SELBSTHILFE

fotoS: Philipp Monihart

Die Kraft der Gruppen

Ronald Söllner, Vorstandsvorsitzender des Dachverbands NÖ Selbsthilfe, macht Betroffenen Mut zu einem Kontakt mit Ärztinnen und Ärzten auf Augenhöhe.

Selbsthilfegruppen sind in Niederösterreich gern gesehene Gäste in den 27 Klinikstandorten. Denn sie gelten al- s Partner im Gesundheitssystem. Das ist eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art: Selbstermächtigung der Betro- ffenen durch den gemeinsamen Austausch in der Gruppe und mit Expertinnen und Experten. Patientinnen und Pat- ienten als Partner, nicht Bittsteller. 380 verschiedene aktive Gruppen befinden sich im NÖ Dachverband der Selbst- hilfe – von ADHS bis Zwangserkrankungen, von Brustkrebs bis Osteoporose, von Essstörung bis Trauer. 39.000 aktiv und inaktiv betroffene Menschen sind in den Gruppen vertreten. Für viele von ihnen wurde die Gruppe zu e- inem wichtigen Teil ihres Lebens – denn hier finden sie vielfache Unterstützung beim Bewältigen der eigenen Er- krankung.


Selbst chronisch krank

Oberster Vertreter der Selbsthilfe in Niederösterreich ist Ronald Söllner, seit 30 Jahren im Gesundheitswesen tätig und derzeit Vorstandsvorsitzender des Dachverbands. Und auch er lebt mit einer chronischen Erkrankung – mit Morbus Crohn. Diese entzündliche Darmerkrankung führt ihn immer und immer wieder zu Ärzten, in Kliniken und zu Rehabilitationsaufenthalten. Dabei lernte er viel über das Gesundheitssystem aus Patientensicht. Und über sich selbst.

Darüber erzählt er in seinen Vorträgen bei Selbsthilfegruppen und verschiedenen Partnern im Gesundheitssystem, weil seine Geschichte beispielhaft ist. Er bekam eine Sonde über die Nase in Magen und Darm, und als diese he- rausgezogen wurde, war das nicht nur extrem schmerzhaft, sondern auch noch alles andere als harmlos: Er hat an- schließend drei Stunden lang Blut gespuckt. „Mich hat das fürchterlich gestresst“, berichtet Söllner. Für eine ande- re Untersuchung musste er drei Liter Flüssigkeit trinken und dann eine Stunde spazieren gehen. Und er tat, was nicht alle Patienten tun: Er hinterfragte, ob diese Untersuchung genau so sein muss oder ob es auch eine andere Lösung gibt. Es gab eine andere Methode – die aber damals die Krankenkasse noch nicht bezahlt hat. Doch Sö- llner war diese Investition lieber als die qualvolle Untersuchung. Heute geht er für zwei Tage ins Klinikum, schluckt eine Kamera in der Größe einer großen Tablette und hat das gleiche Ergebnis. Die Lösung hätte er ohne Hinterfra- gen wohl nicht gefunden- .


Spezialist für den eigenen Körper

Söllner weiß, wie es Betroffenen geht, welche Gedanken und Gefühle sie belasten, aber auch, was ihnen hilft, wie- der Herr oder Herrin des eigenen Lebens zu werden: Durch den Morbus Crohn litt er mit 40 an Darmkrebs, ein Stück des Darms musste entfernt werden. Heute sagt er: „Wichtig für jede und jeden ist es, auf einer partne- rschaftlichen Ebene mit den Ärzten zu kommunizieren, auf Augenhöhe. Denn nur Sie sind der Spezialist für Ihren Körper. Fragen Sie nach, hinterfragen Sie. Und scheuen Sie sich nicht, bei Behandlungsvorschlägen nach Alterna- tiven zu fragen. Schließlich sind Sie es, der die Behandlung zu bewältigen hat.

Leicht ist das nicht in einem medizinischen System mit Zeitmangel und großem Druck, doch Ronald Söllner ermu- tigt: „Tun Sie es, Sie können nur gewinnen. Ich weiß, dass das nicht leicht ist, auch ich habe erst lernen müssen zu hinterfragen.“


Kommunikationsmotor

Für Söllner ist es enorm wichtig, die Selbsthilfegruppen mit dem Dachverband bestmöglich zu unterstützen. Sein Team und er helfen neuen Gruppen, die nötige Infrastruktur aufzubauen und unterstützen mit Schulungen, Know -how, Kontakten und Kommunikationswerkzeugen wie der Homepage oder dem Magazin „Blickpunkt“. Er selbst ist im Dachverband in St. Pölten beratend im Einsatz und betreut alle zwei Wochen die soziale Drehscheibe im Lan- desklinikum Gmünd. Und Söllner unterstützt den Dachverband im Burgenland bei einem Neustart. Er ist gut ve- rnetzt: Innerhalb Österreichs im „nationales netzwerk selbsthilfe“ (nanes) ebenso wie im europäischen Aktions- bündnis Selbsthilfe mit Deutschland und der Schweiz. In Niederösterreich war er lange im NÖ Gesundheits- und Sozialfonds tätig und kennt viele Organisationen und Repräsentanten – von der NÖ Landeskliniken-Holding über den NÖGUS bis zur Patientenanwaltschaft. „Wir haben es in Niederösterreich leicht, weil alle Kliniken unter dem Dach der NÖ Landeskliniken-Holding vereint sind. Deshalb sind auch alle Kliniken zertifiziert als ‚Selbsthilfefreund- liche Krankenhäuser‘.“ Diese unterstützen die Selbsthilfegruppen, indem sie ihnen auch Räume für Treffen zur Ver- fügung stellen. Und auch viele Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeuten und Pflegeexpertinnen referieren bei Tref- fen und stellen ihr Spezialwissen zur Verfügung. Wofür Söllner sich ganz herzlich bedankt – eine wertvolle Unter- stützung der Selbsthilfe.


Probleme & Lösungen

Wissenstransfer, das sei neben dem Gemeinschaftserlebnis und dem Austausch das Wichtigste, was die Selbsthi- lfegruppen leisten, sagt Söllner und gibt ein Beispiel: Ein Gruppenmitglied habe erzählt, dass es für die Einstufung der Pflegestufe einen Experten bezahlen solle – was enorm teuer sei. Die Gruppe wusste eine Lösung: „Schreib doch einfach auf, wie groß der Pflegebedarf tatsächlich ist, was genau ihr leistet, vom Anziehen und der Körpe- rpflege bis zum Einkaufen und Kochen und den Arztbesuchen.“ Auch das ist eine Pflegedokumentation. Geballtes Gruppen-Fachwissen eben- .



Riki Ritter-Börner

Gruppe Multiple Sklerose


„Anderen das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind

Waltraud Haider war 39, als sie die Diagnose Multiple Sklerose bekam. „Jede Er- krankung ist eine einschneidende Erkrankung, in jedem Leben“, sagt sie heute. Vor 19 Jahren hat sie die Selbsthilfegruppe gegründet. „Die Gruppe entstand aus der K- rise“, sagt sie. „Anderen das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind – das ist mir b- esonders wichtig. Ich habe eine Verantwortung für die Menschen, die Rat und Hilfe suchen“, sagt Haider. In der Gruppe spüren sie, dass sie mit dieser unheilbaren Krankheit nicht allein sind. Hier können sie einen ersten Gedankenaustausch dazu machen, sehen, wie andere mit der Krankheit umgehen. Was sie gelernt hat? „Dass wir mit unserer Krankheit leben können und dass sie ein Teil von uns ist.“


MS-Club Zwettl/Gmünd

Kontakt: Waltraud Haider, Tel.: 02854/444, 0664/73411840,

waltraud_haider@yahoo.de

Gruppentreffen: Jeden 1. Freitag im Monat, 19:00 Uhr im

Gasthaus Schrammel, Moidrams 1, Zwettl


Frauenselbsthilfe nach Krebs

„Ich will für andere da sein, denen es schlechter geh- t“

Maria Rameder-Paradeiser ging nach ihrer Brustkrebs-Diagnose zur Selbsthilfegrup- pe, um beim wöchentlichen Turnen mitzumachen. An  den monatlichen Treffen nahm sie damals nicht teil, weil sie einerseits mit der Erkrankung gut zurechtkam und andererseits ihr achtjähriges Kind an erster Stelle stand. Nach einiger Zeit über- nahm sie die Leitung der Gruppe, weil diese sonst aufgelöst worden wäre. Die The- men, mit denen sie konfrontiert werde, seien manchmal heftig – psychische Proble- me, Beziehungsthemen, Angst vor dem eigenen Tod –, aber „ich mache das, weil ich für andere da sein will, denen es schlechter geht“, sagt Rameder-Paradeise- r.


Verein Baden und Umgebung

Kontakt: Mag. Maria Rameder-Paradeiser, Tel.: 0664/1737070,

maria.paradeiser@aon.at, www.frauenselbsthilfe-baden.a- t

Gruppentreffen: Jeden 3. Mittwoch im Monat, 17:00 Uhr im

Landesklinikum Baden, Waltersdorferstraße 75

Bewegungstherapie: Jeden Dienstag um 17:00 Uh- r

im Landesklinikum Baden

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2019