FotoS: Barbara Nidetzky, NLK/Filzwieser

REPORTAGE

Reparieren statt auf den Müll

Im Reparaturcafé in Wiener Neustadt bekommen kaputte Geräte ein neues Leben eingehaucht.

Um Punkt 17 Uhr kommen die ersten Besucherinnen und Besucher. Judith und Maria empfangen sie an einem Stehtisch. Wer noch nie da war, füllt ein Formular aus. „Für die Statistik“, erklären die beiden Damen gut gelaunt. Die anderen gehen weiter ins kleine Gewölbe, wo die freiwilligen Helferinnen und Helfer bereits warten. Schnell füllt sich das ehemalige Geschäftslokal. Wer noch nicht an der Reihe ist, wartet am gemütlichen Holztisch, es gibt Kaffee und Kuchen. Und immer wieder geht dazwischen die Tür auf. Es gibt viel zu tun im Reparaturcafé der Volkshilfe in Wiener Neustadt.


Hilfe zur Selbsthilfe

Seit November 2018 gibt es das Reparaturcafé zwei Mal im Monat. Das erste Café dieser Art startete ein Jahr zuvor in St. Valen- tin. Als in Wiener Neustadt das ehemalige Geschäftslokal unter dem Firmensitz der sozialen Einrichtung frei wurde, ergriffen Bet- tina Lanzenberger vom Freiwilligen-Management und ihr Team die Chance. Dank guter Berichterstattung sei das Reparaturcafé gleich von Beginn an gut angenommen worden, erzählt Lanzenberger. Doch auch Gegenwind habe es aus der Bevölkerung ge- geben. Das wurde rasch geklärt: „Das Reparaturcafé ist ein Freiwilligenprojekt und dient nicht der Gewinnerzielung.“ Schnell fanden sich freiwillige Helfer, heute sind es insgesamt 20 Ehrenamtliche. Pro Termin kommen durchschnittlich 15 Personen in die Einrichtung. Das kaputte Gerät einfach abzugeben und später wieder zu kommen, das geht aber nicht. Das Reparaturcafé bie- tet viel mehr „Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Lanzenberger.


Wertschätzung

In dem kleinen Gewölbe mit den rostbraunen Fliesen wird mittlerweile fleißig geschraubt, zerlegt und geputzt. Erich, ein älterer Herr aus Ternitz, hat einen Fernsehbeitrag über das Reparaturcafé in Wiener Neustadt gesehen. Er hat sein Navigationsgerät mitgebracht. Es sei zwischen 15 und 18 Jahre alt, sagt er. Das Gerät lässt sich nicht ein- und ausschalten. Fritz schraubt das Navi auseinander. Erich blickt ihm dabei über die Schulter. Fritz ist Schlosser. Vor einigen Monaten sieht er im Vorbeigehen zufäl- lig das Reparaturcafé und beschließt, sich als Helfer der Truppe anzuschließen. Seine eigenen Dinge habe er schon alle repa- riert, erzählt er.

Am Tisch beim Eingangsbereich wartet indessen Rudolf mit seiner zehn Jahre alten Fernbedienung geduldig auf Hilfe. Autome- chaniker Wolfgang holt ihn zu seinem Werkplatz. Früher habe man alles repariert, sagt Rudolf, da sei er „vom alten Schlag“. Dass heute so viel weggeworfen wird, findet er einen „Schwachsinn“. Wolfgang schraubt die Fernbedienung auseinander und sieht sofort, dass die Printplatte gebrochen ist. Mit Schraubenzieher und Lötkolben versucht er, die

Leiterbahnen wieder zu kitten.

Das Reparaturcafé setzt einen Gegentrend zur Wegwerfge- sellschaft. Repariert werden Nähmaschinen, Fahrräder, Staubsauger,

Kinderwägen, CD-Player oder Drucker. Die Geräte sind meist weniger defekt als angenommen: „Oft gibt es ein Problem mit der Wartung oder man braucht ein Ersatzteil. Wenn man weiß, wo man es herbekommt, muss man das Gerät nicht durch ein neues ersetzen“, sagt Bettina Lanzenberger. Wer sein Gerät reparieren lässt und dabei zusieht, geht anders damit um, ist sie überzeugt. Die Wertschätzung ist größer und man hat zusätzlich Geld gespart. Aus den Freiwilligen ist mittlerweile ein richtiges Team geworden und auch Freundschaften sind entstanden. Man hilft aus, wenn der andere nicht mehr weiterweiß.


Umdenken

Am anderen Ende des Gewölbes repariert Andreas einen Staubsauger. Das Kabel ist defekt, also schneidet er es ab. Dann baut er es neu ein. Er kümmert sich hauptsächlich um Haushalts- und elektronische Geräte. Das Reparieren mache ihm Spaß, erzählt er. Und er findet es gut, dass dadurch nicht alles weggeschmissen wird. Das wird ihm und seinen Kollegen aber nicht leicht gemacht: „Die neueren Geräte sind sehr

schwer zu reparieren.“  Nicht immer gelingt es an jenem Abend, den Schaden zu beheben. Wolfgang zerlegt eine Kaffeemaschi- ne und reinigt sie. Es sei der Pumpendruck, der nicht mehr funktioniere, erklärt er Besitzerin Elisabeth. Den kann er nicht reparie- ren. Es tut ihm leid, denn er helfe gerne, fügt er etwas zerknirscht hinzu. Doch die Frau ist trotzdem dankbar: „Im Geschäft hat man mir gesagt, es zahlt sich nicht mehr aus, die Maschine reparieren zu lassen. Wolfgang war wirklich sehr bemüht.“


Große Reparaturen sind selten möglich, sagt Wolfgang. Aber man helfe auch bei der Fehlersuche. Und gebe Tipps – so wie Mo- dedesigner Loel. Er ist hier, um Kleidungsstücke auszubessern und Näharbeiten vorzunehmen. Er kümmert sich aber auch um defekte Nähmaschinen. Eine ältere Dame kommt mit ihrer Nähmaschine vorbei und der gebürtige Deutsche erkennt rasch, dass das Zahnrad gebrochen ist. Das könne er selbst leider nicht – Loel gibt ihr aber eine Adresse mit, wo die Kundin die Nähmaschi- ne reparieren lassen kann.


Erfolgreicher Abend

Nicht nur in Wiener Neustadt bemerkt man den Trend vom Wegwerfen hin zum Reparieren. Auf der Plattform Reparaturführer kann man nach passenden Werkstätten und Betrieben suchen.

Was im Reparaturcafé wenig in Anspruch genommen wird, ist das Nähservice von Loel. „Das wundert mich ehrlich gesagt. Aber es zeigt, dass Billig-Kleidung weit verbreitet ist.“ Oft kommen Menschen mit defekten Handys und finden keine passenden Hel- fer. Daher wäre Bettina Lanzenberger froh über Menschen, die sich mit der Reparatur von Handys auskennen.

Gegen halb sieben wird es im Reparaturcafé langsam ruhiger. Das Navi funktioniert wieder, erzählt Fritz gut gelaunt. Er habe nur den Schalter gut putzen müssen, erklärt er. Etwas, das in 60 Prozent aller Fälle hilft. Erich strahlt und meint: „Es ist klasse, dass es wieder geht. Es hat mir immer gute Dienste geleistet.“ Wolfgang, der Kaffeemaschinen-Reparateur, mischt sich in das Ge- spräch ein: „Der Fritz, der hat halt goldene Hände.“ „Eher dreckige“, lacht Fritz. In der anderen Ecke des Gewölbes freut sich auch Wolfgang über einen Erfolg: Die Fernbedienung funktioniert wieder. Er kann nur nicht feststellen, ob jede einzelne Taste funktionsfähig ist. Kein Problem für Rudolf, der die Fernbedienung und seinen Gehstock nimmt: „Ich kann ja wiederkommen. Bis zum nächsten Mal.“ Die meisten Kundinnen und Kunden des Reparaturcafés verabschieden sich mit einem Lächeln. Und das Freiwilligen-Team sitzt gut gelaunt bei einem Häferl Kaffee beisammen und ist zufrieden, weil es weiterhelfen konnte und ein paar Geräte vor dem Wegwerfen bewahrt hat.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2020