Wandern


Gehen ist die ureigenste Bewegungsform für uns Menschen. Oft lösen sich dadurch auch

psychosomatische Blockaden.

Für eine Wanderung muss man sich nicht ins Auto setzen, denn viele Abenteuer lassen

sich schon vor der Haustür erleben.

FotoS: zvg, Martin Weber

Mehr als nur unterwegs

Endlich ist sie wieder da – die Wanderzeit. Machen Sie sich auf den Weg und entdecken Sie all das Schöne, das vor Ihrer Haustür liegt.

Das vergangene Jahr hat uns die Heimat näher gebracht als je zuvor. Waren es früher kurze Städtetrips über das verlängerte Wo- chenende oder Sommerurlaube am Meer, so suchen wir inzwischen dort nach neuen Erfahrungen, wo sie uns am ehesten zu- gänglich sind: im eigenen Land. Dafür müssen wir uns noch nicht einmal ins Auto setzen, denn jetzt laden die warmen Tempera- turen des Frühlings wieder zu ausgedehnten Spaziergängen und Wanderungen ein. Wer sich nicht allein auf Entdeckungsreise begeben will, kann sich einen Coach an die Seite holen. Martin Weber bietet seit rund 20 Jahren Wandercoaching an. Er macht sich mit Menschen auf den Weg, führt sie auf Wunsch bis an ihre Grenzen und bringt im wahrsten Sinne des Wortes etwas in Gang. Doch worin unterscheidet sich ein Wandercoach eigentlich vom klassischen Wanderführer? „Ich möchte Menschen zu mehr animieren als nur dazu, unterwegs zu sein. Es ist mir ein Anliegen, dass sie die ganze Umgebung wahrnehmen, Landschaf- ten erleben, das historische, geologische, geografische und botanische Umfeld entdecken. Denn der Spaß und die Freude am Wandern entstehen erst dann, wenn man sieht, wo man eigentlich ist“, erklärt der Wanderexperte.

Egal ob Tagesausflug, mehrtägige Tour oder Wanderreise – Martin Weber orientiert sich beim Zusammenstellen der Routen exakt an den Vorlieben und Bedürfnissen seiner Gäs- te: „Zwar gibt es zahlreiche Tourenplaner oder Kartenausschnitte im Internet, doch vielen Menschen ist die Recherche zu aufwändig oder zu mühsam. Deshalb lagern meine Gäs- te die Tourenplanung komplett auf mich aus und ich sage einfach nur: ‚Wünsch dir was‘. So meint jemand zum Beispiel, dass sie oder er unbedingt Flüsse, Seen oder Bäche erle- ben möchte. Dann weiß ich sofort, dass sich eine Wanderung auf den Niederen Tauern besser eignet als eine Karstwanderung am Dachstein. Oder jemand stellt sich aufgrund von Kniebeschwerden einen Kamm-Panoramaweg mit möglichst wenigen Höhenmetern vor.

Vielleicht möchte man auch seinen Hund mitnehmen, in einer Hütte übernachten oder abends in der Sauna entspannen. In der Regel ist es innerhalb weniger Tage möglich, eine Tour zu gestalten und dann miteinander

loszugehen.“


Autonomie stärken

2004 besann sich Martin Weber auf seine Wurzeln als studierter Geograf und erfüllte sich den Traum, Menschen bei Erlebnissen in der Natur zu begleiten. „Beim Wandercoa- ching steht die soziale Komponente im Vor- dergrund, meine Gäste und ich plaudern viel und lernen uns kennen. Oft werde ich dabei sogar selbst zum Gecoachten“, lacht der di- plomierte Reiseleiter und geprüfte Wander- führer. Im Gespräch kristallisiere sich meist auch ein Hindernisgrund heraus, der die Per- son bisher davon abgehalten hat, regelmä- ßig wandern zu gehen. „Oft ist dieser durch- aus nachvollziehbar – zum Beispiel die Angst, sich unterwegs zu verirren. Rund 90

Prozent meiner Gäste sind weiblich. Gerade mit 40, 50 Jahren aufwärts werden Frauen immer aktiver und haben ein starkes Bedürfnis nach Autonomie. Sie sagen nicht: ‚Na, wenn mein Partner nicht will, dann bleibe ich halt auch zuhause‘, sondern sie machen es eben allein.“

Oft fehle das Wissen, welche Routen einen nicht überfordern und die Wünsche von ei- nem perfekten Wandertag erfüllen, sagt Weber: „Hier greife ich mit meinem Coachingas- pekt ein, versuche zu vermitteln, wie man eine Tour selbst planen, völlig autonom unter- wegs sein und sich etwas zutrauen kann. Ich versuche, den Blick dafür zu öffnen, dass Wandern mehr ist als nur von A nach B zu gehen und dann in einer Hütte einzukehren. Es ist buchstäblich etwas Ganzheitliches für Körper, Geist und Seele.“

Gehen ist die ureigenste Bewegungsform für uns Menschen. Es trainiert die Ausdauer und regt das Herz-Kreislauf-System an, wirkt sich positiv auf die Atemwege und die Lun- ge aus, stärkt Knochen und Gelenke. Auch psychosomatische Blockaden lösen sich oft- mals durch das Gehen auf, ist Marin Weber überzeugt: „Das intensive Spüren von dem, was man sieht, das Erleben von Wettereinflüssen, wenn es stürmt, kalt oder heiß ist – all das schärft unsere Körperwahrnehmung. Das Erreichen eines Ziels macht etwas mit dem menschlichen Geist, obwohl es nichts Hochkomplexes, sondern etwas ganz Simples ist –

man muss nur einfach so lang gehen, bis man dort ankommt, wo man hinwollte. Und diese Befriedigung zeigt eine nachhaltige, tiefe Wirkung bis hin zur Stärkung des Selbstvertrauens: Ich kann mir Dinge vor- nehmen, auch wenn sie schwierig sind, und sie so einteilen, dass ich sie in meinem Tempo schaffen kann. Diese Erfahrung lässt sich auf andere Lebensbereiche über- tragen.“ Darüber hinaus schaffe das Gehen in der Natur viel Therapeutisches: „Auch wenn es klischeehaft klingt – wenn man auf den Berg geht, zur Ruhe kommt und fern von allem ist, hat man das Gefühl, über den Dingen zu stehen. Probleme scheinen sich zu relativieren.“


Mikroabenteuer

Die Pandemie, sagt Martin Weber, habe

den Wandertrend neu belebt. „Die meisten Menschen empfinden Bewegung, Aktivität und Gesundheitsvorsorge für wichtig, doch vielen fehlte bislang der Antrieb, diese in ihr Leben zu integrieren. Außerdem hat man erkannt, dass das Gute oft so nah liegt und man für Naturerfahrungen nicht in die Karibik fliegen muss. Da spielen Aspekte wie Pandemie, Klimawandel und Gesundheitsbe- wusstsein zusammen und das spürt man auch.“ Darüber hinaus werde Wandern bei jüngeren Menschen immer beliebter und sai- sonunabhängiger – sah man es früher nur als Frühlings- und Sommeraktivität, so kommen inzwischen neue Möglichkeiten wie Schneeschuhwandern hinzu. Der Coach rät all jenen, die Wandern künftig in ihr Leben integrieren möchten, nicht zu große Ziele zu stecken und mit Mikroabenteuern zu beginnen. Darunter verstehe man Abenteuer, die jede und jeder schon vor der eigenen Haustür erleben kann und an denen man vielleicht schon hunderte Male achtlos vorbeigegangen ist. „Die meisten Leute unter- schätzen, wie schnell man zu Fuß relativ weit kommt. Wenn man wirklich einmal an der eigenen Haus- oder Wohnungstür startet, erlangt man eine ganz neue Sichtweise in puncto Distanz“, sagt Weber. Viele kleine und simple Dinge können außerdem verhin-

dern, dass die Wanderung ein Flop wird, betont der Experte: „Das fängt schon bei der Wetterbe- obachtung an und reicht bis hin zur Ausrüstung. Das richtige Schuhwerk ist ebenso entscheidend wie die Materialien bei der Kleidung.“ Dennoch brauche man sich beim Wandern nicht einzu- schränken: „Oft denkt man sich, in der Kälte kann man nicht wandern gehen, ohne Auto kommt man zu keiner guten Route oder in der Nähe gibt es nichts Besonderes. Dabei stimmt das gar nicht.“ Ein wichtiger Aspekt von Martin Webers Wandercoaching ist es auch, Menschen zu zeigen, wie sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder sogar dem Fahrrad zu Einstiegspunkten ge- langen – und somit nicht mehr von einem Führer- schein beziehungsweise Auto abhängig zu sein: „Da gibt es so viele Möglichkeiten, die die meis- ten Menschen gar nicht kennen.“ Dass das An- gebot des Wandercoachs gut angenommen wird, zeige sich in der Reaktion seiner Gäste: Bei jeder Wanderung merke man ihre Dankbarkeit, ihre Freude und ihr Staunen. „Diese Zufriedenheit ist das, was mich antreibt, mich mit Menschen auf den Weg zu machen.“


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2021