Psychologie

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Diese Krise macht mich stark!

Ein Jahr hat uns die Corona-Pandemie nun fest im Griff und die damit verbundenen physischen und mentalen Belastungen zehren an unserem Nervenkostüm. Wie können wir damit umgehen?

Ein kräftiger Baum, dessen Äste sich in einem starken Sturm in alle Richtungen biegen und dennoch den Naturkräften trotzen. Fast scheint es, als stünde er vor der Entwurzelung und das Geäst vor dem Abknicken. Doch sobald das Unwetter sich legt, steht der Baum wieder da wie zuvor – fest verwurzelt in der Erde. „Dieses Naturschauspiel ist ein gutes Sinnbild für Resi- lienz“, erklärt Mag. Marion Blaimauer. „Damit ist unsere psychische Widerstandsfähigkeit ge- meint, eine innere Stärke, die uns über Krisensituationen und Schicksalsschläge gut hinweg- trägt“, so die klinische und Gesundheitspsychologin und fachliche Leiterin von Anima Mentis, Center für mentale Stärke in Wien. Dieses mentale Bündel an Lebenseinstellungen ist nicht bei jedem Menschen gleich ausgeprägt. „Resilienz entsteht schon in der frühen Kindheit und ist unter anderem abhängig von der Beziehung zu stabilen Bezugspersonen“, so Blaimauer. Je stabiler und verlässlicher das soziale Netzwerk schon in frühen Jahren sei, desto stärker ent- wickle sich eine Art Urvertrauen, das für das ganze Leben stärke.


Mitten im Resilienz-Training

Die gute Nachricht: Auch wer in jungen Jahren auf ein weniger stabiles soziales Netzwerk zählen konnte, kann seine eigene inne- re Widerstandsfähigkeit trainieren und stärken. „Was uns dabei in die Hände spielt, ist unser Alter“, erläutert die Psychologin. Schwierige, aber bewältigte Lebenssituationen seien es, die auf unser Resilienzkonto einzahlten und uns für künftige Krisen stärk- ten, sagt Blaimauer, die betont: „Eigentlich befinden wir uns durch die Corona-Pandemie auch aktuell in einem riesigen Resilienz- Training. Wie wir jetzt unsere Widerstandsfähigkeit stärken können? Indem wir uns in Erinnerung rufen, was uns schon einmal in schwierigen Zeiten geholfen hat, um die Situation gut zu bewältigen.“

Gespräche mit guten Freunden oder Familienmitgliedern, Bewegung, ein bestimmtes Hobby – die Liste möglicher Ressourcen ist lang. Viele davon könne man auch aktuell, trotz Einschränkungen und Lockdowns, als Kraftquelle nutzen. Auch professionelle Hil- fe unterstützt bei der Analyse und Resilienzstärkung.


Den Moment wahrnehmen

„Um den Blick mehr auf das Positive zu lenken, hilft uns auch Achtsamkeitstrai- ning“, so Blaimauer. „Achtsamkeit hilft uns dabei, den Moment, in dem wir uns befin- den, wahrzunehmen – mit allen Sinnen und ohne Bewertung“, erläutert die Psycholo- gin. Mithilfe von Meditation, Atem-, Bewe- gungs- und Reflektionsübungen gelange man durch regelmäßiges Praktizieren zu einer achtsamen Grundhaltung, die uns schließlich dabei helfe, uns selbst besser einschätzen, besser auf Situationen reagie- ren und besser für uns sorgen zu können. „Achtsamkeit ist eine Form von Selbstfür- sorge, die uns gerade in unsicheren Zeiten wie der aktuellen dabei hilft, besser mit uns selbst in Kontakt zu treten, die aber auch wissenschaftlich belegt positive Auswir- kungen auf unsere körperliche und menta- le Gesundheit hat“, sagt die Psychologin. „Wir alle wissen, dass Stress negative Fol-

gen für unsere körperliche und psychische Gesundheit hat“, betont Blaimauer. Neben äußeren Stressfaktoren wie etwa zu wenig Zeit für sich selbst, zu viel Arbeit, Problemen mit dem Chef, den Kollegen oder der Familie verstärken gerade innere Faktoren un- ser Stressgefühl. „Das können Gedankengänge, Einstellungen, Denkmuster oder Glaubenssätze sein, die uns das Leben schwer machen und auch das Erleben der aktuellen Krise noch schwieriger gestalten.“


Physische Distanz, emotionale Nähe

Während Stress häufig mit einem „Zuviel“ assoziiert wird – zu viel Arbeit, zu viele Baustellen, die unter einen Hut gebracht wer- den müssen – sorgt aktuell aber gerade auch ein „Zuwenig“ für erhöhten Stress. Arbeitslosigkeit etwa, reduzierte bis gar keine Sozialkontakte, Einsamkeit. Gerade in dieser Situation sei es wichtig, physische Distanz zwar einzuhalten, aber emotionale Nähe zu suchen. „Vertrauen Sie sich guten Freunden, Familienmitgliedern, anderen Bezugspersonen an und teilen Sie Ihre Sorgen. Denn das Gefühl von Verbundenheit ist eine wesentliche Säule unseres Selbstwertes.“ Ebenso helfe, sich seiner eigenen Stärken bewusst zu werden: „Nehmen Sie sich bewusst Zeit dafür und überlegen Sie, was Sie besonders gut können und auch gerne machen. Zudem können Sie auch andere, wohlmeinende Mitmenschen fragen, wo diese Ihre Fähigkeiten und Talente sehen.“ Die Sammlung, die so entstehe, fungiere ebenfalls als Booster für das Selbstwertgefühl und offenbare häufig auch ungeahnte Stärken.


Hilfe annehmen

„Was abschließend auch noch wichtig ist: Haben Sie nicht das Gefühl, die Krise allein schaffen zu müssen“, betont Blaimauer. „Resiliente Menschen zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie nicht problem-, sondern lösungsorientiert denken. Statt sich auf das Warum zu konzentrieren, fokussieren sie sich darauf, was die nächsten Schritte sein könnten, um die Situation zu bewälti- gen“, sagt die Psychologin. Dazu zähle zum Beispiel auch, sich zu überlegen, wer einen unterstützen und zum Beispiel einmal die Kinder abnehmen oder eine Schulter zum Anlehnen bieten könnte, wo professionelle Unterstützung gut tun oder welche inne- re Einstellung nun hilfreich sein könnte. „Machen Sie sich auf die Suche nach Ihren inneren Ressourcen. Sie haben mit Sicherheit welche!“


Claudia Sebunk


interview




Denken Sie uM!



In Krisenzeiten kommen Menschen ins Grübeln, sind vielleicht mit dem Scheitern von Zielen und Plänen konfrontiert und zweifeln an sich selbst. Warum fällt es uns so schwer, ein inneres Gleichgewicht zu finden?

In Zeiten wechselnder Herausforderungen, Stress, Angst und Sorge, wie es weiterge- hen wird, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und auf das innere Urvertrauen zu horchen. Leider ist das aber gar nicht so einfach. Denn oft stehen wir uns selbst im Weg, tun Din-

ge, die wir gar nicht wirklich wollen oder nehmen uns Dinge vor, die wir dann nicht umsetzen. Oder wir sind unzufrieden, ob- wohl wir doch alles haben, was wir je wollten oder wofür uns andere beneiden: einen Job, eine Familie, erfüllende Freund- schaften, Gesundheit etc.


Was steckt hinter dieser Unzufriedenheit?

Oft ist man selbst sein größter Feind. Man vergleicht sich mit anderen, fragt sich, ob man genügt, warum andere gelassener mit schwierigen Situationen umgehen können oder weshalb man seine Ziele nicht erreicht. All das trägt dazu bei, sich selbst noch mehr unter Druck zu setzen. Deshalb ist jetzt der beste Zeitpunkt, sich etwas Gutes zu tun, auf das eigene Wohlergehen zu achten und sich zu stärken. Denn je besser unser Selbstwertgefühl, desto stabiler ist auch unsere Gemütslage.


Und wie steigert man sein Selbstwertgefühl?

Der Schlüssel sind Sie selbst. Legen Sie den Schalter um und betrachten Sie Ihre scheinbare Unzufriedenheit aus einem an- deren Blickwinkel. Hier kann es zum Beispiel helfen, sich in Dankbarkeit zu üben. Dankbar kann jede und jeder von uns für so viele Dinge im täglichen Leben sein. Sei es, eine Partnerin oder einen Partner an der Seite zu haben, die Sonnenstrahlen beim Spazierengehen, Schneeflocken auf der Hand zu spüren, ein geregeltes Einkommen zu haben, ein Lächeln des Post- mannes oder der Nachbarin, dankbar sein für das, was man heute schon alles geschafft oder erledigt hat. Wenn wir es schaf- fen, unsere Aufmerksamkeit auf die schönen Dinge des Lebens zu lenken, sind wir positiver gestimmt und strahlen das auch aus. Wer weiß, vielleicht beeinflussen Sie damit auch andere Menschen in Ihrem Umfeld. Und seien Sie ruhig stolz auf sich selbst. Denn Sie sind wertvoll – mit allem, was Sie ausmacht, Ihren Eigenschaften, Talenten und Ihrem Umgang mit herausfor- dernden Situationen.

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2021