Gewalt

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Nein zu gewalt

Gewalt gegen Frauen kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor. Oft ist sie un- sichtbar, weil Betroffene aus Scham und Angst nicht darüber sprechen. Hilfe gibt es bei Frauen- und Männerberatungsstellen.

Langsam und schleichend, wie ein Geschwür, das immer größer wird. Am Anfang kaum wahrnehmbar, irgendwann bedrohlich und gefährlich. So beschreiben Userinnen in einem Online-Forum, wie sie Gewalt in ihren Beziehungen erlebt haben. „So eine Be- ziehung entwickelt sich. Die Täter sind am Anfang nicht so“, heißt es da. Und: „Ich hab mich so sehr geschämt, dass ich das mit mir machen lasse und daher auch mit niemandem darüber geredet.“ Was die Frauen im anonymen Raum eines Online-Forums erzählen, kann Michaela Egger, Leiterin des Gewaltschutzzentrums Niederösterreich, bestätigen: „Es passiert ja nicht beim ersten Date, dass eine Frau psychischer, sexualisierter, physischer oder ökonomischer Gewalt ausgesetzt ist. Das sind Mechanismen, die schleichend beginnen.“ Es gebe aber Signale, die darauf hinweisen, wann eine Beziehung ungesund werde, sagt Egger: Wenn der Mann die Anrufe und Nachrichten seiner Partnerin kontrolliert, an ihrer Meinung nicht interessiert ist, sie einschüchtert und ständig maßregelt. „Diese Art von psychischer Gewalt wirkt erniedrigend und in weiterer Folge kann es zu körperlicher und sexualisierter Gewalt kommen.“


Gesamtgesellschaftliches Phänomen

In Österreich erlebt laut einer Erhebung der Agentur der europäischen Union für Grundrechte jede fünfte Frau über fünfzehn einmalig oder öfter Gewalt in un- terschiedlichen Formen. Meistens innerhalb einer Be- ziehung. „Das heißt, es gibt oft nicht den Fremdtäter, zu dem man vorher keine Beziehung hatte“, sagt Mi- chaela Egger. Es sind Väter, Brüder, Söhne oder Part- ner – in den allermeisten Fällen von häuslicher Gewalt sind es Männer –, die gewalttätig werden. Und das in allen Bildungs- und Einkommensschichten und in al-

len Altersgruppen. „Es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen“, betont die Sozialarbeiterin. Ein Phänomen, über dem ein Mantel des Schweigens liegt, zu schambesetzt ist das Thema. Umso wichtiger sei es, es aus dem Geheimen und Priva- ten rauszuholen. „Es braucht Aufklärung. Auch um einschätzen zu können, ob das, was man erlebt, Gewalt ist“, sagt Egger. „Zum Beispiel wenn man geschubst oder gestoßen wird: Ist das schon Gewalt?“ Ist es. Für manche Frauen sei es nicht leicht zu erken- nen, wann eine Grenze überschritten wird. Vor allem dann, wenn ihr Selbstbewusstsein durch psychischen Druck des Partners bereits am Boden ist. Dazu komme, dass die Opfer die erlittene Gewalt häufig verharmlosen. Eine Userin im Online-Forum schil- dert rückblickend: Sie habe sich eingeredet, es sei nur eine Phase. Sie entschuldigte ihren Partner und gab sich selbst eine Mit- schuld: Er hätte eben zu viel getrunken und außerdem hätte sie das Falsche gekocht. Sich Hilfe zu suchen und aus einer Gewalt- beziehung auszusteigen, sei nicht einfach. „Oft gibt es eine Spirale: Zuerst kommt der Gewaltausbruch, dann die Versöhnung, bei der der Partner versichert, dass es nicht mehr vorkommen wird, und die Betroffenen schöpfen Hoffnung. Nur: Je länger so eine Beziehung dauert, umso schwieriger wird es, auszubrechen.“ Finanzielle Abhängigkeiten, Kinder und gemeinsamer Besitz und nicht zuletzt der Wunsch, die Ehe oder Partnerschaft aufrechtzuerhalten, erschweren es Frauen, zu gewalttätigen Männern Nein zu sagen. Eine wesentliche Rolle spiele außerdem das Umfeld, sagt Michaela Egger. „Es kommt vor, dass die Familie sagt: ‚Er ist ja gar nicht so‘ oder ‚Du wirst halt auch was getan haben‘. Dann ist es besonders schwer. Das Umfeld ist nur dann hilfreich, wenn es das Handeln des Täters verurteilt und nicht der betroffenen Person Vorwürfe macht.“


Du hast es in der Hand

Auch wenn es Auslöser für Gewalt gebe, wie Stress, Überforderung, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen oder Alkohol- sucht, rechtfertigen dürfe man sie auf keinen Fall, sagt Romeo Bissuti, Klinischer Psychologe und Obmann von White Ribbon Ös- terreich, einer Kampagne, die sich für die Beendigung von Männergewalt in Beziehungen einsetzt (www.whiteribbon.at). Er sieht vor allem zwei Faktoren als Ursachen für Gewalt von Männern an Frauen. „Da sind zum einen Vorstellungen von Mannsein, die mit Gewaltbereitschaft verbunden sind. Das führt zu Männerbildern, die eine Dominanz von Männern über Frauen beinhalten.“ Bissuti spricht von toxischer Männlichkeit, die nach wie vor auch in der österreichischen Gesellschaft verbreitet sei. „Dazu kommen Vor- stellungen von Mann und Frau, die nicht auf Gleichberechtigung beruhen und die dazu führen, dass der Mann die Frau unter Kontrolle halten möchte und es nicht ertragen kann, wenn sie sich emanzipiert.“ Die Männer, mit denen Bissuti arbeitet, hätten in vielen Fällen wenig Problembewusstsein, andere würden sich schämen. „Bei unserer Arbeit vermitteln wir den Männern: Du hast es in der Hand. Wir sprechen mit ihnen über den Umgang mit Emotionen, über Time-Out-Strategien, über gleichberechtigte Part- nerschaft. Wichtig ist uns, dass die Männer schnell handlungsfähig werden.“ Lässt sich ein Mann auf das Trainingsprogramm ein, gelinge es in vielen Fällen, Gewaltbereitschaft erfolgreich zu bekämpfen. Auch Michaela Egger erlebt immer wieder, dass Partner- schaften gesund weitergehen könnten, wenn sich betroffene Männer zum Beispiel bei Männerberatungsstellen Hilfe suchen. Ein Betretungs- und Annäherungsverbot kann der Auslöser für eine Veränderung sein: „Manche Männer sagen, dass das Betretungs- verbot ihnen eine Grenze aufgezeigt hat, und sie haben gemerkt: Ich muss etwas an mir verändern, sonst verliere ich meine Familie.“


Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 01+02/2021