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FASTENZEIT

Zero Waste


Zero Waste – kein Müll – ist eine Bewegung, die im Zuge der Klimadebatte mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ziel ist, so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Alles soll so lange und komplett wie möglich weiterverwendet werden. So werden etwa alte T-Shirts zu Putztüchern, Feuerwehrschläuche zu Taschen und Transportpaletten zu Möbeln oder Hochbeeten. Wiederbefüllbare Flaschen und Gläser beispielsweise sparen Verpackungsmüll, ebenso das Einkaufen am Markt oder beim lokalen Bauern, wo man Obst und Ge- müse unverpackt bekommt

Text.

Das simple Leben

Nicht nur in der Fastenzeit – das ganze Jahr über spielt das bewusste Reduzieren eine immer größer werdende Rolle.

Und das in allen Bereichen des Lebens.

Mit so wenig wie möglich das Leben genießen. Es klingt einfach und klar. Es klingt nach einem übersichtli- chen Leben. Die Realität sieht anders aus: Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Wir besitzen immer mehr, können immer mehr und machen immer mehr. Zwischen all den To-do-Listen, Einkaufstouren und Selbstoptimierungsversuchen bleibt die eigene Freiheit auf der Strecke. Immer weniger Menschen bezeich- nen sich als glücklich. Sie suchen Psychotherapeuten oder Psychologen auf, weil sie an Burnout oder De- pressionen leiden. Schneller, höher, weiter – ist es das, worauf es im Leben ankommt?


Vor einigen Tagen endete der Fasching und die Fastenzeit startete mit dem Aschermittwoch. Viele gläubige Menschen essen an jenem Tag kein Fleisch – genauso wie am Karfreitag. Fasten ist ein uraltes Thema: Seit dem 4. Jahrhundert verzichten Christen 40 Tage lang auf gewisse Speisen und Getränke sowie Vergnügen. Menschen mit islamischem Glauben begehen den Ramadan. Sie verzichten zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang komplett auf Essen und Trinken. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts verlor die Fastenzeit

an Bedeutung. Doch in den letzten Jahren üben sich wieder mehr Menschen in den 40 Tagen vor Ostern im Verzicht. Dem mo- dernen Fasten scheint dabei keine Grenze gesetzt zu sein: Es reicht vom Verzicht auf Zucker über Plastik-Fasten bis hin zum Gedanken-Fasten. Eines ist dabei aber wichtig: „Man sollte sich zunächst bewusst machen, was man fasten möchte und welche Beweggründe man hat. Ich überlege mir, wo ich hinmöchte und wie ich mich fühlen möchte“, sagt Mag. Angelika Tober, Klini- sche und Gesundheitspsychologin aus Pöchlarn. Wichtig ist dann auch, mit welchen Worten man sein Ziel formuliert. Anstatt sich beispielsweise vorzunehmen, 40 Tage lang keinen Kaffee zu trinken, könnte man planen, 40 Tage lang seinen Körper zu entlasten. Wer sein Ziel mit positiven Worten benennt und das Ergebnis quasi schon vor Augen hat, der hält auch leichter durch. Apropos Gedanken: Die Psychologin empfiehlt während der Fastenzeit vor allem das Fasten von Ablenkungen: „Man nimmt sich jeden Tag eine halbe Stunde Zeit, nur mit sich alleine und frei von Einflüssen. Man nimmt einfach nur wahr, was an Gedanken kommt und bewertet nicht. Die Übung ist nicht immer einfach, hat aber große Auswirkungen. Wenn jeder Mensch täglich eine halbe Stunde nur mit sich alleine wäre, hätte das eine große Kraft“, ist Angelika Tober überzeugt. Wer klassisch beim Essen fas- ten möchte, sollte sich überlegen, was für sie oder ihn selbst und den Körper tatsächlich gut ist.“


Wenn die Angst uns hindert

Ein reduziertes Leben – eine Sehnsucht, die immer mehr Menschen nicht nur während der Fastenzeit heimsucht. In die Praxis von Angelika Tober kommen viele Menschen mit einer persönlichen Krise. Nach und nach überdenken sie ihren eigenen Le- bensweg. Eines trifft dabei auf alle zu: „Die Menschen sind überflutet. Ich beobachte Übersättigung und ein Überangebot an Reizen.“ Inmitten eines Lebens voller Möglichkeiten gilt es, sich ständig für das scheinbar Richtige zu entscheiden. Dieses An- gebot, sagt die Expertin, stresst enorm. Im Jahr 2020 ist man damit beschäftigt, sich weiter zu optimieren, mehr zu besitzen und schneller zu sein, um Zeit zu sparen. Diese Vielzahl an Reizen führt zu chronischem, negativem Stress. Kurz: Das schnelle Le- ben macht uns krank. Doch mittlerweile ist eine Gegenbewegung zu spüren. In vielen Menschen keimt der Wunsch auf, sich aufs Wesentliche zu reduzieren. In dieser Reduktion stellen sie sich dann wichtige Fragen: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Und: Was brauche ich?

Wie man sein Leben reduziert, dafür gibt es kein allgemein gültiges Rezept, denn jeder geht es auf seine eigene Art an. Mana- gerinnen und Manager erkennen, dass das, was sie sich erarbeitet haben, nicht glücklich macht. Mütter ertragen es nicht mehr, ständig erreichbar sein zu müssen und sich gleichzeitig um ihr Kind zu kümmern. Egal, wer sein Leben reduziert – mit der Angst bekommt es fast jeder zu tun. Und diese zeigt sich in verschiedenen Facetten: „Da ist etwa die Angst, den Status zu verlieren scheinbar nicht mithalten zu können. Oder die Sorge, den Kindern nichts bieten zu können. Es geht in der Regel um Angst oder ähnliche unangenehme Emotionen“, sagt die Psychologin.

Wer sich diesen Gefühlen stellt, bekommt Entscheidendes zurück: Kontrolle über das eigene Leben. Vor allem Werbung und so- ziale Netzwerke vermitteln ein Bild, wie man scheinbar zu sein hat. Wer nach eigenen Vorstellungen lebt, hat die einzig mögliche echte Kontrolle über sein Leben. Man hat mehr Gefühl von Sinn, wenn man lebt, wie man es selbst wirklich möchte. Selbstwirk- samkeitsüberzeugung nennt es Angelika Tober. Dafür stellt man sich ein paar Fragen. Etwa wie man lebt und wie man eigentlich leben will.

Wer auf das Wesentliche reduziert und langsam in ein einfacheres Leben hineinwächst, der fühlt sich leichter und freier. Das ei- gene Leben gleicht nicht mehr einem unübersichtlichen schnellen Gewusel, sondern wird überschaubar und einfacher.



Raus mit dem Stecker

Man bekomme eckige Augen, hieß es früher. Es sei schlecht für die Konzentration und mache unruhig, ermahnt man Kin- der heute, wenn es um übermäßigen Medienkonsum geht. Und selbst? Das Smartphone begleitet die meisten Menschen heute vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Die Zeit vor dem Handy nimmt mittlerweile Ausmaße an, die nur mehr schwer kontrollierbar sind: Alle zwölf Minuten checkt der durchschnittliche Benutzer sein Handy. Dass Smartphones und Co in vielfältiger Weise krank machen, ist längst bekannt. Digital Detox ist die Gegenbewegung dazu. Das bewusste Verzichten auf das Handy mit all seinen Möglichkeiten hat jede Menge positive Auswirkungen: Es fördert die Konzentra- tion, schont die Augen und lässt Körper und Geist zur Ruhe kommen.  Wer sich der digitalen Welt für bestimmte Zeitfens- ter entsagt, dem bleiben die Freuden der analogen Welt. Wer sich alleine zu Hause damit schwer tut, konsequent zu blei- ben, für den gibt es sogenannte Offline-Camps. Eines davon befindet sich zum Beispiel in Lunz am See und nennt sich die „Wurzelwerkstatt“. Das Camp setzt auf bewusste Ernährung, Bewegung und Kreativität, Yoga, Meditation, gemeinsames Kochen und Workshops.


Weniger ist mehr

Die Überflussgesellschaft spiegelt sich meist in den eigenen vier Wänden wider. Von manchem ist viel zu viel da: Kleidung, De- koration, Lebensmittelvorräte, Schuhe oder Spielzeug. Vor ein paar Jahren griff die Japanerin Marie Kondo das Thema Entrüm- peln und Ausmisten auf und verfasste ein Buch zu ihrer „Konmari-Methode“. Darin beschreibt sie, wie man richtig ausmistet und nach welchen Kriterien man entscheiden soll, welche Gegenstände man behält. Ein umfangreiches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass sich in jedem Haushalt durchschnittlich 10.000 Dinge befinden. Die Ordnungsberaterin stellt eine zentrale Frage: Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme? Marie Kondo ist davon überzeugt, dass das Ausmisten eine emotionale Angelegenheit ist und das Loslassen von alten Dingen Platz für Neues macht. Zwei Drittel der Din- ge können laut Kondo im Haushalt oder am Arbeitsplatz entsorgt werden. Angelika Tober sieht es nicht so streng: „Verzicht funktioniert bei jedem anders. Es reicht manchmal schon, wenn man im Kleinen reduziert.“ Wenn Minimalismus zum neuen Lu- xus wird und man einer perfekten Welt nacheifert, findet man sich im Selbstoptimieren wieder. Die Gefahr ist, dass dann kein Platz mehr für Gefühle ist: „Das Zuhause sollte nicht zu clean und perfekt sein. Man soll sich wohlfühlen. Das macht das Leben aus“, sagt Tober.


Leben auf kleinem Fuß

Wenn wo der Platz fehlt, um Konsumgegenstände anzuhäufen, dann befindet man sich in einem Tiny House. Diese „Minihäu- ser“ werden immer beliebter. Das Tiny House verfügt meist nur über 15 Quadratmeter Grundfläche und beherbergt alles, was man zum Leben braucht: Kochnische, Bad mit Dusche und WC und ein Schlafloft. Einige Tiny Houses stehen auf Rädern. Die Besitzer ziehen damit häufig um und leben flexibel. Das Tiny House benötigt nur wenig Energie – der Umweltaspekt spielt also auch hier mit. Auch in Niederösterreich spielen Tiny Houses mittlerweile eine Rolle. In Gutenstein baut beispielsweise das Start- up „Wohnwagon“ individuelle Minihäuser.

Wenn man dann aufgeräumt und reduziert hat, sei es an Dingen, Wohnraum oder dem digitalen Leben – dann braucht man weniger Zeit, sich um seinen Besitz zu kümmern. Es bleibt Zeit übrig, die man mit anderen Menschen verbringen kann. Denn „es ist unter anderem die Verbundenheit, die uns glücklich macht“, sagt Psychologin Tober. „Wenn ich gestresst bin, habe ich immer weniger Zeit für die Menschen, die ich liebe. Besitz macht auf Dauer nicht glücklich. Zeit mit anderen Menschen aber schon.“ Es geht also um die Kontrolle über das eigene Leben, die Sinnhaftigkeit des Tuns und das Verbundensein mit anderen Menschen. Weit weg von Selbstoptimierung und Perfektionismus. Denn dafür ist in einem glücklichen Leben sowieso kein Platz.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2020