MEDIZIN

Schulisch oder komplementär?

fotos: Istockphoto/ kerdkanno, Donau uni krems

„Alternative Medizin“ wird immer beliebter. Was steckt hinter dem Trend und wie bewertet die Fachwelt ihn?

Auf der Suche nach Heilung wenden sich immer mehr Menschen an komplementärmedizinische Ärzte und Heilpraktiker und probieren alternative Therapien aus. Die Nachfrage nach solchen Angeboten steigt. Expertinnen und Experten, die sich mit diesem Trend wissenschaftlich auseinandersetzen, sehen ihn durchaus kritisch.

GESUND&LEBEN hat darüber mit Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner gesprochen, dem Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Donau-Universität Krems. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Bewertung von alternativmedizinischen Behandlungen.


Wie beschreiben Sie das Verhältnis von Schulmedizin und alternativen medizinischen Konzepten?

Das Verhältnis ist oft gespannt, weil sich Alternativmedizin nur in seltenen Fällen denselben rigorosen Evaluierungen der Wirksamkeit und Sicherheit stellt wie die Schulmedizin, die heutzutage evidenzbasiert sein muss. Die Evidenzbasierte Medizin (EBM) ist eine jüngere Entwicklungsrichtung in der Medizin, die ausdrücklich fordert, dass bei einer medizinischen Behandlung patientenorientierte Entscheidungen nach Möglichkeit auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit getroffen werden sollen.


Warum ist das Verhältnis zwischen Schul- und Alternativmedizin oft gespannt?

Vertreterinnen und Vertreter von Alternativmedizin weigern sich häufig, ihre Methoden wissenschaftlich zu testen. Und viele alternativmedizinische Verfahren leben nur von der Placebowirkung, werden dafür aber teuer verkauft.


Trotzdem wenden sich viele Menschen der Alternativmedizin zu. Warum?

In der Schulmedizin fehlt oft die Zuwendung, die Patientinnen und Patienten suchen und brauchen. Aber wenn die Krankenkasse einer Allgemeinmedizinerin, einem Allgemeinmediziner nur 15 Euro pro Patient und Konsultation bezahlt, dann bleibt nicht viel Zeit dafür, weil der ökonomische Druck für die Ärzte zu groß ist. Und: Manche Menschen brauchen eigentlich keine medizinische Behandlung, sondern Zuspruch. Der Heilungserfolg ergibt sich dann durch die Zuwendung, nicht durch die Wirksamkeit der Alternativmedizin.


Mehr als 40 Prozent aller Patientinnen und Patienten in den USA nutzen alternative Therapien: Die Anzahl der Patientenbesuche bei komplementärmedizinischen Ärzten beziehungsweise Heilpraktikern übersteigt mittlerweile jene bei praktischen Ärzten. Wie sieht das in Österreich aus?

Die Nachfrage ist in Österreich eindeutig vorhanden und wird von Ärztinnen und Ärzten auch ausgiebig bedient. Ich sehe die Nachfrage aber nicht nur negativ; sie ist auch eine Folge dessen, dass es in unserer Gesellschaft teilweise ein Zuviel an medizinischen Interventionen gibt.


Welche Behandlung wünschen sich die Menschen?

Patienten sind mündiger als früher. Viele wünschen sich eine gemeinsame, informierte Entscheidungsfindung. Sie wollen Vor- und Nachteile von unterschiedlichen Optionen erfahren und abwägen. Dazu gehört manchmal auch einfach Zuwarten oder der bewusste Einsatz von Placebomedizin.


Was ist das gemeinsame Merkmal von alter-nativmedizinischen Konzepten?

Es gibt viele Konzepte, die zum Teil so absurd sind, dass ich keine gemeinsamen Merkmale sehe. Es macht auch einen Unterschied, ob ich Akupunktur betrachte, wofür es Studien gibt, oder Schüssler Salze und Aurachirurgie, die an Vodoo-Zauber grenzen.


Bei welchen Erkrankungen können alternative medizinische Konzepte helfen? Welche und inwiefern?

Im Prinzip können sie bei allen Krankheiten helfen, die auf Placeboeffekte ansprechen. Bei Prüfungsangst sprechen 60 Prozent der Teilnehmenden von Studien auf Placebo an. Da wirken dann auch Bachblüten-Notfallstropfen gut. Und: In solchen Situationen macht es auch Sinn, Alternativmedizin bewusst als Placebo einzusetzen, weil Bachblüten harmloser sind als Beruhigungsmittel oder Beta-Blocker.


In welchen Bereichen ist die Schulmedizin am stärksten und besten?

In akuten lebensbedrohlichen Situationen gibt es keine Alternative zur Schulmedizin.


In welchen Bereichen sind alternative medizinische Konzepte hilfreich?

Immer dann, wenn die Selbstheilungskräfte ohnehin gut wirken. Die meisten Erkrankungen sind selbstlimitierend, das bedeutet, sie würden irgendwann auch ohne äußere Einflüsse heilen. Alternativmedizin wirkt dabei nur scheinbar, weil die Beschwerden ohnehin von selbst besser geworden wären. Wenn man bei solchen Krankheiten schwarze Katzen um Mitternacht über die Friedhofsmauer wirft, wird auch das zu einer effektiven Behandlung führen.


Wo und inwiefern treffen sich Schulmedizin und alternative medizinische Konzepte? Wo gibt es Parallelen?

Die Arzt-Patienten-Beziehung und die Placebowirkung haben auch in der Schulmedizin enorme Bedeutung, wenn es um den Heilungserfolg geht. Hier treffen sich die beiden sicher – viele alternativmedizinische Angebote leben aber zur Gänze davon, weil es sonst keine Wirksamkeit gibt. Aber auch in der Schulmedizin sind nur rund 30 Prozent der Behandlungen wirklich wissenschaftlich belegt untersucht.

Was die Placebowirkung betrifft, so kann man sie sich im klinischen Alltag durchaus zu Nutze machen. Manchmal ist es zum Beispiel tatsächlich besser mit Medikamenten abzuwarten. So klingt etwa der Großteil der Mittelohrentzündungen bei Kindern nach drei Tagen auch ohne Antibiotika ab. Hier kann man bewusst Alternativmedizin anbieten – allerdings immer im Bewusstsein, dass sie nicht über Placebo hinausgeht und dass Antibiotika vielleicht doch noch nötig werden.


Woran können sich Menschen orientieren, wenn sie nach alternativen medizinischen Konzepten suchen?

In unserem Projekt „Medizin transparent“ (www.medizin-transparent.at) bewerten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder Anfragen zu alternativmedizinischen Behandlungen.


Wo in Österreich gibt es konstruktive Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und alternativen medizinischen Konzepten?

Das weiß ich leider nicht.


Wie wird die Zukunft der Medizin in dieser Hinsicht aussehen?

Placebomedizin sollte als solche gekennzeichnet sein – so wie homöopathische Globuli in den USA: Da steht auf der Packung, dass nicht nachgewiesen ist, dass die Wirkung über jene von Placebo hinausgeht.


Gabriele VASAK

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2019