IM PORTRÄT

Leben ohne Zwänge

Zur Person


Werner Auer, geboren am 11. Dezember 1965 in Holla- brunn, steht seit mehr als 25 Jahren auf der Bühne. Seit 1999 ist er Intendant der Felsenbühne Staatz, wo er auch selbst als Musicaldarsteller,

Regisseur und Bühnenbildner tätig ist. Seit 2013 ist er Intendant und Regisseur des Kindermusical-Sommers Niederösterreich in Schiltern (Gemeinde Langenlois) und Leiter der Musicalakademie Niederösterreich. Darüber hinaus ist Auer seit 2009 Vorsitzender des Theaterfest Niederösterreich und machte sich auch als Gesangsso- list diverser renommierter österreichischer Orchester und Bigbands sowie bei seinen eigenen Soloprojekten einen Namen. Aktuell investiert er viel Herzblut in sein neues Comedy & Musikprojekt „Three Magic Voices“ mit seinen Bühnenpartnern Andy Lee Lang und Lukas Babuder.

Werner Auer schlüpft in die Rolle des Merlin in dem Mu- sical Artus.

Text.

Werner Auer wird zum Biest in „Die Schöne und das Biest“.

Werner Auer ist seit 20 Jahren Intendant der Felsenbühne Staatz und leitet seit zehn Jahren das Theaterfest Niederösterreich. Er hat seine ganz eigenen Methoden entwickelt, um stressfrei zu leben.

Er ist, salopp gesagt, „a gstandenes Mannsbild“: Werner Auer, groß, kräftiger Händedruck und ein freundliches „gemmas an! “ auf den Lippen. Er ist Schauspieler, Sänger, Moderator, Regisseur, Intendant, Bühnenbild-Designer, Musicalschreiber, Kabarettist, Kulturmanager und „schupft“ als Vorsitzender das Theaterfest Niederösterreich mit 20 Spielstätten. Wie schafft man so ein Arbeitspensum? „Es macht mir ganz einfach alles Spaß, was ich mache.“ Gerade diese Vielseitigkeit ist es, die er so liebt. „Diese ist aber notwendig, um als Künstler zu überleben.

Mit der Geburt seines Sohnes begann er, immer mehr als Künstler tätig zu sein, „es war schön, so auch mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen zu können.“ Nach und nach wurde das Hobby zum Beruf, Gitarre spielen und Singen hat sich Auer selbst beigebracht. Bewusst war ihm damals schon, dass „es zwar toll ist, wenn man sein Hobby zum Beruf macht, aber es ist dann kein Hobby mehr, sondern Arbeit, für die man bezahlt wird.“ Davor hatte er zwölf Jahre als Bausachverständiger gearbeitet, wo er gewissermaßen auch auf einer Bühne stand und große Verhandlungen leiten musste. Er studierte Vermessungstechnik und Hochbau und lernte dabei vor allem, diszipliniert und analytisch zu arbeiten. Vielleicht verbirgt sich da sein Erfolgsgeheimnis. Er teilt sich seine Arbeit in kleine Pakete und vergleicht sie mit einem Sandhaufen: „Ich schaufle einen kleinen Haufen nach dem anderen weg. Ich mag es nicht, wenn ich vor einem großen Sandhaufen stehe, etwas davon wegschaufle und es rutscht sofort viel mehr nach.“ Von einem Riesenhaufen (Arbeit), kann man begraben werden, „und dann wird es schwer, weil man sich zuerst aus dem Haufen rausgraben muss, um weiter schaufeln zu können.“ Somit: Arbeit immer in kleine Haufen teilen, besagt die

Auerische Anti-Stress-Sandhaufen-Theorie.


„Ich muss nicht mehr müssen“

Künstler zu sein ist, neben aller Glorifizierung, „ein beinhartes Geschäft, besonders, wenn man eine Familie hat und sein Leben damit finanzieren will. Dann muss man entweder zu den Top-Zwanzig der Branche gehören oder vielseitig sein.“

Das Theater sei eine Scheinwelt: „Da gibt es für alles jemanden, du wirst angezogen, geschminkt und wieder ausgezogen, man wird rundherum versorgt und verhätschelt und wenn man dann die Basis zum normalen Leben verliert, kann man schon leicht abdriften“, sagt der ehemalige Bausachverständige, dem dieses Schicksal wohl kaum drohen wird, weil er auf einem soliden Fundament steht.

Der gebürtige Hollabrunner ließ vor drei Jahren den 50er an sich vorüberziehen, ohne dabei in die Sinnkrisen-Grube zu fa- llen: „50 ist nur eine Zahl!“ Trotzdem hat sich was verändert: „Ich merke, dass der Körper anders wird.“ Und wie schont er sich? „Ich leiste mir den Luxus, dass ich nur mehr das mache, was mich wirklich freut und fordert, Jobs um des Jobs Willen mache ich nicht mehr.“ Er überlegt, wie er energiesparender arbeiten kann, baut mehr Pausen ein und plant keine Muss-U- rlaube mehr: „Ich habe mich von vielen Zwängen gelöst, ich muss nicht mehr müssen.“ Er ist nicht mehr so oft abends unte- rwegs, berufliche Termine werden sorgfältiger ausgewählt. „Zeit ist für mich sehr kostbar geworden“, sagt Auer. Wenn ihm das jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, „hätte ich ihn ausgelacht, weil damals war noch wichtig, am Jahresende zu sagen, ich bin 130 Mal aufgetreten und war 60 Abende wo eingeladen.“ Heute denkt er mehr an die Qualität, und es sind dann halt „nur mehr“ 60 Auftritte.


Zeit fürs Kranksein

Trotzdem bleibt mehr als genug zu tun für Werner Auer. Im Frühjahr gibt er Konzerte, im Sommer hat er nur das Musical und die Felsenbühne Staatz im Kopf, im Herbst gibt er wieder Konzerte und „der Jänner und Februar gehören mir, das ist meine Regenerationszeit!“ Früher hatte er im Fasching zahlreiche Ball-Engagements, auf denen er bis in die frühen Morgenstunden Musik machte oder sang. Diese lässt er jetzt weg, um Zeit für sich zu haben. Und was tut er stattdessen? Die Zei- t

verstreichen lassen: Er sitzt zu Hause, liest und schreibt Mails, daneben läuft der Fernseher, dann sieht er eine Doku über ei- n Land, das ihn interessiert und schon googelt er darüber. „Ich tue nichts mit Zwang, der größte Luxus ist für mich, wenn der Tag nicht durchgetaktet ist. Im Jänner und Februar nimmt sich Auer auch Zeit fürs Kranksein, dann „kommen Halsentzündun- gen und Schnupfen und ich gebe meinem Körper die Chance und die Zeit, krank sein zu dürfen.“ Auer muss während dieser Zeit nicht fit sein, im Gegensatz zum restlichen Jahr: „Wenn ich Auftritte habe und krank bin, gibt es nur zwei Möglichkeiten: absagen oder Medikamente schlucken.“ Auer genießt es, wenn er mal so richtig krank sein darf: „Das braucht der Körper, und wenn man ihm die Zeit gibt, krank zu sein, dann wird man besser gesund und bleibt es auch.“ Wo andere von einem Ka- ribik-Urlaub träumen, würde man ihm keine große Freude mit einem vierwöchigen Badeurlaub bereiten. „Ich würde nach ein paar Tagen den Hoteldirektor anbetteln, ob ich im Hotel nicht singen dürfte.“ Die beste Ruhe findet er mittlerweile zu Hause in Hollabrunn.  „Ausklinken, ja, mal für ein paar Tage, wenn ich merke, die Batterie braucht eine Ladung“ – dann setzt er sich in den Flieger und fliegt zum Beispiel in die Musicalhochburg Londo- n.

Werner Auer hört also seit seinem 50iger mehr auf sich: „Ich bin weder sportlich, noch esse ich besonders gesund, aber ich versuche ein bisschen leiser zu treten, trinke kaum Alkohol und rauche höchstens mal eine Genuss-Zigarette nach einem Auftritt. Ich bin eine Ein-Mann-Firma, die nicht ersetzbar ist, mein Kapital ist meine Stimme.

Deshalb geht er auch sorgsamer mit sich um, geht zur Gesundenuntersuchung und freut sich, dass er ein Blutbild wie ein ju- nger Mann hat „trotz Übergewicht und nicht immer dem richtigen Essen.“ Wenn er jemanden trifft, der gesund viel abgeno- mmen hat, dann „reiße ich mich ein paar Wochen zusammen. Für mich ist das Abendessen schlimm, wenn ich nach Hause komme, muss ich einfach noch etwas essen. Einen Toast, ein Brot oder ein Punschkrapferl, was halt so rum steht.“ Sein Schlaf ist gut, „wenn ich ins Bett falle, bin ich weg.“ Er kämpfe nur mit dem „Jetlag des kleinen Mannes“, – wenn er spät nach Hause kommt, muss er länger schlafen. „Das war mein größtes Problem, als ich noch berufstätig war, in der Nacht Musik ma- chen und am Tag arbeiten.“ Werner Auer hat es geschafft, sich ein arbeitsreiches Leben nach seinem Geschmack zu bauen, sich, im wahrsten Sinn des Wortes, nicht von der Arbeit überhäufen zu lassen und mit der richtigen Schaufeltechnik stressfrei zu bleiben.


Sandra Sagmeister

FotoS: Martin Hesz, Harald Schellhammer, Rolf Bock

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06/2019