FAMILIE

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Gemeinsame Zeit ist sehr wertvoll, damit die Familie gut zusammenwachsen kann.

Familie 2.0.

Ferien bedeuten gute Koordination und viel Geduld – vor allem für Patchworkfamilien. Denn wenn sich Eltern trennen und wieder verlieben, wird die Familie neu zusammengewürfelt.

Viele Ex-Ehepaare verbinden die gemeinsamen Kinder. Auf die schmerzvolle Zeit der Trennung folgt oft ein neuer Frühling mit einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin. Und plötzlich steht das Kind einer Fa- miliengemeinschaft gegenüber, die neu zusammengewürfelt ist: Der Papa ist plötzlich mit einer anderen Frau zusammen, die vielleicht selbst auch Kinder hat. Und auch die Mama stellt den Kindern den neuen Mann in ihrem Leben vor. Die ursprüngliche Familie wird zu einer Patchworkfamilie. Zirka 92.000 Kinder le- ben in Österreich in zusammengewürfelten Familien. Um in dieser neuen Konstellation glücklich zu werden, sollte man wissen: „Es gibt kein Patentrezept. Verständnis und Zeit sind die Schlüsselwörter“, sagt Mag. Marion Wallner, NÖ Landesleiterin des Vereins „Rainbows“. Es braucht Zeit, bis jeder seinen Platz in der „neuen Familie“ gefunden hat. „Gerade in Patchworkfamilien müssen Erwartungshaltungen klarer ausge- sprochen werden als in der herkömmlichen Familie“, sagt Wallner.  Denn die Rolle, die das Kind sein Leben lang eingenommen hat, funktioniert dann vielleicht plötzlich nicht mehr. Etwa, wenn das Nesthäkchen durch die Stiefgeschwister plötzlich das älteste Kind in der Runde ist. Hier gilt es, viel darüber zu sprechen. Und noch etwas ändert sich durch die neue Konstellation: die Zeit mit dem leiblichen Elternteil. „Wir beobachten oft nach Scheidungen, dass sich Kinder ganz stark danach sehnen, exklusive Zeit mit ihrem leiblichen El- ternteil zu verbringen“, sagt die Landesleiterin. Deshalb sollte man immer separate Zeit mit seinem Kind verbringen. Dadurch zeigt man dem Kind, dass die Bindung zu ihm genauso stark ist wie davor.


Liebhaben erlaubt

Wie friedlich die erste Zeit als Patchworkfamilie verläuft, hängt immer auch davon ab, ob ein

Ex-Partner noch an der Beziehung hängt. Trotz Differenzen sollte man als Erwachsener Verantwortung übernehmen und Hass und Groll hinter sich lassen. Dabei hilft es auch, den ehemaligen Partner in einem anderen Licht zu sehen: „Man sollte den Ex-Partner als leiblichen Elternteil des Kindes sehen. Und dabei einen positiven Blick auf den anderen in seiner Rolle als Elternteil werfen“, sagt Wallner. Dazu gehört auch, seinem Kind zu erlauben, dass es beide Eltern gleichermaßen liebhat. Dabei hilft es, gemeinsam mit dem Kind ein Geschenk für den Papa auszusuchen oder die Mama anzurufen. Wichtig: Auf Worte sollten unbe- dingt Taten folgen. Gelingt dieses friedvolle Miteinander, erleichtert das wiederum die Beziehung zu den Stiefeltern. Daher ist es auch förderlich, Konflikte direkt

auszutragen und mögliche Abwertungen des anderen Elternteils vor dem Kind zu vermeiden.


Gegenseitig beschnuppern

Jede Patchworkfamilie durchläuft vier Phasen der sogenannten Gruppenbildung. Zuallererst steht das Beschnuppern auf dem Programm. Besonders geeignet ist dafür ein neutraler Ort wie etwa das Schwimmbad, um den neuen Partner und das Kind miteinander bekannt zu machen. Wichtig ist im Vorhinein, dem Kind zu erklären, warum man sich von seinem Papa oder seiner Mama ge- trennt hat. Rebelliert das Kind gegen den neuen Partner, sind viel Geduld und Liebe gefragt. Aber auch Konsequenz: „Man sollte dem Kind vermitteln, dass einem die Beziehung ernst ist und die- ser Mensch ein wichtiger Teil des Lebens ist“, sagt Wallner. Für den potentiellen Stiefelternteil ist es wichtig, nicht zu früh zu viel zu wollen. Übertriebene Geschenke sind nicht ideal, denn man kann sich das Vertrauen des Kindes nicht erkaufen, betont die Expertin. Auch sollte der neue Partner nicht als Ersatzelternteil auftreten. Daher ist es besser, wenn das Kind den Partner mit dem Vornamen anspricht. Umso weniger sich die Rollen vermischen, umso leichter wird es für das Kind, sich umzustellen. Die Erziehungsfunktion soll auch nur der leibliche Elternteil überneh- men. Etwas anders gestaltet es sich dann, wenn ein Elternteil bereits verstorben ist.


Ruhe nach dem Sturm

Danach kommt die Phase der Machtkämpfe. Das Kind testet Grenzen aus. Hier läuft der neue Partner schnell Gefahr, zu schnell alles zu persönlich zu nehmen. Diese Zeit ist eine Achterbahn der Gefühle – Zorn, Ängste und Schuldgefühle

kommen beim Kind auf. In dieser kritischen Zeit wird auch die neue Partnerschaft auf die Probe gestellt. Wichtig ist, dem Kind Zeit zu geben und viele Gespräche zu führen. Hat man diese Pha- se hinter sich gelassen, wird es wieder ruhiger. In der sogenannten Fügungsphase gewöhnen sich alle Beteiligten an die neuen Regeln und Abläufe. Rituale spielen eine wichtige Rolle. Auch wenn vieles schon besser klappt, ist das neue Gefüge immer noch ein zerbrechliches. Die letzte Phase ist die Etablierungsphase. Das Kind akzeptiert das neue Zusammenleben, jeder nimmt

Rücksicht aufeinander. Ist eine Patchworkfamilie in dieser Phase angekommen, bietet sich durch

diesen Zusammenhalt eine starke Sicherheit und Halt für das Kind. Dieser Prozess ist durchaus auch eine große Lernchance für Kinder: „Die Kinder können sich künftig gut auf Veränderung einstellen. Das ist ein Vorteil für das spätere Leben“, sagt die Rain- bows-Leiterin.

Und wie verbringt man die Ferien als Patchworkfamilie? Die gemeinsame Zeit sei eine sehr wertvolle, in der die Familie gut zu- sammenwachsen kann, sagt Wallner. Doch auch hier gilt: Man sollte sich auch eine Auszeit von Patchwork nehmen. Und bei- spielsweise ein Eis alleine mit dem Kind essen gehen. Der Urlaub sollte gut geplant und besprochen werden, denn neben Vor- freude kann beim Kind auch Angst und Unsicherheit aufkommen. Etwa wie es sein wird, so lange von der Mama oder dem Papa getrennt zu sein. Daher ist es am besten, sich urlaubstechnisch langsam anzunähern und zuerst nur ein paar Tage gemeinsam zu verreisen. Im Urlaub selbst sollte man sich etwas suchen, das alle gerne machen – ein Brettspiel oder eine bestimmte Sportart.


Vielleicht findet das Kind einen Sportfreund im neuen Partner. Gemeinsame Erlebnisse schweißen die bunt zusammengewürfelte Familie noch mehr zusammen: Also jubeln, entdecken und staunen Sie gemeinsam mit Ihrer Familie!


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020