REHABILITATION

FotoS:  Lebens.Med Zentrum Bad Erlach

Neue Kraft tanken

Eine Rehabilitation hilft Patientinnen und Patienten, nach einer Krebserkrankung wieder auf die Beine zu kommen. Ein wesentlicher Baustein ist Bewegung.

 Nach einer Krebsbehandlung fällt vielen   Betroffenen die Rückkehr in den Alltag schwer. Eine Rehabilitation kann dazu beitragen, diesen Übergang leichter zu machen. Seit über fünf Jahren wird im Lebens.Med Zentrum Bad Erlach onkologische Rehabilitation für Krebspatientinnen und -patienten angeboten, die nach einer Tumorerkrankung Kraft tanken und ihre Gesundheit stärken möchten. Das Therapiekonzept setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen. Ein wesentlicher Baustein ist etwa Bewegung und Sport. Physiotherapeut Christian Seidl, Therapieleiter im Lebens.Med Zentrum, erklärt den Unterschied: „Sport ist auch Bewegung. Jedoch gibt es beim Sport eine höhere körperliche Aktivität und damit unterscheidet er sich von alltäglichen Bewegungsabläufen wie Haus- arbeit, Einkaufen oder ‚Gassi gehen‘. Das kann zwar auch alles anstrengend sein – vor allem für Krebspatienten –, gilt aber nicht als Sport oder Training. Sport bedeutet regelmäßig Reize in einer bestimmten Dauer und Intensität zu setzen. Das bringt Leistungsstei- gerung und Leistungserhalt auf hohem Niveau.“ Die Ziele können dabei ganz unterschiedlich gesetzt werden – mehr Ausdauer, Mus-

keln aufbauen oder Kraft steigern.


Körperwahrnehmung verbessern

Im Rahmen der onkologischen Rehabilitation versuchen Christian Seidl und sein Team in Gruppen- und Einzeleinheiten bestmöglich auf die Patientinnen und Patienten einzugehen und in Abstimmung mit dem medizinischen Team individuelle Ziele zu verfolgen. Ei- nes davon ist das Reduzieren von Nebenwirkungen, die durch die Krebserkrankung und ihre Behandlung entstanden sind. „Bei- spielsweise sehen wir bei der Begleiterkrankung Polyneuropathie, von der viele Krebspatientinnen und -patienten betroffen sind, dass durch Bewegung und das Setzen von gezielten Reizen an den betroffenen Stellen eine wesentliche Verbesserung eintreten kann“, sagt Seidl. Außerdem sei durch gezieltes Training und Sport neben einer Verbesserung der muskulären und kardiopulmonalen Fitness auch eine Stärkung des Immunsystems und eine bessere Wundheilung wegen der verstärkten Durchblutung zu beobachten. Mehr Körperbewusstsein und eine bessere Körperwahrnehmung sind weitere positive Effekte, die durch regelmäßige körperliche Ak- tivität erzielt werden können. Und zumeist kann durch moderate Bewegungs- und Sporteinheiten nach einer Chemo- oder Strahlen- therapie rascher ein verbesserter Gesundheitszustand erreicht werden. „Das sind nur die vielen Vorteile im physischen Bereich, aber auch auf der psychischen Ebene hat körperliche Aktivität einen umfassenden Mehrwert“, erklärt Seidl, der damit nicht nur die Steige- rung von Wohlbefinden und Selbstwertgefühl anspricht, sondern auch die Reduktion von Angst, Stress und Anspannung und eine Verbesserung der Schlafqualität. Und: „Langfristig können mit gezieltem Sport und Training auch bewegungsassoziierte Krankheitsri- siken reduziert werden“, sagt Seidl. Die Frage, ob Sport und Bewegung irgendwelche Nachteile bergen, kann der Physiotherapeut

klar verneinen: „Es gibt vielleicht ein höheres Verletzungsrisiko, aber die Vorteile über- wiegen eindeutig.“


Training anpassen

Viele Patientinnen und Patienten mit Tumorerkrankung stellen sich die Frage, wann sie wieder mit Sport beginnen können oder unter welchen Umständen sie kein Training machen sollten. Auch darauf hat Seidl eine Antwort: „Grundsätzlich kann man, wenn man sich dazu imstande fühlt, jederzeit mit Sport beginnen. Nach einer Chemo-Infusion lautet unsere Empfehlung zu warten, bis die erste Phase des verschlechterten Allge- meinzustandes vorbei ist. Bei Fieber oder akuten Infekten soll nicht trainiert werden. Ein Tag mehr Pause ist sinnvoller als ein Tag Training mit schlechtem Allgemeinzustand.“

Fünf wesentliche Tipps, die Christian Seidl allen Sporteinsteigern, aber auch Sportbe- geisterten mitgeben möchte: „Passen Sie das Training an Ihren individuellen Gesund- heitszustand an, bewahren Sie Regelmäßigkeit in Dauer und Intensität, halten Sie Ru- hephasen ein und steigern Sie die Belastung langsam – zuerst Umfang, dann Intensi- tät. Und achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr!“


Paradigmenwechsel

Fazit: Körperliche Bewegung und Sport haben nicht nur in der Krebsprävention einen hohen Stellenwert, sondern auch, wenn die Erkrankung ausgebrochen ist. Dazu hat es in den vergangenen Jahren einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel gegeben – Ex- pertinnen und Experten sind sich des maßgeblichen Einflusses bewusst. „Während Krebspatientinnen und -patienten früher geraten wurde, sich zu schonen, wird heute versucht, die Betroffenen zu aktivieren. Und genau hier setzt die onkologische Rehabili- tation mit dem integrierten Sport- und Bewegungskonzept an“, fasst Christian Seidl zu- sammen.

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020