IM PORTRÄT

Maria und Wolfgang Fink möchten mit ihrer Selbsthilfegruppe anderen Eltern Mut machen,

um über ihre Trauer zu sprechen.

FotoS: istockphoto/ranasu, daniela rittmannsberger

Durch die schwerste Zeit

„In guten wie in schlechten Zeiten“ haben sich Wolfgang und Maria Fink geschworen. Als Maria zunächst ihre Tochter und das Ehepaar später den gemeinsamen Sohn durch plötzlichen Kindstod verliert, muss es stärker denn je zusammenhalten.

   Stefanie ist das zweite Kind von Maria und ihrem damaligen Partner. Als Stefanie sechs Monate alt ist, findet ihre Mutter sie tot im Bett. Sie verstarb an plötzlichem Kindstod. Ein Alptraum sei das gewesen, erin- nert sich Maria. Die Familie im Ausnahmezustand. Sie bekommt eine weitere Tochter, Tina, sie ist gesund. Nach der Trennung von ihrem Partner lernt die Salzburgerin Wolfgang kennen. Er hat bereits einen Sohn. Maria wird schwanger und bringt die Zwillinge Simone und Wolfgang zur Welt. Die Frühchen werden an- fangs überwacht, dann ist es nicht mehr notwendig. Einige Tage darauf liegt der kleine Wolfgang tot im Bett. Er wird nur ein halbes Jahr alt, genauso wie seine Halbschwester Stefanie.


Ort der Verschwiegenheit

Das ist mittlerweile mehr als 30 Jahre her. Damals, erzählt Wolfgang Fink, sei man dem Tod der Kinder hilf- los gegenübergestanden. Die Familie durchlief zahlreiche Tests, denn der plötzliche Kindstod komme zweimal in einer Familie nur selten vor. Mit ihrer Trauer stand das Ehepaar ganz alleine da: „Das ist eine extrem große Herausforderung für die Familie. Wir hätten uns eine psychologische Betreuung gewünscht. Einfach, dass man nicht mehr damit alleine ist“, sagt Wolfgang Fink. Beide stellten außerdem fest, dass Mann und Frau anders trauern: „Heute gibt es Erfahrungswerte, das war damals noch kein Thema“, sagt Wolfgang Fink. Maria stellte ihrem Ehemann oft die Frage: „Warum trauerst du nicht?“ Männer, fügt die Salzburgerin hinzu, verdrängen die Trauer, machen Sport oder stürzen sich in die Arbeit. Eine Frau hinge- gen will reden und weinen. Sechs Jahre nach dem Tod des kleinen Wolfgang organisiert ein Arzt der Neo- natologie ein jährliches Treffen für betroffene Eltern. Maria und

Wolfgang finden außerdem eine Trauergruppe in Salzburg. Gemeinsam nehmen sie regelmäßig daran teil: „Es hat uns beiden gutgetan. Wir haben Gleichgesinnte getroffen und uns das ein oder andere mitnehmen können – und wenn es nur ein Satz war, der getröstet hat“, erinnert sich der 58-Jährige. Das Paar über- nimmt die Trauergruppe schließlich und leitet sie vier Jahre lang. Einmal im Monat kommen zwölf bis 18 Betroffene in ihre offene Gruppe. Auch wenn die Menschen eine gewisse Hemmschwelle haben, sind sie froh, sich austauschen zu können, sagt Wolfgang Fink. Die Selbsthilfegruppe ist dabei ein Ort der

Verschwiegenheit, fügt er hinzu.


Belastung für die Beziehung

Austausch über einen schweren Verlust findet im Alltag häufig zu wenig Platz, denn das Umfeld weiß oft nicht, wie es mit der Trauer umgehen soll. Das Umfeld des Ehepaares Fink reagierte ebenfalls hilflos auf die Schicksalsschläge. Diese Reaktion bewegte sie: „Wenn man die Hilflosigkeit Außenstehender sieht, ist man betroffen. Sie können mit dem Tod nicht umgehen.“ Freundschaften von Maria und Wolfgang lösen sich in dieser Zeit auf. Die beiden fangen an, Ausbildungen, beispielsweise zum Mentaltrainer, zu absol- vieren und unternehmen viel miteinander. Durch gemeinsame Interessen finden sie wieder Freude am Le- ben. Etwas, das für ein Paar nach solch Schicksalsschlägen eher die Ausnahme bleibt: Der Tod des Kin- des ist eine Belastung für die Beziehung, 70 Prozent der Paare lassen sich daraufhin scheiden. Wie haben Maria und Wolfgang es geschafft, dass ihre Beziehung der Belastung standhält? „Zum einen hilft Vertrau- en zum Partner und dass man sich immer wieder gegenseitig aufbaut. Dann gibt es bestimmte Tage wie Weihnachten oder den Sterbetag, an dem wir das gemeinsame Gespräch suchen“, sagt Wolfgang Fink.


Tränen bis Zorn

Vor einem Jahr gründeten Maria und Wolfgang Fink, die mittlerweile in Amstetten leben, die Selbsthilfe- gruppe „Leben mit dem Tod eines Kindes“. Anfangs traf sich die Gruppe in einem Bestattungsunterneh- men, mittlerweile ist sie in den psychosozialen Dienst der Caritas in Amstetten übersiedelt. An einem run-

den Tisch versammeln sich die Menschen, es gibt etwas zu trinken und eine Kerze in der Mitte des Tisches. Nach der Begrü- ßung stellen sich jene vor, die neu zur Gruppe gestoßen sind. In der Gruppe der trauernden Eltern ist alles erlaubt, sagt Wolf- gang Fink – vom Weinen bis zum Zorn. Keiner lacht über den anderen, denn alle sind selbst Betroffene und verständnisvoll.

Maria und Wolfgang Fink wollen Menschen mit ihrer Selbsthilfegruppe ermutigen, über diese Thematik zu sprechen und den Druck von Familien zu nehmen. Der monatliche Termin gibt den Betroffenen Halt: „Einmal im Monat findet man Gleichgesinnte. Das macht viel aus“, sagt die 60-jährige Maria. Das Ehepaar ist sich einig, dass es wichtig ist, zu zweit zur Selbsthilfegruppe zu kommen, um sich gegenseitig verstehen zu können.


Narbe bleibt

30 Jahre nach dem Tod der Kinder leben Maria und Wolfgang Fink wieder ein Leben in Freude. Wolfgang schreibt gerade an sei- ner Diplomarbeit für seine Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater, beide haben sich einen neuen Freundeskreis aufgebaut.

Aus der schwierigsten Zeit ihres Lebens haben sie Erkenntnisse fürs Leben gewonnen: „Der Tod ist ein Teil des Lebens. Ich stel- le ihn nicht in eine Ecke, er darf präsent sein.

Keiner weiß, wann die letzte Stunde geschlagen hat, daher sollte man mit dem Leben bewusster umgehen“, sagt Wolfgang Fink.

Die Trauer um Stefanie und Wolfgang bleibt trotzdem. Aber auch mit Trauer, sagt Wolfgang Fink, könne man leben. Maria

formuliert es so: „Die Wunde schließt sich, die Narbe aber bleibt. Gut wird es nicht mehr.“


Dass der frühe Tod ihrer Kinder etwas mit ihr gemacht hat, bemerkt Maria dann, wenn ihre Enkelkinder zu Besuch sind.

Die Angst, dass eines ihrer insgesamt fünf Enkelkinder „nicht mehr munter wird“, ist nach wie vor da. Der Tod der beiden Kinder prägt die Familie bis heute – die Erkenntnis, nicht alleine zu sein und alles gemeinsam durchzustehen, schweißte Maria und

Wolfgang Fink und ihre insgesamt vier Kinder letztlich aber noch stärker zusammen.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2020