Frühlingserwachen

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Mit allen Sinnen

Energie tanken, die Batterien aufladen und trübe Gedanken in positive umwandeln: Wie Sie den Frühling mit allen Sinnen genießen können.

Der Frühling ist eine echte Auferstehung. Wohl selten zuvor kam den Worten des amerikanischen Schriftstellers Henry David Tho- reau so viel Bedeutung zu wie in diesem Jahr. Dieses Jahr wird der Lenz noch sehnsüchtiger erwartet: Schließlich stecken uns heuer nicht nur die langen, dunklen und kalten Wintermonate in den Knochen, sondern auch die physischen und psychischen Auswirkungen einer Pandemie, die mittlerweile seit einem Jahr weltweit wütet. Höchste Zeit, die Batterien wieder aufzuladen, En- ergie zu tanken und trübe Gedanken in positive zu verwandeln.


Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

„Frühling steht seit jeher für Neubeginn. Die Natur blüht auf, die Welt ist nicht mehr Grau in Grau und wir nehmen unsere Umgebung wieder viel bewusster wahr“, erläutert Dr. Laura Stoiber. „Das Frühjahr bringt mit mehr Tages- licht, milden Temperaturen und üppiger Farbenpracht eine große Veränderung mit sich und wir fühlen uns al- lein dadurch besser.“ Ein Unterschied, der heuer noch deutlicher zu spüren sein wird, so die Psychologin aus Wien. Der Grund dafür? Dankbarkeit. „Wir wissen zwar noch nicht, wie die Situation mit Corona sein wird, aber selbst mit Einschränkungen bietet diese Jahreszeit wie- der mehr Möglichkeiten, mit Menschen draußen Kontakt zu haben, gemeinsam die Sonne zu genießen und im wahrsten Sinne des Wortes wieder aufzublühen.“ Auch wenn Schutz und Abstand weiterhin oberste Priorität ha- ben und selbst wenn weitere Ausgangsbeschränkungen notwendig sein werden – der Frühling lässt sich mit all seiner Pracht dennoch genießen. Und das mit allen Sinnen!


Oh Augenblick, verweile doch!

Das saftige Grün der Wiesen, fröhliche Krokusse als ers- te Farbtupfer, strahlend blauer Himmel und sprießende Blütenpracht von cremeweiß bis knallbunt – nach langer Absenz kehrt die Farbenwelt zurück in unsere Umwelt und beschert uns im wahrsten Sinne des Wortes prächti- ge Augen-Blicke. Schon allein der Blick ins Grüne hat positive Auswirkungen, wie Studien beweisen. So zeig- ten Experimente, dass sich die Sicht auf die Natur gut auf die Stimmungslage von Häftlingen auswirkt, dass Kinder besser lernen, wenn es vor den Klassenfenstern grünt und Schmerzpatienten weniger Schmerzmittel be- nötigen, wenn ihr Krankenzimmer den Blick ins Grüne ermöglicht. Daher Augen auf im Kino Natur!


Sonne auf unserer Haut

Mehr Tageslicht – das bietet schon per se Grund zur Freude, beeinflusst aber auch aus anderem Grund unser Wohlbefinden positiv. „Im Frühling steigt nicht nur die Anzahl der Lichtstunden, auch die Lichtintensität nimmt zu und der Lichteinfallwinkel ändert sich. Dadurch wird die Produktion des als Schlafhormon bekannten Melato- nins unterdrückt und gleichzeitig die Serotoninprodukti-

on angekurbelt“, erklärt Dr. Christian Matthai, Wiener Gynäkologe mit Schwerpunkt Hormonheilkun- de. Letzteres wird aufgrund seiner stimmungsaufhellenden Wirkung nicht nur Glückshormon ge- nannt, sondern ist auch ein Neurotransmitter – ein Botenstoff, der in unserem Nervensystem Infor- mationen von einer Nervenzelle zur anderen weitergibt. „Durch die Helligkeit des Lichts geben die Stäbchen und Zapfen der Netzhaut neuronale Signale an unser Gehirn weiter, das daraufhin mehr Serotonin ausschüttet“, sagt Matthai. Doch auch ein zweites wichtiges Hormon wird durch die Son- ne aktiviert. „Vitamin D, das ebenfalls positiven Einfluss auf unsere Stimmungslage hat und bei vie- len Menschen im Winter Mangelware ist, wird über die UVB-Sonnenstrahlen, die über die Haut auf- genommen werden, im Körper gebildet.“ Vitamin D ist auch essenziell für unsere Knochengesund- heit, unser Immunsystem und die Muskeln. Um die Produktion anzukurbeln, reicht es übrigens schon, Hände, Gesicht, Arme und Beine regelmäßig kurz von der milden Frühlingssonne bestrah- len zu lassen.


Auf Schnupperkurs

Wussten Sie, dass unsere Nase mit rund 350 Riechrezeptoren ausgestattet ist, die permanent elektrische Signale ans Gehirn senden, wo sie mit Gefühlen verbunden und abgespeichert werden? Wer als Kind den Geruch blühender Almwiesen oder Frühlingsblumen geliebt hat, wird auch heute noch schöne Erin- nerungen damit verbinden. Neben dem olfaktorischen Genuss und einem Stimmungshoch bietet etwa ein Waldspaziergang auch einen Booster für unser Immunsystem: Hier sammeln sich nämlich unzählige Ter- pene – so heißen die Duftstoffe, die Waldbäume und -pflanzen abgeben, um Schädlinge abzuhalten, vor Sonneneinstrahlung zu schützen oder Insekten anzulocken. Doch auch der menschliche Körper reagiert auf diesen Wunderstoff der Natur. Terpene helfen uns, Krankheitserreger abzuwehren. Die Waldluft ist also wie ein bioaktiver Cocktail, der uns nachhaltig davor schützt, krank zu werden.


Symphonie für die Ohren

Es summt und brummt und zwitschert: Auch die Tierwelt ist im Frühling geschäftig am Werken. Die Sym- phonie der Natur klingt nicht nur schön, sondern wirkt auch wohltuend, denn: Naturgeräusche entspan- nen und werden als heilsam empfunden. Nehmen Sie sich daher Zeit für eine tägliche Meditation zur Ent- spannung, rät Stoiber: „Versuchen Sie, drei bis fünf Minuten täglich zu meditieren und Ihre Gedanken zie- hen zu lassen. So wird Ihr Tagesrhythmus strukturierter und klarer und Sie fühlen sich wacher.“

Die tägliche Ruhepause helfe auch bei einem gefürchteten Begleiter des Lenzes – der Frühjahrsmüdig- keit. „Die Umstellung der Jahreszeiten von Winter auf Frühling nehmen viele Menschen als belastend wahr“, erklärt Matthai die Hintergründe jenes Phänomens, das uns antriebslos und müde macht. „Unter anderem liegt das auch daran, dass die steigenden Temperaturen bei vielen für einen Abfall des Blut- drucks sorgen. Die Blutgefäße stellen sich durch die Wärme weit, dadurch fällt der Blutdruck und man fühlt sich träger.“ In diesem Fall bringen viel Flüssigkeit, Wechselduschen und regelmäßige Bewegung an der frischen Luft den Kreislauf wieder in Schwung. Positiver Nebeneffekt: „Wer körperlich aktiv ist, profi- tiert auch psychisch von positiven Auswirkungen, denn durch Bewegung wird das Stresshormon Cortisol abgebaut. Wichtig dabei ist“, sagt der Mediziner, „dass die sportliche Betätigung nicht als Druck oder Pflicht gesehen wird, sondern als Aktivität, die Spaß macht.“ Übrigens: Wir sprechen nicht von sportli- chen Höchstleistungen – schon ein täglicher Spaziergang bringt positive Effekte!


Durch den Magen

Müde und schlapp? Dann essen Sie sich munter! „Nun ist ein idealer Zeitpunkt, um mit einer kurzen Ent- lastungskur die Entgiftungsorgane des Körpers – Leber, Nieren, Haut und Darm – zu unterstützen und so den Stoffwechsel wieder in Gang zu bringen“, rät die diplomierte Ernährungsberaterin Mag. Ruth Fiedler aus Straßhof (siehe Infokasten Seite 08). Besonders die Darmgesundheit sollte nun im Mittelpunkt stehen, so die Ernährungsexpertin, denn: „Rund 80 Prozent unserer Immun-zellen werden im Darm gebildet.“ Was diesem Organ gut schmeckt: frisch zubereitete Gerichte, Vollkornprodukte, Naturreis, Ballaststoffe in Form von Obst und Gemüse und fermentierte Nahrungsmittel wie Joghurt und Sauerkraut. Zu vermeiden hingegen? „Fertiggerichte, Geschmacksverstärker, Aromen und Zusatzstoffe, Zucker und Weißmehlpro- dukte – all das belastet den Darm“, sagt Fiedler.

Die blühende Pflanzenwelt liefert nun einen wertvollen Mix aus Nähr- stoffen und Vitaminen. Wildkräuter wie Löwenzahn, Sauerampfer, Brun- nenkresse, Bärlauch oder Giersch und Küchenkräuter wie Petersilie lie- fern wichtige Inhaltsstoffe wie Eisen, Chlorophyll, Bitterstoffe und Vit- amin C. Auch grünes Blattgemüse wie Blattspinat oder Brennnessel sollten nun auf dem Speiseplan stehen. „Mit all diesen Zutaten können Sie Gerichte wie Salate oder Brotaufstriche aufwerten oder ein köstli- ches Pesto herstellen.“ Ebenfalls wertvoll: Sprossen, die sich leicht auf der Fensterbank ziehen lassen, oder Blütenknospen, etwa vom Holun- der- oder Hagebuttenstrauch, die als „Gemmo-Mazerate“ (Auszüge aus Knospen) viele wichtige Nährstoffe liefern.


Claudia Sebunk

Wildkräuter wie

Bärlauch liefern

wichtige Inhaltsstoffe


interview




Frühlingsgenuss trotz

Pollenallergie


DDr. Katharina Gangl, die Leiterin der Allergieambulanz an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten an der Medizinischen Universität Wien verrät, wie Menschen mit Gräser- oder Pollenallergie gut durch die bevorstehende Jahreszeit kommen.


Während viele die Blütenpracht im Frühling genießen, kämpfen einige mit Heu- schnupfen-Beschwerden. Wie kann geholfen werden?

Die allergenspezifische Immuntherapie ist aktuell die beste Behandlung für Betroffene, da sie nicht die Symptome, sondern die Ursache der jeweiligen Allergie bekämpft. In regelmäßigen Abständen bekommen Betroffene dabei die allergieauslösenden Stoffe in steigenden Dosen gespritzt. Durch den wiederholten Kontakt lernt das Immunsystem,

nicht mehr überempfindlich zu reagieren. Je nach Allergen kann diese Therapie auch sublingual in Tabletten- oder Tropfenform verabreicht werden. Die Palette an Präparaten, die für Menschen mit Allergien zur Verfügung stehen, entwickelt sich dank der intensiven Forschung ständig weiter. Für saisonale Allergene muss die Immuntherapie rechtzeitig vor der Saison begonnen wer- den. Linderung schaffen auch symptomorientierte Medikamente, wie etwa Antihistaminika.


Stichwort Impfung: Was müssen Menschen, die von frühlingsspezifischen Allergien betroffen sind, hinsichtlich der Co- rona-Impfung bedenken?

Was die bisher in Österreich zugelassenen Impfstoffe betrifft, besteht nach derzeitigem Wissensstand kein Grund zur Sorge. Na- türlich gilt wie bei jeder Impfung für Allergiker: Die Impfung soll von einem Arzt verabreicht werden, nach ärztlicher Anamnese stattfinden, Medikamente zur Behandlung eines allergischen Schocks sollten zur Verfügung stehen und eine Nachbeobachtung unmittelbar nach der Impfung stattfinden. Kommt es wider Erwarten doch zu einem allergischen Schock, muss auf die zweite Teilimpfung verzichtet werden.  Ganz von der Impfung Abstand zu nehmen gilt es für all jene Personen, bei denen Allergien ge- gen einen im Impfstoff enthaltenen Bestandteil bestehen. Wird gleichzeitig eine Immuntherapie angewendet, ist es optimal, wenn die Corona-Impfung in der Erhaltungsphase der Allergentherapie stattfindet, da ein Abstand von einer Woche zu einer an- deren Immunisierung empfohlen wird.


Was können Allergiker noch tun, um den Frühling genießen zu können?

Hier gelten die altbewährten Tipps wie etwa Zeiten mit hoher Pollenbelastung zu vermeiden, gezielt und selten zu lüften, Klei- dung und Haare nach einem Aufenthalt draußen zu waschen, Nasenduschen oder Luftfiltergeräte mit Pollenfilter anzuwenden. Diese gibt es auch fürs Auto. Was dieses Jahr neu ist: der Mun3d-Nasen-Schutz. Eine gewöhnliche chirurgische MNS-Maske hält nämlich auch Birken- und Gräserpollen ab.

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2021