IM PORTRÄT

FOTOS: Stefan Voitl

Auf dem Weg

Der Berg und die Fotografie: Diese Leidenschaften prägen Stefan Voitl schon lange. Er begleitete bereits Sportler wie David Lama auf die höchsten Berge der Welt.

Rastlos. So würde sich Stefan Voitl am ehesten beschreiben. Seine Kindheit verbringt er auf dem Fahrrad, in seiner Jugend nimmt er auf seinem BMX am Weltcup teil. Er klettert im Sommer und fährt im Winter mit den Ski den Berg hinunter. Mit dabei hat er immer seine Kamera, um all die Abenteuer festzuhalten. Seit gut zehn Jahren verbindet der gebürtige Niederösterreicher nun bei- des: den Sport und die Fotografie.


RUND UM DIE WELT

Stefan Voitl stammt ursprünglich aus Seitenstetten im Bezirk Amstetten. Er macht eine Lehre zum Elektriker. Als er beim Bundesheer ist, wird ihm klar, dass er in seinem Beruf nicht glücklich wird. Er kündigt und beginnt daraufhin, Grafikdesign und Fotografie an der Kunstuniversität Linz zu studie- ren. Während des Studiums nimmt er bereits Fotoaufträge an. Als im Zuge eines Snowboardcon- tests am Hochkar ein Fotowettbewerb veranstaltet wird, nimmt der Fotograf daran teil und gewinnt. Der Preis: ein Auftrag für Red Bull. Es ist der Startschuss für seine Karriere als Sportfotograf. Zwi- schen 2010 und 2014 fotografiert Stefan Voitl bei Sportevents rund um den Globus. Er begleitet unter anderem den bekannten BMX-Fahrer Senad Grosic nach Mauritius. Auch Guatemala steht auf dem Programm: Gemeinsam mit Radlegende Hans Rey, der die Non-Profit-Organisation „Wheels 4 Life“ gründete, unternimmt Stefan Voitl eine zehntägige Radtour durch das Hochgebirge des Landes. Er begleitet zu dieser Zeit meist Sportler auf dem Rad. Und doch fehlt ihm etwas für ihn Essentielles: nämlich das Abenteuer. Als er den ehemaligen Trial-Weltmeister Tom Öhler ken- nenlernt, reist Stefan Voitl mit ihm und Harald Philipp gemeinsam das erste Mal nach Nepal in den Himalaya. Kurz darauf begleitet er die Ausnahmebergsteiger Conrad Anker und David Lama einen Monat lang bei ihrer Expedition auf den unbestiegenen Lunag Ri in Nepal. Diese Reise prägt den 31-Jährigen am meisten: Nicht nur das Übernachten im Zelt bei minus 25 Grad waren Neuland für ihn. Er erkrankt auf 5.100 Metern an der Höhenkrankheit, muss daraufhin auf 4.000 Meter abstei- gen und findet Unterschlupf im Haus einer nepalesischen Frau. Zwei Tage lang verständigen sich die beiden nur mit Händen und Füßen: „Es war erstaunlich, wie gut das funktioniert hat“, erinnert er sich. Einen Vormittag sei er so mit ihr gemeinsam schweigend in der Sonne gesessen. Vor dieser prägenden Reise sagt der langjährige Kameramann von David Lama zu ihm: „Wenn du einmal als Fotograf Nepal bereist hast, wirst du immer wieder zurückkommen.“ Er behält Recht, denn Stefan Voitl reist noch zwei weitere Male in das Land. „Der Zauber, der von Nepal ausgeht, hat mich in seinen Bann gezogen. Ich habe mein Herz an diesen Teil der Erde und die Menschen, die ihn be- wohnen, verloren.“


ABENTEUER GESUCHT

Vor vier Jahren zieht Stefan Voitl dann nach Innsbruck. Seither fotografiert er immer mehr in den Bergen – sei es beim Bergsteigen oder Klettern. Er begleitet vor allem Bergsportler oder fotogra- fiert für TV-Produktionen. Um mit ihnen auf Augenhöhe zu sein, trainiert Stefan Voitl selbst immer mehr in den Bergen: „Um Fotos auf hohem Niveau zu machen, muss man fit im Gelände sein.“ Die Exkursionen selbst sind immer ein kleines Abenteuer: Dick eingepackt und gut gesichert hängt der Fotograf dann mit der Kamera am Seil. An den Fotos im alpinen Gebirge hat er Gefallen gefunden: „Diese alpinen Geschichten sind immer eine Herausforderung. Immer kalt, immer ungemütlich. Wenn man am Seil hängt, ist es schwer, den Winkel zu verändern oder näher zu kommen. Aber der Aufwand steht wirklich dafür“, sagt Voitl. Im Andenken an den verunglückten Bergsportler Da- vid Lama macht sich der Fotograf im vergangenen Herbst bereits zum vierten Mal auf nach Nepal. Dort besteigt er seinen ersten 6.000er.

Nicht nur die Motive haben sich im Laufe der Jahre geändert, sondern auch der Stil des Fotogra- fen. In seiner Anfangszeit setzt der Wahl-Innsbrucker gerne Blitz und Nebelmaschinen ein. Drama- tische Bilder haben ihm damals „einfach getaugt“, erzählt er. Im Laufe der Jahre ändert sich das: Heute ist ihm wichtig, dass das Foto möglichst natürlich und authentisch ist. „Das Foto muss nicht perfekt sein. Wichtig ist, dass es echt ist.“ Gerade wenn der Fotograf am Berg unterwegs ist, hat er meist nur eine Kamera mit. Er hält sich dann am liebsten im Hintergrund, denn eines mag er gar nicht: „Fotos zu inszenieren ist nicht meins. Ich mag am liebsten einen authentischen Reportagestil.“


KOPF DURCHLÜFTEN

Mit der Kamera im Gepäck ist er auf der ganzen Welt unterwegs. Privat aber ist er gerne in Öster- reich. So radelt er im Sommer von Innsbruck nach Baden zu einer Hochzeit. Oder klettert gerne in den Schweizer Westalpen. Ins Mostviertel kommt er meist einmal im Monat, um seine Eltern zu be- suchen. Und irgendwann planen er und seine Ehefrau, wieder ganz zurückzukehren – auch der „gemütlichen Leute“ wegen. Und wie verbringt der umtriebige Fotograf seine Freizeit? „Ich klettere und bergsteige gerne und fahre mit dem Rad. Und versuche, ein guter Ehemann zu sein“, sagt er. Der Sport ist für ihn ein Ausgleich zu seinem Beruf. Ein paar Stunden Bewegung im Freien helfen dabei, den Kopf durchzulüften. Auf keinen Fall, betont er, treibt er Sport, um seinen Körper zu defi- nieren. Und daher gibt es auch nach einer Rad- oder Bergtour meist ein Bier.

„Am Weg“ – das beschreibt das Leben von Stefan Voitl am besten. Unter diesem Titel hielt er An- fang August auch seinen ersten Vortrag über seine Expeditionsreisen nach Nepal. Etwas, das er in Zukunft auch weiter forcieren möchte. Aber auch klassische Werbung und Events möchte er wie- der verstärkt fotografieren. Denn auch nach über zehn Jahren ist die Fotografie noch spannend für ihn: „Ich mache nach wie vor Fortschritte und glaube immer noch nicht, dass ich gut bin. Ich möchte mich immer weiterentwickeln und mich nicht ausruhen.“


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 10/2020