FotoS:zvg

PORTRÄT

„Jetzt heißt es Schritt für Schritt an meinem Comeback zu arbeiten.“ - Kanutin Viktoria Wolffhardt

Viki Wolffhardt feierte 2018 als Europameisterin im Canadier den bisher größten Erfolg ihrer Karriere.

Die Krise als sportliche Chance

Die Kanutin Viktoria Wolffhardt qualifiziert sich letzten September für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Die coronabed- ingte Verschiebung sieht die 26-jährige Tullnerin als Chance.

Die Medaillen bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio wären bereits vergeben. Durch die Corona-Pan- demie verschieben sich die von 24. Juli bis 9. August 2020 geplanten Sommerspiele aber um ein Jahr. Die Olympia-Athletinnen und -Athleten werden ihr sportliches Highlight damit erst später erleben, für viele aber die absolut richtige Entscheidung. So auch für die Europameisterin im Canadier, Viktoria Wolffhardt: „Mein erster Gedanke war, dass es natürlich unglaublich schade ist, wenn die Spiele nicht stattfinden können. Im- merhin handelt es sich um meine Olympia-Premiere bei den Erwachsenen. Auf der anderen Seite geht die Gesundheit klarerweise vor. Im Unterbewusstsein war mir eigentlich sofort klar, dass eine Verschiebung un- ausweichlich ist, auch wenn man es vielleicht nicht gleich wahrhaben will“, sagt die Tullnerin.


Olympia-Ticket

Welche Kanutinnen und Kanuten dem Österreichischen Olympischen Comité zur Entsendung vorgeschla- gen werden, entscheidet sich nach einem internen Punktesystem. Herangezogen werden dabei die Platzie- rungen der WM 2018 sowie der EM und WM 2019. Nach einem harten und spannenden Kampf mit ihren Teamkolleginnen entschied Viktoria Wolffhardt die interne Qualifikation am Ende für sich. „Seit Ende Sep- tember 2019 habe ich nun also die Gewissheit, dass ich für Olympia 2020 qualifiziert bin. Wir sind dann gleich im Oktober und November zwei Mal nach Tokio geflogen, um uns mit der Wildwasserstrecke vor Ort vertraut zu machen. Nach der Weihnachtspause folgte ein mehrwöchiges Trainingslager in Dubai. Doch dann wurden wir plötzlich vom Coronavirus gestoppt“, erinnert sie sich an die Vorbereitungsphase.

Zeit des Lockdowns nutzen Auch wenn sich Viki Wolffhardt bereits auf die Olympischen Spiele gefreut hat, sieht sie die Verschiebung auf nächsten Sommer als Chance. Denn die Kanutin entschied sich spontan dazu, die erzwungene Pause für eine Operation ihrer lädierten Schulter zu nutzen. Nach einer Verletzung

im Vorjahr kämpfte die Sportlerin seither bei jedem Training mit Schmerzen. Da heuer keine wichtigen Wett- kämpfe anstehen, war der optimale Zeitpunkt für den Eingriff: „Warum sollte ich mich weiterhin quälen, ob- wohl in nächster Zeit keine Wettkämpfe am Programm stehen? So konnte ich die Zeit des Stillstands best- möglich nutzen“, ist Viktoria Wolffhardt überzeugt.


Motivation durch Fortschritte

Ihr Ziel ist, noch stärker zurückzukommen, um bei den Sommerspielen im nächsten Jahr schmerzfrei an den Start zu gehen. Das Comeback verlaufe derzeit ganz nach Plan und die Fortschritte seien deutlich spürbar, erzählt die junge Frau. Seit Anfang Juli trainiert Wolffhardt nun wieder am Wasser und steigert die Intensitäten langsam.

Das Training im Wildwasser muss aber noch ein wenig warten: „Jetzt heißt es Schritt für Schritt an meinem Comeback zu arbeiten. Durch die Absage der Wettkämpfe ist es für viele Sportlerinnen und Sportler etwas schwieriger, die tägliche Motivation für das Training zu finden. Bei mir hingegen mangelt es keinesfalls an der nötigen Motivation, denn ich habe mir einige Zwischenziele bezüglich meines Fitnesszustandes ge- setzt. Das Comeback und der damit verbundene harte Weg zurück ist somit mein ganz persönlicher

Wettkampf für dieses Jahr“, blickt die Tullnerin zuversichtlich auf den weiteren Heilungsverlauf.

Partner stärken den Rücken Viktoria Wolffhardt ist zudem glücklich über die Unterstützung ihres Arbeitge- bers sowie der Sponsoren, die ihr die Vorbereitung auf Olympia im nächsten Jahr ermöglichen. „Mir geht es echt sehr gut und ich bin stolz und dankbar, einen so ausgezeichneten Rückhalt zu genießen. Es ist nicht selbstverständlich, dass mich mein Arbeitgeber, das Österreichische Bundesheer, so toll unterstützt. Und auch meine Sponsoren wie Red Bull, das Sportland Niederösterreich oder die Sporthilfe sind wichtige Stüt- zen für meine weitere Karriere“, sagt die Kanutin.


Früchte des harten Trainings

Mittlerweile läuft neben dem Comeback auch die Vorbereitung auf das nächste Jahr auf vollen Touren. Das Jahr 2021 soll mit der ersten Teilnahme bei den Olympischen Spielen ein ganz besonderes für die junge Sportlerin werden. „Ich hoffe, so schnell wie möglich wieder im Wildwasser trainieren zu können. Besonders wichtig ist für mich aber auch, die Freude und den Spaß bei meinen sportlichen Aktivitäten zu spüren. Wie sich eine stabilere Schulter bei den nächsten Wettkämpfen auswirken wird, ist noch schwer zu sagen. Ein riesengroßer Fortschritt ist für mich bereits, wenn ich durch die neugewonnene Stabilität keine Kompromis- se mehr im Training eingehen muss“, betont Wolffhardt.

Die Früchte ihres harten Trainings möchte sie dann in Tokio ernten. Auch wenn eine Medaille hier unglaub- lich schwer zu erreichen ist, hält die Tullnerin an ihrem Traum vom olympischen Edelmetall fest: „Es herrscht bei allen Nationen eine gewisse Unsicherheit, da man sich derzeit nicht mit seinen Konkurrenten messen kann. Jetzt heißt es das Beste aus der aktuellen Situation zu machen, um gestärkt in die nächste Saison starten zu können. Dann müssen die Trainingsleistungen bestmöglich umgesetzt werden, um gute Ergeb- nisse einzufahren. Was am Ende bei den Olympischen Spielen herausschaut, ist schwer vorherzusagen.“


Viki, der Medaillenhamster

Die nötige Erfahrung in Sachen Großereignisse bringt Viki Wolffhardt jedenfalls mit. 2010 zeigt das junge Talent zum ersten Mal auf internationaler Bühne groß auf. Sie holt bei den Olympischen Jugendspielen in Singapur die Bronzemedaille. Ein absoluter Meilenstein in ihrer bisherigen Karriere. „Das war einfach ein Riesenerlebnis für mich. Die Atmosphäre dort werde ich nie vergessen.“ Es folgen viele weitere Podestplät- ze bei Europa- und Weltmeisterschaften. In ihrer ersten Saison in der allgemeinen Klasse erobert die als Außenseiterin gehandelte Nachwuchs-Hoffnung überraschend Bronze bei der Slalom-EM der Wildwasser- Kanuten in Krakau 2013. Nach Gold bei der U23-EM feiert sie bei den Europameisterschaften 2018 den bisher größten Erfolg ihrer Karriere. In Prag krönt sich Viki Wolffhardt zur Europameisterin im Canadier. Eine olympische Medaille würde die große Edelmetall-Sammlung im Hause Wolffhardt perfekt

komplettieren.


Werner Schrittwieser

erschienen in GESUND & LEBEN 09/2020