VERHÜTUNG

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vielfach greifen junge Mädchen zu früh zur hormonalen Verhütung.

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Reif für die Pille?

Die Pille zählt zu den gängigsten Verhütungsmethoden für junge Frauen. Zurecht?

Der erste Kuss, die erste Liebe, das „erste Mal“: Etwa die Hälfte aller Jugendlichen hat mit knapp 17 Jah- ren den ersten Sexualkontakt, jedes fünfte Mädchen sogar schon mit 14. Es ist eine aufregende Zeit im Le- ben eines jeden jungen Menschen – Unsicherheit, Nervosität oder die Angst, ungewollt schwanger zu wer- den, sind daher vollkommen normale Begleiterscheinungen abseits jeglicher Romantik. Um eine Schwan- gerschaft zu verhindern, verhüten Jugendliche am häufigsten mit Pille und/oder Kondom. Mit unterschied- lichen Nebenwirkungen, denn das Kondom schützt einigermaßen verlässlich vor einer Schwangerschaft, aber auch vor vielen sexuell übertragbaren Erkrankungen. Die Einnahme der Pille in jungen Jahren kann aber das weibliche Hormonsystem gehörig aus der Bahn werfen und einerseits Spätfolgen mit sich brin- gen. Andererseits erfolgt am Beginn der weiblich-hormonellen Entwicklung noch gar kein Eisprung. Ist die Pilleneinnahme für sehr junge Frauen also überhaupt sinnvoll?

Die Gynäkologin Univ.-Prof. Dr. Doris Maria Gruber kennt die Unsicherheit vieler Mädchen und Frauen aus der täglichen Praxis: „Sobald junge Frauen das erste Mal Sex haben, greifen sie am liebsten zur Pille“, sagt die Medizinerin. Das sei jedoch nicht ganz unproblematisch, vor allem bei sehr jungen Mädchen, de- ren Hormonsystem noch nicht vollständig entwickelt ist. „Eine junge Frau, deren Zyklus noch nicht stabil und ausgereift ist, hat keinen Eisprung und kann daher auch nicht schwanger werden.“ Doch die Angst vor einer Teenager-Schwangerschaft und einer eventuell nachfolgenden Abtreibung ist für Gynäkologen und junge Frauen das Hauptargument für die Pille. Doch es gibt eine gute Nachricht: All diese Ängste und Unsicherheiten können zerstreut werden, wenn junge Frauen ihren Körper und dessen Funktionen kennen und die Gynäkologin oder der Gynäkologe des Vertrauens eine umfassende Pillenanamnese durchführt.


Der Weg zur Frau

Die erste Regelblutung, die Menarche, setzt im Schnitt zwischen dem zwölften und 14. Lebensjahr ein, „in den folgenden fünf Jahren entwickeln sich die weiblichen Sexualhormone, bis sich ein stabiler Zyklus ein- stellt“, erklärt Gruber. Wenn sehr junge Mädchen also noch keine regelmäßige Menstruation haben und die Pille einnehmen, können sie mitunter sogar ihre Fruchtbarkeit aufs Spiel setzen. Der Grund: Am Beginn der Pubertät ist jeder Eierstock polyzistisch, also von vielen kleinen Zysten besetzt, die sich im Zuge der hor- monellen Reifung bilden – ein Übergangsstadium, das letztlich in eine geordnete hormonelle Funktion mündet. Eine Überproduktion des männlichen Hormons Testosteron ist in dieser Phase normal, es äußert sich typischerweise in unreiner Haut und die Menstruation kann über längere Zeit ausbleiben oder unre- gelmäßig einsetzen. Die junge Frau entwickelt in dieser Phase auch ihre weiblichen Formen. Die Östrogen- produktion setzt ein und lässt die Eierstöcke reifen, die unzähligen kleinen Zysten bilden sich dadurch zu- rück. Auch die Gebärmutter wird östrogenisiert und entwickelt wichtige Schleimhautschichten, dadurch wird die Blutung in der Folge regelmäßig. Das Hormon Progesteron (Gelbkörperhormon) versteht das als „Aufforderung“, den Eisprung auszulösen. Der Weg zur Frau umfasst also eine Abfolge vieler scheinbar undurchsichtiger hormoneller Kettenreaktionen.

Junge Frauen, die bereits ab der ersten Regelblutung hormonell verhüten, hemmen somit die Entwicklung der Eierstöcke. Konkret heißt das: Die kleinen Zysten können sich nicht zurückbilden. Damit ist vermutlich die Basis für die Entwicklung eines Polyzystischen Ovarsyndroms gelegt. Die Gebärmutter wird kaum ös- trogenisiert, es kommt daher nicht zum Eisprung. Die Gynäkologin betont: „Die Pille ist ein Ovulationshem- mer, sie stellt die Eierstöcke hormonell ruhig, sodass kein Eisprung eintritt. Die darauffolgende Blutung ist keine natürliche Regelblutung, sondern eine Abbruchblutung.“ Wenn aber ohnedies kein Eisprung stattfin- det, bleibt die Frage: Was soll verhindert werden? „Die Wirkstoffe der Pille beeinflussen, wenn schon nicht als Ovulationshemmer, dann andere Organe, wie etwa die Gebärmutter, die ihre Schleimhautschichten nicht aufbauen kann. Fazit: Durch die hormonelle Ovulationshemmung bleibt die endokrine Entwicklung auf der Strecke. Somit bleibt das gesamte System – hormonell betrachtet – im Stadium der Pubertät ste- hen. Wissenschaftliche Untersuchungen zu dieser Problematik sind jedoch dünn, denn Studien zur Aus- wirkung der Pilleneinnahme dürfen ethisch gesehen erst ab 18 Jahren durchgeführt werden. Ein Alter also, in dem sich der Zyklus ohnedies bereits stabilisiert hat“, gibt Gruber zu denken.


Unerklärt unfruchtbar

In ihrer Praxis ist die Gynäkologin mit zunehmenden Fällen von Polyzystischem Ovarsyndrom konfrontiert. „Die Erkrankung ist im Steigen, die Auswirkungen der Pilleneinnahme in jungen Jahren stehen damit in en- gem Zusammenhang.“ Vor allem Frauen, die beispielsweise nach 15 Jahren Pilleneinnahme schwanger werden möchten, erhalten heute immer häufiger die Diagnose „Unexplained Infertility“, also eine Unfrucht- barkeit, die medizinisch nicht erklärt werden kann. Schuld daran sind aber vermutlich die „unterentwickel- te“ weibliche Gebärmutter und die für Jahre „ruhig gestellten“ Eierstöcke. Aus diesem Grund setzt sich die Gynäkologin für ein Überdenken der Pillengabe ein. Für Frauen mit regelmäßigem Zyklus ist die Einnahme eine gute Indikation, doch vielfach greifen junge Mädchen zu früh zur hormonalen Verhütung und unter- drücken damit ihre weiblich-hormonelle Reifung.

Am österreichischen Markt existieren derzeit etwa 100 verschiedene Ovulationshemmer in unterschiedli- cher Zusammenstellung und Dosierung. Das macht sich ein Trend zunutze, der für die Einnahme aufgrund vieler positiver Nebenwirkungen verschiedener Pillen spricht, wie etwa zur Korrektur von Hautunreinheiten oder zur Reduktion von Regelschmerzen. Aber, sagt Gruber, „all das ist Zykluskosmetik und keine Indikati- on für die Pille. Die Pille ist nach wie vor ein Medikament und kam in den 1960er-Jahren als Ovulations- hemmer auf den Markt, gedacht für Frauen, die bereits Kinder oder zumindest einen regelmäßigen Zyklus hatten.“ Die

Gynäkologin rät daher: „Eine umfassende Pillenanamnese durch die Gynäkologin oder den Gynäkologen ist unverzichtbar, um bei jungen Mädchen langfristig negative Auswirkungen zu verhindern.“



Doris Simhofer

erschienen in GESUND & LEBEN 09/2020