PSYCHE

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Wenn Schulden krank machen

Die Corona-Krise lässt nicht nur die Zahl der Jobsuchenden explodieren, Experten fürchten auch einen Anstieg bei der Ver- schuldung von Privatpersonen. Doch es gibt Lösungswege.

 Es ist ein Teufelskreis. Hier ein paar offene Rechnungen, dort eine unerwartete Reparatur. Und dann auch noch Kurzarbeit oder gar Jobverlust mitten in der Corona-Krise. Bei knappen Finanzmitteln entstehen schnell Schuldenprobleme. Je größer sie werden, umso schwieriger schafft man den Weg heraus. Oft fol- gen gesundheitliche Probleme. Doch damit ist man nicht allein, auch wenn man sich als Betroffener so fühlt. Und man bekommt Hilfe, wenn man sie zulässt. Schon vor der Krise hatte jeder dritte Haushalt in Ös- terreich Schulden, zeigt eine Untersuchung der Österreichischen Nationalbank.


Pro Jahr werden 1,4 Millionen gerichtliche Pfändungen durchgeführt. Im Vorjahr wurden über 60.000 Per- sonen von einer staatlich anerkannten Schuldnerberatung betreut, um Unterstützung bei ihrem Weg aus den Schulden zu erhalten. Davon kamen knapp 4.400 zur Schuldnerberatung NÖ – mit einer Durch- schnittsverschuldung von über 103.000 Euro.

„Ich gehe leider davon aus, dass sich die Situation in einigen Monaten drastisch verschärfen wird“, meint

Michael Lackenberger, Geschäftsführer der Schuldnerberatung NÖ. Denn: „Wir haben jetzt bereits rund 600.000 Arbeitslose und ich befürchte, dass noch einige hinzukommen werden.“ Warum? „Viele kleine Unternehmen, die aktuell die Mitarbeiterinnen und Mitar- beiter in Kurzarbeit haben, werden es wegen Einnahmeneinbußen nicht schaffen und dann erst recht jemanden kündigen müssen.“


Zu Lasten der Gesundheit

Eine Überschuldung hinterlässt tiefe gesundheitliche Spuren. Laut einer Analyse der heimischen Schuldnerberatungen betrifft das vor allem die Psyche. Zwei von drei Betroffenen in Österreich leiden an Stress – gefolgt von Depressionen, Schlafstörungen, Sorgen und Angstzuständen. Bei jedem Dritten kommen sogar körperliche Auswirkungen wie Rückenschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen und Suchterkrankungen wie übermäßiger Alkoholkonsum dazu. Wie das passiert, weiß Chefarzt Dr. Gerald Grund- schober, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Er ist ärztlicher Leiter des Fachbereiches Psychosozialer Dienst bei der Psychosoziale Zentren GmbH (PSZ), der größten gemeinnützigen Trägerorganisation für Menschen mit psychischen Proble- men in NÖ. „Schulden belasten sehr und erzeugen negativen Stress. Dieser verändert unsere Denkweise – und manchmal auch Ge- hirnregionen“, erklärt der Experte. Er zieht einen Vergleich: „Wenn man beispielsweise ein Muskeltraining falsch durchführt, bekommt man Schmerzen in den

Muskeln und Sehnen oder der Rücken tut weh.“ Ähnliches passiere im Gehirn: „Wenn es durch erhöhte und andauernde psychische Belastung, wie durch Stress, derart beansprucht wird, kann es kleiner und dadurch weniger leistungsfähig werden. Andere Systeme wie Hormone reagieren unter Stress schneller, indem auf jede kleinste Belastung sofort eine volle Hormon-ausschüttung folgt – es entsteht vielleicht schneller eine Angstsymptomatik.“


Strukturen sind wichtig

Grundschober nimmt an, dass die Belastung in der Bevölkerung wegen der Corona-Krise heuer steigen wird. Viele Menschen wür- den zudem ohnehin finanziell angespannt leben – teils bedingt durch geringen Lohn, hohe Miete oder Hauskredite und die Notwen- digkeit des „Mithaltens“ in einer Leistungsgesellschaft. Aber auch eine schlechte, nicht gelernte persönliche Einnahmen-Ausgaben- Rechnung und die schnelle Neigung zur Überschuldung sind Gründe, meint der Chefarzt: „Die Konsumgesellschaft verleitet uns ja mit vielen Tricks rund um die Uhr dazu.“ Schwierig sei die Situation, wenn nun der Arbeitsplatz und damit das Einkommen abhanden- kommen, so der Experte. Der Job mit Tagesstruktur ist plötzlich weg, die monatlichen Zahlungen schwer möglich, Einschränkungen im Alltag müssen gemacht werden. „Die Anspannung – bis hin zur Gewalt – in der Familie erhöht sich. Scham beginnt beim Einkauf, wenn man sich nicht mehr alles leisten kann“, weiß Grundschober. Suchtmittel als „Auflösungsmittel“ der Probleme werden eher ein- gesetzt. Er rät, Strukturen zu schaffen: Tage, an denen man sich um seine Probleme kümmert, sozusagen „Arbeitstage“, und „freie Tage“, an denen die Stärkung der Seele im Vordergrund steht. Wenn dies nicht mehr klappt, sollte man sich von Spezialisten unter- stützen lassen.


Weniger Arztbesuche

Doch der Weg dorthin fällt nicht immer leicht. Laut einer Studie der Uni Mainz meiden Menschen mit knappen Geldmitteln Ärzte und Apotheken. Vier von zehn Betroffenen streichen regelmäßige Vorsorgeun- tersuchungen und sechs von zehn Betroffenen ge- hen selbst bei Problemen nicht zum Arzt. Und: Der Anteil von psychischen Erkrankungen ist bei Men- schen mit hohen Schulden mehr als dreimal so hoch wie bei der übrigen Bevölkerung. Die Zahl der Rau- cherinnen und Raucher sowie der schwer Überge- wichtigen ist doppelt so hoch. Die Studie sei auf Ös- terreich durchaus umlegbar, meint Michael Lacken- berger: „Viele versuchen mit Nikotin und Alkohol von den Problemen abzulenken und sozusagen runterzu- kommen. Dass dies keine Lösung ist, wissen wir na- türlich alle.“


Geld für Gesundheit

Wie kann er seine Klientinnen und Klienten dazu be- wegen, Geld für die Gesundheit auszugeben? „Fast alle sind dazu nicht in der Lage“, weiß Lackenberger: „Da geht es primär ums Überleben schlechthin – also wie kann ich meine Wohnung bezahlen, wie kann ich Lebensmittel für meine Familie und mich kaufen? Erst wenn wir unsere Klienten im Finanzbe- reich stabilisiert haben, können sie wieder Geld für die Gesundheit ausgeben.“ Es könne aber auch um- gekehrt sein, nämlich dass man zuerst die gesund- heitliche Situation stabilisieren müsse und erst da- nach mit der Schuldensanierung beginnen könne. Einen Lichtblick bringt die jährliche Klientenbefra- gung der Schuldnerberatung: 30 Prozent gaben zu- letzt an, dass sich ihre gesundheitliche Situation durch die Schuldenregulierung verbessert hat. 94 Prozent fühlten sich erleichtert.



Heinz Bidner

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020