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FotoS: istockphoto/ Deagreez, ZVG

Wenn wir verliebt sind ...

... entsteht in unserem Körper ein chemisches Feuerwerk: Die Hormone spielen verrückt, das Gehirn lässt uns nicht mehr klar denken. Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation.

Liebe ist kompliziert – für Jugendliche, Senioren, junge Paare und Lang-Verheiratete. Und sogar für die Wissenschaft: Je mehr geforscht wird, desto klarer wird, wie hochkomplex jenes emotionale Konstrukt ist, das wir mit leuchtenden und verklärten Augen Liebe nennen. Die medizinische Forschung darüber, was Liebe eigentlich ist, wie sie entsteht und welche Auswirkungen sie auf unser körperliches Wohlbefinden hat, ist vergleichsweise jung. Was wir aber wissen ist, wie Liebe sich anfühlt: Schwitzende Hände, Herzrasen, der gedankliche Fokus auf das Objekt der Begierde, Schlafprobleme und ein Gefühl, das zwischen „him- melhoch-Jauchzend“ und „zu Tode betrübt“ schwankt, sind „Symptome“ dafür, dass wir unser Herz ver- schenkt haben. Die Klinische und Gesundheitspsychologin Mag. Charlotte Mitsch erklärt im Gespräch mit GERSUND & LEBEN, was im Körper passiert, wenn man verliebt ist.


Wie merke ich, dass ich verliebt bin?

Man hat Schmetterlinge im Bauch, ist unkonzentriert und aufgeregt. Weil das Aktivierungsniveau im Körper steigt, ist man nicht wirklich hungrig. Es ist ein Gefühl, als hätte man den Turbo eingeschaltet.


Wie wirkt sich Verliebtheit auf den Körper aus?

Wenn man verliebt ist, spielen die Hormone im Körper verrückt. So erhöht sich zum Beispiel das Dopamin, ein Neurotransmitter im Körper. Dieser ist zuständig für den Wow-Effekt, für das euphorische, gute Gefühl. Dopamin versetzt uns in eine Art Rauschzustand. Man ist risikofreudiger, nicht ganz zurechnungsfähig und toleriert nicht nur optische Schönheitsfehler, sondern auch später oft als negativ beurteilte Persönlichkeits- merkmale und Verhaltensweisen. Interessant ist, dass das Serotonin, ein Neurotransmitter, der uns glücklich macht, niedriger ist. Das erklärt man damit, dass Verliebte so fixiert auf ihr Gegenüber sind, dass sie an Verlust- und Trennungsängsten leiden.  Sie haben das verstärkte Verlangen, die Partnerin oder den Partner ständig zu sehen. Und natürlich kommt noch das Oxytocin, das Kuschelhormon, hinzu. Man wird offener und lässt mehr Nähe zu. Bei Männern sinkt in dieser Zeit das Testosteron und sie werden zärtlich und net- ter. Es spielt sich also viel Biochemie im Körper ab.


Kann man sich in jeden verlieben?

Nein. Die Top-Auslöser für Verliebtheit sind die optische Attraktivität und die individuellen Duftstoffe. Wenn man jemanden riechen kann, zeigt das, dass der andere ein anderes Immunsystem hat. Das ist für die genetische Ausstattung eine gute Mischung. Ein angeblich betö- render Duft aus der Parfümerie bringt nichts, denn er verändert die eigenen Duftstoffe nicht. Das erste Gespräch, Gemeinsamkeiten oder das Bildungsniveau spielen zu Beginn eine weniger bedeutende Rolle.


Welchen Zweck erfüllt Verliebtsein?

Grundsätzlich erfüllt Verliebtsein den Zweck, dass man zusammen- bleibt. Heute ticken wir nicht viel anders als in der Steinzeit. Wenn da- mals eine Frau einen Mann am Lagerfeuer kennengelernt hat und sich die beiden später fortgepflanzt haben, hat es Sinn gemacht, dass sie zusammenbleiben. Oxytocin wird nicht nur ausgeschüttet, wenn man verliebt ist, sondern auch bei der Geburt des Kindes. Man fühlt sich zusammengehörig.


Gibt es Menschen, die sich nicht verlieben können?

Naja, bei manchen ist die Verliebtheit von Angst getrieben, verletzt zu werden. Oder keine Luft zum Atmen zu haben. Diese Menschen nei- gen dann zum sogenannten Ghosting, also zu einem plötzlichen Kon- taktabbruch ohne Ankündigung, oder zum Fremdgehen. Und es gibt Menschen, die sich nur schwer verlieben, weil sie ihre Gefühle nicht lesen können.


Daniela Rittmannsberger / Stefan Stratmann

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2020