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Gut vorsorgen

Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen, ist auch in Corona-Zeiten unerlässlich. Die Früherkennung von Erkrankungen erhöht die Heilungschancen und kann Leben retten.

Eine letzten Oktober veröffentlichte Studie der Medizinischen Universität Graz rüttelte auf: Die Forscherinnen und Forscher an der Kardiologie stellten fest, dass während des ersten Lockdowns im Vergleich zu den vier Jahren davor um 23 Prozent weniger kardiovaskuläre Patientinnen und Patienten in steirische Spitäler eingeliefert wurden. Unter den Aufgenommenen war die Sterb- lichkeitsrate höher als in den vergangenen vier Jahren. Innerhalb von zwei Wochen starben mehr Menschen mit Lungenembolie, Aortenriss oder Herzinfarkt in den Krankenhäusern. Die erhöhte Mortalität betraf in erster Linie Personen, die einen Herzinfarkt erlitten hatten. Die Studienautoren erklären den Rückgang der kardiovaskulären Patienten mit einer aufgrund der Corona-Pande- mie gestiegenen Befangenheit, die Rettung zu rufen und Ängsten vor dem Spital.


Wichtiger Gesundheitscheck

Auch die Bereitschaft, an Gesundenuntersuchungen teilzunehmen, sei während der ersten Lock- down-Phase deutlich zurückgegangen, räumt Dr. Andreas Krauter, leitender Arzt der Österreichi- schen Gesundheitskasse (ÖGK), ein: „Im März und April wurden im allgemeinen Vorsorgeuntersu- chungsprogramm nur circa ein Fünftel der Untersuchungen des Vorjahrs durchgeführt. Mit Ende des Lockdowns normalisierten sich die Zahlen rasch und liegen seither leicht über denen des Vor- jahrs. Das heißt, ein Teil der versäumten Untersuchungen konnte seitdem nachgeholt werden.“

Die Vorsorgeuntersuchung ist seit 1974 ein wichtiger Bestandteil des österreichischen Gesund- heitssystems. „Sie richtet sich an alle Personen, die das 18. Lebensjahr vollendet und ihren Wohn- sitz in Österreich haben – also auch an jene, die nicht versichert sind“, erläutert Krauter. Zweimal jährlich werden in Niederösterreich die Einladungen zum kostenlosen Gesundheitscheck ver- schickt. Danach ist die erste Anlaufstelle der Hausarzt oder die Hausärztin.


Untersuchungsschwerpunkte

Jahrzehntelang führte der Allgemeinmediziner Dr. Max Wudy Vorsorgeuntersuchungen in seiner Ordination in Weissenbach durch. Heute betreibt er eine Wahlarztpraxis in Bad Vöslau. Normaler- weise würden zwei Termine für den Gesundheitscheck ausreichen, erklärt Wudy: „Beim ersten Ter-

min wird zuerst eine Anamnese, also eine Erhebung der Krankheiten und der Risikofaktoren, durchgeführt. Dann wird Blut ab- genommen, um einige Risikoparameter zu erfassen. Abschließend folgt eine klinische Untersuchung, die unter anderem eine Beweglichkeitsprüfung der Gelenke, das Abhören von Herz und Lunge, eine Blutdruckmessung und das Abtasten der Lymph- knoten umfasst. Beim zweiten Termin werden die Befunde besprochen.“ Ergänzend gibt die Laboranalyse des Harns Auf- schluss über Krankheitserreger und die Gesundheit von Nieren, Harnwegen und Blase. Ab dem 50. Lebensjahr wird für die Darmkrebsvorsorge eine Stuhluntersuchung (Hämoccult-Test) und eine Darmspiegelung (Koloskopie) empfohlen. Ein weiteres Augenmerk liegt auf der frühzeitigen Erfassung von Zahnfleischerkrankungen und von Hör- oder Sehschwächen ab dem 65. Lebensjahr. Bei Frauen wird für die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs ein Krebsabstrich durchgeführt.


Brustkrebs-Früherkennung

Ein separater Teil des Gesundheitsvorsorgesystems ist das seit 2014 laufende Brustkrebs-Früherkennungsprogramm (BKFP): Es richtet sich an Frauen ab 40 Jahren, die alle zwei Jahre von der Sozialversicherung zu einer Vorsorge-Mammographie ein- geladen werden. Nach Angaben des BKFP sank während des ersten Lockdowns sowohl die Anzahl der Früherkennungs-Mam- mographien als auch die der ärztlich verordneten, also dringlichen Mammographien. Aber auch hier ist die erfreuliche Nach-

richt, dass sich die Untersuchungsteilnahmen im Juni wieder stabilisierten und in den Sommer- monaten sogar über den Werten des Vorjahres lagen. Wie enorm wichtig die Früherkennung ist, hat die bildende Künstlerin Doris Mayer am eigenen Leib erfahren. Weil auch ihre Mutter und Großmutter an Brustkrebs erkrankt waren, begann sie schon früh damit, regelmäßig ihre Brust ab- zutasten. Den ersten Knoten erspürte sie mit 29 Jahren. Nach einem Besuch beim Gynäkologen sowie einer Mammographie- und Ultraschalluntersuchung brachte der histologische Befund der Gewebeproben die traurige Gewissheit: Brustkrebs. „Das war ein echter Schock für mich. Du schaltest dann in einen reinen Überlebensmodus. Alarmstufe Rot. Ich glaube, das geht jedem so, der eine Krebsdiagnose hat“, erinnert sich die 50-Jährige. Dass ihr Leidensweg nach der ersten Operation, energiezehrenden Chemotherapien und Bestrahlungen weitergehen sollte, wusste sie damals noch nicht. Drei Operationen folgten: 2008, 2013 und erneut 2020 mussten weitere bösar- tige Tumore entfernt werden. Über ihre heutige Verfassung sagt Mayer: „Ich befinde mich mitten in einem psychischen und physischen Verarbeitungs- und Heilungsprozess. „Da ich jeden Tumor selbst gefunden habe, rate ich allen Frauen, ihre Brust einmal monatlich abzutasten, um auf Ver- änderungen im Gewebe rechtzeitig zu reagieren.“

Durch den Gesundheitscheck sollen Erkrankungen möglichst früh erkannt werden, um sie besser therapieren zu können. „Durch die regelmäßige Selbstkontrolle der Brust in Kombination mit Folgeuntersuchungen können kleinste Tumore entdeckt und sicher entfernt werden. Ebenso ermöglicht die Untersuchung des PSA-Werts (Prostataspezifisches Antigen) beim Mann, ein Prostatakarzinom früh zu entdecken“, beschreibt Andreas Krauter die Vorteile der Vorsorgeuntersuchung. Zudem geht es darum, Gesundheitsrisiken rechtzeitig zu reduzieren. Bei sich ankündigenden Krankheitsbildern können präventive Maßnah- men ergriffen werden, um den Ausbruch einer Erkrankung zu vermeiden, sagt Krauter: „Einer Diabeteserkrankung kann man beispielsweise durch Bewegung, Korrektur des Körpergewichts und Ernährungsumstellung vorbeugen.“ Das Gleiche gilt für die Prävention von Darmkrebs. Die Darmspiegelung (Koloskopie) dient der Früherkennung von Darmkrebs, wobei das Erkran- kungsrisiko ab fünfzig Jahren steigt. Bei der Koloskopie wird die Darmschleimhaut mit einem speziellen optischen Gerät be- trachtet. Das fingerdicke, biegsame Koloskop ist mit einer Kamera ausgestattet und liefert Bilder von der Darmschleimhaut. Der Arzt kann damit auf jede Veränderung reagieren, Gewebeproben entnehmen und Darmpolypen, die sich zu Tumoren ent- wickeln können, sofort entfernen. Allgemeinmediziner Wudy: „Das Gute daran ist, dass das immer sehr langsam beginnt. Die Vorstufen des Dickdarmkarzinoms bilden sich oft über viele Jahre. Wenn man die Polypen entfernt, können sie nicht mehr bös- artig werden. Das ist ein ganz entscheidender Punkt – man kann damit wirklich Leben retten und Leiden ersparen.“


Risiko Gefäßerkrankung

Angesichts der hohen Erkrankungszahlen in Österreich ist auch die Vorsorge im Bereich der Gefäße enorm wichtig: Nach An- gaben des Vereins Gefäßforum Österreich leben hierzulande mehr als 1,5 Millionen Menschen mit Gefäßerkrankungen. Nicht behandelte Gefäßerkrankungen können von Thrombosen über Schlaganfälle bis hin zu tödlichen Aneurysmen (krankhafte Aus- sackung eines Blutgefäßes) und Herzinfarkten führen. Aneurysmen werden von den Betroffenen oft erst dann gespürt, wenn

die Erweiterung der Arterie stark fortgeschritten ist. Wenn die Gefäßwand reißt, kann es zu lebens- gefährlichen Blutungen kommen. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung rechnet das Gefäßfo- rum Österreich mit einer starken Zunahme von Gefäßerkrankungen und rät vor allem ab dem 60. Lebensjahr zum Besuch eines Gefäßspezialisten. Schon die Erhebung des Lebensstils und die Auswertung des Blutbilds ermöglichen dem Arzt im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung, das Ar- teriosklerose-Risiko abzuklären und hilfreiche Maßnahmen zu setzen. „Eine im Blutbefund entdeck- te Fettstoffwechselstörung kann mit Diät und Bewegung und, falls notwendig, mit Medikamenten behandelt werden. Damit werden Gefäßverkalkungen im Herzen, im Gehirn und in der Niere sowie an den Beinen und im Augenhintergrund vermieden“, erläutert Krauter. Daneben gibt es auch eini- ge Nervenkrankheiten, die früh erkannt besser behandelt werden können. Eine davon ist die Neu- ropathie bei Diabetes oder Prädiabetes. Diese geht mit einer erheblichen Einschränkung der Le- bensqualität und einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko einher. Abhängig davon, welche Nerven ge-

schädigt sind, reichen die Symptome von einer Un- sicherheit beim Gehen über Missempfindungen oder Taubheitsgefühle in Fingern oder Beinen bis hin zu Brennen oder stechenden Schmerzen. Umso wichtiger ist es, bereits in frühen Stadien der Dia- betes regelmäßige Screenings durchzuführen, um die Krankheit zu erkennen und ihr mit Therapien, beispielsweise einer Hochtontherapie, bei der eine Wechselstromform direkt auf den Nervenstoffwech- sel einwirkt, gegenzusteuern.

Die Gründe, um selbst in Corona-Zeiten der Ge- sundheit zuliebe den Weg zum Arzt nicht zu scheu- en, sind also vielfältig. „Es gibt keinen Grund, aus Angst Arzttermine aufzuschieben“, appelliert Wudy. „In den Ordinationen und Spitälern wurde alles ge- macht, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Beim Einkaufen hat man sicher ein höheres Anste- ckungsrisiko als beim Arzt.“


Jacqueline Kacetl

erschienen in GESUND & LEBEN 01+02/2021

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