – entsprechen allesamt den Anforderun- gen moderner Forschung. „Seit 1999 wurden in den Infrastrukturausbau mehr als 154,3 Millionen Euro inves- tiert und damit in Summe rund 40.200 Quadratmeter moderne Labor- und Büroflächen errichtet. Heute gibt es an

den Technopolstandorten in Niederösterreich mehr als 3.700 Ar- beitsplätze im Technologiebereich“, sagt Helmut Miernicki. Der Erfolg des Technopolprogramms spiegelt sich in zahlreichen be- reits gewonnenen Preisen wider, auch in Zukunft möchte man weiter daran arbeiten, Niederösterreich als bekannte For- schungsregion innerhalb der EU zu etablieren. „Am Ende soll aber jede Forschung den Menschen in unserem Land zugute- kommen. Bei der langen Nacht der Forschung, die das nächste Mal am 20. Mai 2022 stattfinden wird, öffnen die Technologie- und Forschungszentren wieder ihre Pforten für alle Niederöster- reicherinnen und Niederösterreicher und zeigen allen Interessier- ten, welche Auswirkungen Forschung auf uns und unser Leben hat“, betont Miernicki.


Technologieinteresse wecken

Neues Leuchtturmprojekt der Digitalisierungsstrategie in Nieder- österreich ist das „Haus der Digitalisierung“, das bis 2023 am Campus Tulln entstehen soll. Das Herzstück wird ein Showroom sein, der zeigen soll, was digital möglich ist, betont Landesrat Jo- chen Danninger: „Wir möchten die Projekte, Unternehmen und Menschen, die sich mit Digitalisierung beschäftigen, vor den Vor- hang holen. Mit dem Neubau soll die Digitalisierung für Men- schen sichtbar und erlebbar werden. Die Pandemie hat dem di- gitalen Wandel in allen Lebensbereichen einen zusätzlichen Schub verpasst. Nun möchten wir den Unternehmen Unterstüt- zung und optimale Rahmenbedingungen für ihre digitale Trans- formation bieten. Unser Ziel ist es, digitale Technologien, intelli- gente Produktionsprozesse, neue Materialien und Werkstoffe in Niederösterreich zu entwickeln und damit eine dynamische Ent- wicklung des Wirtschaftsstandortes zu ermöglichen.“


Michaela Neubauer

Mit innovativen Plattformtechnologien forscht das Unternehmen an Wirkstoffen für neue Medikamente.

Mit innovativen Plattformtechnologien forscht das Unternehmen an Wirkstoffen für neue Medikamente.

Die Oxford Antibiotic Group unterstützt auch Studierende wie Carmen Kampleitner auf ihrem Weg in die Forschung.

Die Oxford Antibiotic Group unterstützt auch Studierende wie Carmen Kampleitner auf ihrem Weg in die Forschung.

Mag. Dr. Alexander Pretsch, BSc, Geschäftsführer der Oxford Antibiotic Group, und

Mag. Helmut Miernicki, Geschäftsführer der niederösterreichischen

Wirtschaftsagentur ecoplus

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021

fotoS: barbara nidetzky