Psychologie

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Stille Nacht, einsame Nacht?

Einsamkeit drückt in der Weihnachtszeit – verstärkt durch die Corona-Krise – besonders schwer. Selbstfürsorge und Gedankenhygiene helfen, sich nicht im Sog der Einsamkeit zu verlieren.

Unterm Christbaum Lieder singen, Geschenke auspacken, mit den Liebsten gebackenen Karpfen und Unmengen an Keksen ge- nießen. Weihnachten, die schönste Zeit im Jahr, das Fest im Kreise der Familie. Oder: Die Zeit des Jahres, in der sich der bittere Geschmack der Einsamkeit mit dem Duft von Vanillekipferln und Glühwein mischt und das Alleinsein besonders schmerzt. „Weih- nachten ist keine einfache Zeit für Menschen, die wenig soziale Kontakte haben, die Familienmitglieder verloren haben oder für Alleinstehende, die zwar prinzipiell gelernt haben, alleine zu sein, der Weihnachtszeit aber alles andere als freudig entgegense- hen“, sagt Christine Stöger-Knes, Psychologin, Psychotherapeutin und Beraterin beim Krisentelefon des Hilfswerks NÖ. Auch Workaholics, die durch vieles Arbeiten Beziehungen vernachlässigt haben, würden an Weihnachten oft merken, dass sie nieman- den haben, der ihnen wirklich nahesteht. Und: „Auch Menschen mit Familie können einsam sein“, sagt die Psychologin, „wenn sie nicht gelernt haben zu kommunizieren, keinen Kontakt zu sich selbst und damit auch keinen zu anderen finden.“


Einsam in Krisenzeiten

Durch die Corona-Krise wird Einsamkeit zusätzlich verschärft: „Damit bekommt Ein- samkeit noch einmal eine andere Komponente. Wir rechnen mit einem Anstieg an Ängsten, Depressionen und Belastungsstörungen.“ Die Drähte beim Krisentelefon laufen schon seit Längerem heiß. Viele haben Sorgen und ein Bedürfnis zu reden. „Durch Covid-19 haben wir viel mehr Anrufe, die Menschen müssen mit mehr Be- lastungen umgehen.“ Einsamkeit sei dabei ohnehin ein brennendes Thema. Ein Weihnachtsfest zu Pandemiezeiten werde das Problem verstärken, vermutet Stöger- Knes. „Es ist wichtig, sich die aktuelle Lage einzugestehen: Wir haben wieder mehr Fallzahlen, wir müssen auf Abstand und gegenseitigen Schutz achten. Wir müssen uns aber auch klarmachen, dass wir selbst mehrere Dinge haben, die wir beeinflus- sen können. Es geht also darum, Möglichkeiten zu sehen und sich nicht in Bericht- erstattungen zu verlieren, die wir nicht kontrollieren können. Was nicht heißt, dass Menschen uninformiert sein sollen, ganz im Gegenteil. Ich muss aber wissen, dass das, womit ich mich beschäftige, etwas mit mir macht.“


Den Blick auf Ressourcen lenken

Rund zwanzig Minuten, manchmal auch über eine Stunde, könne ein Gespräch beim Krisentelefon dauern, schildert Stöger-Knes. „Manche Menschen begleiten wir auch und bieten ihnen an, öfter anzurufen.“ In einem ersten Schritt hört die Psycho- login zu und findet heraus, worum es geht. „Ist das Problem Einsamkeit, Traurigkeit, mangelnde soziale Kompetenz? Soziale Unsicherheit, zum Beispiel durch länger andauernde Arbeitslosigkeit? Spielt Scham eine Rolle?“ Scham und Einsamkeit würden häufig Hand in Hand gehen, sagt Stöger-Knes. „Die Leute schämen sich, weil sie das Gefühl haben, etwas nicht erreicht zu haben, anders zu sein als die an- deren.“ Ruft jemand vor den Weihnachtsfeiertagen an, versucht die Psychologin in einem zweiten Schritt, zusammen mit dem Anrufer einen Plan für die Feiertage zu erstellen. „Es geht darum zu überlegen, welche – vielleicht ganz kleinen – Dinge geplant werden können. Was will ich tun? Schließe ich mich einem Verein an? Gehe ich in die Kirche? Gibt es jemanden, den ich beschenken kann?“ Nicht die Psycho- login liefert dafür die Ideen, sondern der Anrufer selbst. „Ich lasse mir erzählen und

bringe die Person zum Nachdenken. Da kommt ihr vielleicht ihre Katze in den Sinn, für die sie etwas Schönes zu Weihnachten kaufen kann. Die Person erzählt sich also im

Idealfall ihre eigene positive Geschichte.“

In vielen Gesprächen gehe es darum, den Blick auf vorhandene Ressourcen zu lenken. Es gebe immer etwas, das man tun könne – auch für andere: „Man kann vielleicht et- was reparieren und damit jemandem helfen oder einem Nachbarn ein Sackerl Kekse vor die Tür stellen.“ Auch kleine Schritte würden einen Prozess der Ermächtigung in Gang setzen, durch den jemand das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückge- winnt. „Das ist wichtig, weil man dadurch Bedeutung erlebt und erfährt: Ich bin ein Teil der Gesellschaft, ich fühle mich wieder zugehörig.“ Was Stöger-Knes ihren Anrufern noch mitgibt: Unterstützung bei der Gedankenhygiene. „Gedanken können belastend sein. Solche Gedanken kann man wahrnehmen und dann wieder ziehen lassen.“

Es braucht nicht immer ein Krisentelefon, um Menschen ein Stück weit aus ihrer Ein- samkeit zu helfen. „Jeder kann einem anderen zuhören, Trost spenden, das kostet nichts. Zuspruch und Anteilnahme können für einen anderen Menschen ein echtes Ge- schenk sein.“ Es gehe um kleine Gesten, die ausdrücken, dass man den anderen wahrnimmt, die sagen: „Ich sehe dich. Ich weiß, dass du da bist. Du bist ein Teil von uns.“ Solche Gesten sind immer möglich, auch mitten in der Corona-Krise.


Sandra Lobnig

NÖ Krisentelefon

Hilfe bei Einsamkeit, Depressionen,

Mobbing, Problemen im

Familienkreis oder am Arbeitsplatz,

Stresssituationen und vielem

mehr – kostenlos, anonym und

24 Stunden am Tag.

Tel.: 0800 20 20 16

erschienen in GESUND & LEBEN 12/2020