NEONATOLOGIE



Der kleine Lukas kam in der 27. Schwangerschaftswoche zur Welt. Beim Kuscheln mit seiner Mama tankt er Energie.

OA Dr. Michael Foramitti beobachtet am liebsten seine kleinen Patienten. Katrin Knotzer und ihre Kollegin sorgen dafür, dass sich das Baby jederzeit geborgen fühlt.


Die kleinen Patientinnen und Patienten der Abteilung brauchen vor allem viel Ruhe, weiß Bereichsleitung DGKP Evelyne Pein- sipp, MSc.

fotoS: istockphoto/ RapidEye, donauuniversität Krems, fotoS: Barbara Nidetzky

Die Welt der kleinen Helden

Wenn ein Kind viel zu früh das Licht der Welt erblickt, ist die Aufregung und Verunsicherung bei den a groß. Das Team der Neonatologie hilft den Frühchen, gut im Leben anzukommen.

Hin und wieder piepst es. Kabeln und Schläuche liegen rund um das Bettchen, das mit einem bunten Vorhang be- hutsam abgedeckt wurde. Im Bett liegt Lukas. Eine Sonde hilft ihm dabei, genug Sauerstoff zu erhalten. Eigentlich hätte Lukas eine Weihnachtsüberraschung werden können. Stattdessen ist er Ende September in der 27. Schwan- gerschaftswoche zur Welt gekommen. Jeden Tag bekommt Lukas Besuch von seiner Mama Sandra. Seit Mitte Au- gust sei der Muttermund schon offen gewesen, erzählt die junge Frau. Warum das so war und Lukas so viele Wo- chen zu früh auf die Welt kam, weiß man nicht. Immer kurz nach Mittag  kommt Sandra auf die Neonatologie im Landesklinikum Wiener Neustadt. Frühchen ab der 25. Schwangerschaftswoche können in diesem Klinikum das Licht der Welt erblicken. Eine Pflegekraft hebt Lukas behutsam aus seinem Bett. Danach steht „Känguruhen“ auf

dem Programm. Während Bonding, die körperliche Nähe des Babys zu den El- tern, die Eltern-Kind-Bindung direkt nach der Geburt fördert, holt das Kängu- ruhen diese Zeit im Nachhinein auf. Kurz nach Lukas’ Geburt legte sie ihr Baby noch direkt Haut an Haut auf ihren Oberkörper. Mittlerweile darf Sandra die Klei- dung anlassen. Lukas gluckst, als ihn DGKP (DKKP) Katrin Knotzer auf seine Mama legt. Warm zugedeckt kuschelt er sich an sie. Nach dem Kuscheln wird der kleine Mann gefüttert. Danach ist er wieder ganz nahe bei seiner Mama, ehe sie gegen 18:30 Uhr wieder nach Hause fährt. Im Landesklinikum Wiener Neustadt fühlt sich die Steirerin gut aufgehoben: „Ich bin sehr froh, dass wir hier gelandet sind. Ich kann beruhigt heimgehen.“ Die Pflegekräfte der Abteilung stehen nicht nur den Frühchen, sondern auch ihren Eltern bei: „Wir hatten viele Gespräche und das rund um die Uhr. Man kümmert sich gut um uns“, sagt Sandra Loibl.


So wenig Stress wie möglich

Um den kleinen Lukas kümmern sich unter anderem Katrin Knotzer. Wenn sie und ihre Kolleginnen wissen, dass ein Frühchen auf die Welt kommt oder es Komplikationen bei der Geburt gibt, dann sind die speziell ausgebildeten Pflegekräfte bereits im Kreißsaal mit dabei.  Nach der Geburt erfüllen sie eine Reihe von Aufga- ben: Das frühgeborene Kind wird abgetrocknet, damit es nicht auskühlt, bei Bedarf abgesaugt und mit einem Kabel versehen. Danach deckt das Pflegepersonal die Augen des Kindes ab und setzt ihm eine Haube auf. Grundsätzlich gilt: „Unsere Aufgabe ist es, die Ärzte zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass das Kind so wenig Stress wie möglich hat. Wir sorgen für Geborgenheit“, sagt Katrin Knotzer. Ist die erste Aufregung vor- bei, verbringt das frühgeborene Baby seine erste Lebenszeit auf der neonatologischen Überwachung oder der neonatologischen Intensivstation – je nachdem, wie sehr das Baby Unterstützung braucht. Dort kümmern sich die Pflegekräfte und Ärzte rund um die Uhr liebevoll um die Frühchen. Ähnlich wie im Alltag zu Hause stehen dabei vor allem wickeln, füttern und kuscheln auf dem Programm.


Eltern spielen große Rolle

Bei den Allerkleinsten sind die Pflegekräfte dabei besonders behutsam: Begrüßt werden die Kinder damit, dass die Pflegeperson ihre Hände auf den Körper legt. Die Kleinsten befinden sich anfangs in einem Inkuba- tor. Dort wird alles getan, um so gut wie möglich den mütterlichen Bauch zu simulieren. Und so tragen die Kinder eine Augenbinde, da es im Bauch auch finster ist. In jedem Babybettchen befindet sich eine kunter- bunte Krake. Ihre Tentakel sollen die Nabelschnur nachstellen. Die Frühchen können sich an ihnen festhalten, genauso wie sie es im Bauch mit der Nabelschnur tun. Zu zweit heben die Pflegeexpertinnen  das kleine Baby aus dem Inkubator, eine Hand befindet sich dabei immer oben am Bauch, damit sich das Kind gebor- gen fühlt. Danach wird es gewickelt, wieder eingepackt und über die Sonde gefüttert. Etwas hat sich in den letzten Jahren aber entscheidend verändert: Heute hat die sogenannte Elternarbeit auf der Neonatologie ei- nen sehr hohen Stellenwert. Das Känguruhen, erzählt Knotzer, sei dabei mehr als Kuscheln: „Das Baby nimmt den Geruch der Mutter wahr, die Stimme und den Herzschlag. Und es lernt die Brust kennen.“ Instinktiv zieht es auch die Kleinsten dahin, wo die Milch produziert wird. Etwas, das im Landesklinikum Wiener Neustadt ebenfalls sehr wichtig ist: „Muttermilch ist wie Medizin für Frühgeborene. Sie kann vor Infekten schützen. Da- her forcieren wir die Muttermilch als erste Nahrung“, sagt Knotzer. Da sie anfangs trotzdem oft zu schwach dafür sind, selbst an der Brust zu trinken, bekommen die Frühchen die Muttermilch über die Sonde oder ein Fläschchen.


Von Anfang an

Nicht nur die Pflege kümmert sich um die Jüngsten im Haus, auch die Ärztinnen und Ärzte stehen Tag und Nacht bereit. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, stehe er anfangs einfach nur da und schaue es an, erzählt OA Dr. Michael Foramitti. Denn der erfahrene Mediziner ist überzeugt: „Das Kind kommt gesund auf die Welt – nur zu früh. Wir begleiten es in der Zeit der Umstellung, und das von Anfang an.“ Trotzdem wird das Frühge- borene direkt nach der Geburt gründlich untersucht: Foramitti und seine Kolleginnen und Kollegen sehen sich zuallererst ganz genau die Lunge an. Sie hören das Kind ab und untersuchen den Bauch und die anderen Organe. Blut entnehmen sie aus der Nabelschnur.

Bei der Umstellung auf „das Leben draußen“, wie es Oberarzt Foramitti formuliert, beobachtet das Ärzteteam das Kind. Bei Bedarf bekommt es etwas Sauerstoff. Ungewöhnlich scheint auf den ersten Blick, dass die Frühchen in eine Folie eingepackt werden, die wie eine dickere Frischhaltefolie aussieht. Sie soll dem Wärme- und Flüssigkeitsverlust entgegenwirken. Ist all das erledigt, kommt das Baby zu seiner Mutter. Wenn das nicht möglich ist, werden Fotos von dem Baby gemacht und der Vater nimmt sein Kind. Auf der Neonatologie über- zeugen sich die Ärztinnen und Ärzte meist einmal pro Tag davon, ob das Kind gesund ist. Die Neonatologie sei viel besser geworden, weil die Eltern zum Mitbetreuen zu den Kindern gelassen werden, ist Foramitti überzeugt.


Schuldgefühle sind da

Für die Eltern selbst ist die viel zu frühe Geburt ihres Nachwuchses anfangs oft mit einer Berg- und Talfahrt der Gefühle verbunden. Beim ersten Blick auf ihr Baby sei die erste Reaktion meist: „Oh Gott, es ist so klein“, erzählt Knotzer. Und dann folgen Schuldgefühle: „Die Mutter denkt, dass sie nicht in der Lage ist, das Kind auszutragen. Es sind immer Schuldgefühle vorhanden. Es ist unsere Aufgabe, ihnen diese zu nehmen“, er- klärt Foramitti. Deshalb sagt der Mediziner den Eltern unmittelbar nach der Geburt, dass sie sich über ihr Baby freuen sollen. Dann stehen generell viele Gespräche auf dem Programm. Ängste minimieren und moti- vieren ist vor allem die Aufgabe der Pflege. Und das Allerwichtigste: Die Eltern sind täglich viel beim Kind. Vor allem die Mutter-Kind-Einheit ist wichtig: „Diese intuitive Verbundenheit hilft dem Baby, viele Sachen auszuhal- ten. Das kindliche Hirn kann sich so optimal verschalten“, sagt Foramitti. Gemeinsam mit der Mutter fängt die Pflege mit kleinen Aufgaben an. Zuerst hält die Mama ihr Baby. Danach cremt sie die Lippen ein, wickelt, stillt und badet es. Oder sie lernt, ihrem Kind das Essen über die Sonde zu geben.


Offenheit ist wichtig

Lukas wiegt zum Zeitpunkt des GESUND & LEBEN-Besuchs 1.840 Kilogramm und entwickelt sich prächtig. Ab einem Kilogramm Körpergewicht, erinnert sich Mama Sandra, ging es bergauf. Mit nach Hause nehmen dürfen die Eltern ihr Baby, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind: „Wenn es selbstständig trinken kann, die Wärme halten kann, zunimmt und selbstständig atmet, dann darf es nach Hause“, sagt Katrin Knotzer. Immer wieder kommt es trotz der hervorragenden Betreuung vor, dass es ein Frühchen nicht schafft und stirbt. Pfle- ge und Ärzte sind dann vor allem Beistand für die Eltern. Offenheit spielt dabei eine große Rolle: „Wir sind im- mer ehrlich zu den Eltern und wir kommunizieren, wenn etwas ist. In absehbarer Zeit erfahren sie alles“, sagt Foramitti. Wenn ein Kind sterben wird, sorgt das Team mit Medikamenten dafür, dass es geborgen und ohne das Gefühl von Schmerz oder Unbehagen friedlich einschlafen kann. Wenn jene Eltern dann wieder Kinder bekommen, freut sich die ganze Station mit ihnen. Die enge und intensive Zusammenarbeit mit Eltern und Kind merkt man im Umgang untereinander. „Man wird ein Teil der Familie und sieht zu, wie das Kind heran- wächst“, sagt Michael Foramitti. Die Hauptrolle sowohl der Ärztinnen und Ärzte als auch der Pflegekräfte auf der Abteilung ist die der Begleiter. Mit viel Ruhe, Gelassenheit, Zeit und Empathie dem Kind und den Eltern gegenüber sorgen sie dafür, dass der frühe Start ins Leben gelingt.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 01/2020