Erholung

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So geht Erholung

Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung.“ Was der englisch-irische Schriftsteller Laurence Sterne bereits im 18. Jahrhundert festzu- stellen vermochte, besitzt heute mehr Gültigkeit denn je. „Das Leben ist vielseitiger geworden, bietet jedoch nicht mehr die natürlichen Erholungszeiten, die früheren Ge- nerationen zur Verfügung standen“, erklärt Dr. Gerhard Blasche. Der Gesundheitspsy- chologe fasst in seinem Buch „Erholung 4.0“ die wichtigsten Erkenntnisse aus 20 Jah- ren Erholungsforschung zusammen und kommt zu der Erkenntnis, dass Erholung ge- rade jetzt wichtiger ist denn je. Die Gründe sind vielfältig. Eine Hauptrolle nimmt je- doch die veränderte Arbeitswelt ein. „Zeit- und Termindruck haben in den vergange- nen zwei Jahrzehnten stark zugenommen, die Arbeitsmenge ist angewachsen, wäh- rend gleichzeitig Arbeitsplätze eingespart werden. Zudem verschwimmt die Grenze zwischen Job und Freizeit zusehends, da wir permanent digital erreichbar sind“, er- läutert der Experte.


Die Qual der Wahl

Die Folgen dieser beschleunigten Arbeitswelt: Unser Stresspegel wächst und wir be- nötigen mehr Zeit zum Abschalten. Zeit, die allerdings nicht nur immer knapper wird, sondern auch für unzählige Freizeit- und Unterhaltungsmöglichkeiten genutzt werden kann. „Das Freizeitangebot ist facettenreicher geworden und gleichzeitig ist auch die Individualisierung gewachsen. Die Selbstverwirklichung des Einzelnen steht im Vor- dergrund“, gibt Blasche zu denken. Das Freizeitvergnügen diene längst nicht mehr nur zur Erholung, sondern müsse vielmehr außergewöhnliche Erlebnisse liefern, die uns nicht nur erfüllen, sondern auch eine erfolgreiche Außendarstellung ermöglichen. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn die Jagd nach besonderen Erfahrungen erzeugt zusätzlichen Stress, während die Erholung auf der Strecke bleibt. „Es gibt heute ein- fach immer etwas zu tun, mehr, als wir jemals unterbringen können. Während Erho- lung früher einfach nebenbei passiert ist, erfordert sie heute Selbstmanagement und Planung“, betont Blasche.


Zeit für Erholung!

Sie können am Ende eines Arbeitstages schlecht abschalten? Sie fühlen sich nach der Arbeit erschöpft, wollen nur in Ruhe gelassen werden? „Dann ist ihr Erholungsde- fizit bereits ausgeprägt und dringend anzuraten, dass Sie bewusst zurück- und ab- schalten“, warnt der Psychologe. Sonst drohen auf lange Sicht erste gesundheitliche Folgen: Die täglichen Belastungen zehren an unseren Energiereserven, führen zu stressbedingten körperlichen Veränderungen und belasten die Psyche, wie die Statis- tik belegt: „Waren vor der Jahrtausendwende vor allem Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates die führende Ursache für Berufsunfähigkeit, sind es nun psy- chische Erkrankungen, vorwiegend Depressionen und Ängste.“ Tendenz: steigend.


Energiebilanz aufladen

Die gute Nachricht? Regelmäßige und ausreichend lange Erholungsphasen helfen dabei, die Stresshormone aus dem Blut zu spülen, stellen unsere Leistungsfähigkeit wieder her, indem sie Müdigkeit abbauen, und führen zu neuem Wohlbefinden. Wie aber entspannt man sich in einem Jahr, das mit einer Pandemie bisher unbekannten Ausmaßes zusätzlich Ängste und Ungewissheit schürt? Wesentlich sei, sich auf Lebensbereiche zu konzentrieren, die nach wie vor positiv besetzt und kontrollierbar sind. „Am besten gelingt das in der Natur“, meint Blasche. Seit vielen Millionen Jahren seien die Menschen mit der Natur verbunden. Die Natur ist uns deshalb vertraut, weil sie buchstäblich in unseren Genen steckt. Ein klarer Gebirgsbach, Grashalme, die im Morgen-

tau glitzern – ganz natürlich zieht uns die Natur in ihren Bann und lenkt uns vom Alltag ab, ohne neue Reize zu erzeugen. Sie gibt uns zudem ein Gefühl der Freiheit und schafft einen mentalen Abstand zum Alltag.


Effiziente Pausen

Egal ob Ihr Arbeitsalltag Corona-bedingt im Home-Office oder im gewohnten Büroumfeld statt- findet: Pausen sollten da wie dort eingeplant werden: pro Arbeitsstunde fünf Minuten Pause. Im Home-Office müsse Erholung aber noch bewusster geplant werden, erklärt der Psychologe: „Durch das Arbeiten von zuhause aus verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit auch räumlich, andererseits bietet diese Situation auch Vorteile“, sagt der Experte. Es erfordert aber eine bewusstere Einteilung von Arbeit und Freizeit. Am einfachsten klappe dies durch eine Veränderung der Reizumgebung, zum Beispiel könne man auch zu Hause bei Arbeitsbeginn ins Büro-Outfit schlüpfen und die Freizeit mit legerer Kleidung einläuten. Oder mit dem Zuklap- pen des Laptops jegliche Arbeitshandlungen einstellen. „Schalten Sie buchstäblich ab – wenn möglich, auch Ihr Smartphone“, rät der Experte.


Das ist mir ein Bedürfnis

Mehr auf die eigenen Bedürfnisse zu hören ist ein wichtiger Schlüsselfaktor zur Erholung, denn: „Es ist wichtig, ein bisschen mehr auf unsere innere Stimme zu hören und uns bewusst darauf zu besinnen, wie es uns gerade geht.“ Fühlen Sie sich beispielsweise müde und verspannt, ist es wichtig, rechtzeitig zu reagieren und auch im Büro eine kurze Pause in der frischen Luft oder mit Dehnungsübungen einzubauen. Zu wissen, was einem guttut, sei ein Part des sogenannten Erholungsselbstmanagements, sagt der Experte. Der zweite Part? „Diese Erholungseinheiten als festen Bestandteil des Tages einzuplanen.“ Die optimale Zeitspanne von Erholung ist indivi-

duell unterschiedlich und hängt vom Stresspegel des Menschen ab. Eine Faustregel zur Orientierung: „Etwa zehn Prozent der Arbeitszeit sollten Pausen sein, drei Stunden pro Tag der Freizeit ge- widmet werden. Das klingt nach viel, aber Erholung braucht Zeit!“


Victoria Reichmann

erschienen in GESUND & LEBEN 11/2020