Männergesundheit

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Was ist dran am Klischee des männlichen Gesundheitsmuffels? So einiges, wenn es nach Experten geht: Männer leben risikoreicher und gehen seltener zum Arzt.

Der Mann

& die

Gesundheit

Die Lage ist ernst, wenn es um Männer und ihre Gesundheit geht. „In Österreich sterben Männer im Schnitt rund fünf Jahre frü- her als Frauen und leiden um ein Vielfaches öfter an schwerwiegenden Erkrankungen“, fasst Dr. Ata Kaynar, Allgemeinme-dizi- ner des Wiener MEN Männergesundheitszentrums, die gesundheitliche Lage der österreichischen Männer zusammen. Beide Geschlechter dürfen aber sowieso nicht in einen Gesundheitstopf geworfen werden, betont der Experte: „Männer erkranken an- ders als Frauen.“


Männerherzen schlagen anders

Laut dem Gender-Gesundheitsbericht 2019 des Österreichischen Sozialministeriums sind diese Unterschiede in einigen Aspekten besonders deutlich: So erleiden Männer häufiger einen Herzinfarkt, einen ischämischen Schlaganfall und sind öfter von Typ-2- Diabetes und Bluthochdruck betroffen. Während ab 60 Jahren Männer häufiger an Krebs erkranken als Frauen, sind sie in jungen Jahren öfter verletzt, zum Beispiel auf- grund von Sportunfällen. „Die Sterbewahrscheinlichkeit bei Männern zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr ist doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Frauen“, gibt Kaynar zu bedenken. Nicht nur in der Häufigkeit von Erkrankungen, auch in der Symptomatik gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede: Herzinfarkte oder Schlaganfälle beispielswei- se zeigen sich bei Männern durch Atemnot, ein Gefühl der Enge in der Brust sowie durch Schmerzen im linken Arm. Bei Frauen wiederum stehen Schlafstörungen, Rü- ckenschmerzen, Enge in der Brust inklusive Atemnot sowie unklare Schmerzen im Oberbauch und Übelkeit im Vordergrund. Während Frauen allgemein eher an Herz- rhythmusstörungen oder seltenen Herzerkrankungen leiden, kommt beim Mann öfters der Herzinfarkt oder Vorhofflimmern vor.


Äpfel & Birnen

Auch wenn es um den Stoffwechsel geht, warnen Experten davor, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. „Während Frauen Fett eher im Gesäßbereich ansetzen, also zur Birnen- form neigen, steht beim Mann das Bauchfett im Vordergrund“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Hermann Toplak, Stoffwechselexperte der MedUni Graz. Diese sogenannte „Apfelform“ ist weitaus gefährlicher, „da Bauchfett chaotisch organisiert ist und einen hohen Stoff- wechsel aufzeigt. Das Bauchfett ist stark von Blutgefäßen durchzogen und sorgt für ei- nen permanenten Fettfluss. Mit dem Umfang des Bauches steigen auch die Blutfette, der Blutzucker und der Blutdruck, was wiederum das Risiko für Erkrankungen erhöht.“


Prostata- und Hodenkrebs

Bei rund 20.000 Männern in Österreich wird jährlich Krebs dia- gnostiziert. Laut Statistik Austria ist Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung bei Männern, jeder sechste erkrankt im Laufe seines Lebens daran – gefolgt von Lungenkrebs und Darmkrebs. Oft treten die Beschwerden erst dann auf, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist, weswegen es umso wichtiger ist, die jährlichen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Ers- te Symptome können eine verzögerte Blasenentleerung, ein ab- geschwächter Harnstrahl oder häufiges Harnlassen sein.

Bei Männern zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr ist Hoden- krebs die am häufigsten auftretende Krebserkrankung. Da ein Hodenkarzinom innerhalb weniger Wochen stark wachsen und streuen kann, sollte man jeden Schmerz im Hoden, der länger als einige Tage andauert, sofort urologisch abklären. Durch re- gelmäßiges bewusstes Abtasten der Hoden (am besten unter der Dusche oder in der Badewanne) erhöht man die Chance, Hodentumore bereits im Anfangsstadium zu entdecken.


Gesundheitliches Stiefkind?

Laut Statistik Austria beträgt die aktuelle durchschnittliche Le-

benserwartung des österreichischen Mannes 79,5 Jahre. Zum Vergleich: Frauen werden hierzulande durchschnittlich 84,3 Jahre alt. Mittlerweile weiß man: Das „starke Geschlecht“ hat bereits im Mutterleib die schlechteren Gesundheitskarten, sagt Experte Kaynar: „Frauen verfügen über XX- und Männer über XY-Chromosomen. Da das Y-Chromosom schwächer ausgebil- det ist als das X-Chromosom, auf dem antioxidative Prozesse codiert sind, ist der männliche Organismus per se fehler- und somit krankheitsanfälliger als sein weibliches Pendant.“ Auch die Sexualhormone spielen eine Rolle: Eine Studie der Universi- tät Innsbruck beispielsweise stellte fest, dass das weibliche Sexualhormon Östrogen das Immunsystem stimuliert und die Ver- mehrung der spezifischen Immunzellen unterstützt, während Testosteron unterdrückend auf das Immunsystem wirkt und weni- ger effektiv gegen Krankheitsviren ankämpft. Die Folge: Männer erkranken nicht nur schneller, sondern auch schwerer. Ein ak- tuelles Beispiel ist Covid-19: Männer sind häufiger betroffen als Frauen, auch die Todesrate ist höher. Übrigens – wenn auch nicht vergleichbar: Der berühmt-berüchtigte „Männerschnupfen“ ist durchaus berechtigt. Laut Studien zeigt sich die Sympto- matik einer grippalen Infektion – oder gar einer Influenza – bei Männern aufgrund des Testosterons tatsächlich stärker (und länger) als bei Frauen.


Reparaturmedizin

Freilich: Wie stark oder schwach die Abwehrkräfte sind, hat man zum großen Teil auch selbst in der Hand – und genau an die- ser Eigenverantwortung hapert’s bei vielen Männern, weiß Romeo Bissuti, Klinischer- und Gesundheitspsychologe sowie Leiter von MEN: „Männer suchen weniger oft und regelmäßig den Arzt auf.“ Während das Gesundheitsverhalten von Frauen von Vor- sorge geprägt ist, würden Männer eher eine „Reparaturmedizin“ pflegen: „Anders als beim eigenen Auto gehen sie erst zum Service, wenn etwas kaputt ist oder wenn es sich sogar bereits um einen Vollschaden handelt.“ Beschwerden werden ignoriert oder kleingeredet, Vorsorgeuntersuchungen erst nach langwierigem Drängen der Partnerin oder des Arztes wahrgenommen – wenn überhaupt.

Dass Männer ihre Gesundheit vernachlässigen, liegt allen voran in den erlernten gesellschaftli- chen Geschlechterrollenbildern verankert, ist Bissuti überzeugt: „Für traditionell orientierte Männer ist Wohlbefinden und Gesundheit stark weiblich konnotiert, was wiederum mit Ver- weichlichung und Schwäche assoziiert wird.“ Vielmehr wird der Körper als leistungsorientier- tes Instrument empfunden und alles getan, um dem Ruf des „starken Geschlechts“ gerecht zu werden – was sich in einer ungesunden und vor allem riskanten Lebensweise zeigt: „Männer ernähren sich ungesünder als Frauen, trinken mehr Alkohol und rauchen im Vergleich mehr“, betont Bissuti. „Zudem fahren sie riskanter Auto, zeigen sich gewaltbereiter und üben gefährli- che Sportarten aus.“


Die männliche Psyche

Auch psychische Gesundheit ist Männersache, wird aber leider nach wir vor auch seitens der Experten vernachlässigt. „Obwohl Männer oftmals mit enormen psychischen Spannungen und Belastungen zu kämpfen haben, bleiben Depressionen nicht selten unerkannt oder werden falsch behandelt“, meint Psychologe Bissuti. Das hat nicht nur damit zu tun, dass Männer auch nach gestellter Diagnose oftmals keine professionelle Hilfe aufsuchen, sondern auch mit dem klinischen Bild einer männlichen Depression. „Dieses ist geprägt von einer erhöhten Ag- gressivität, einer zusätzlich gesteigerten Risikobereitschaft und einem enormen sozialen Rück- zug.“ Eine Scheidung oder Ähnliches trifft Männer in der Regel noch stärker als Frauen, „da in solchen Fällen oftmals die einzige Bezugsperson, über die man über Gefühle sprechen kann, wegfällt“, erklärt Bissuti.

Nicht selten versuchen Männer in Krisen, fehlenden psychischen Halt durch Suchtverhalten, beispielsweise Alkohol, Glücksspiel- oder Internetsucht, zu kompensieren. Nicht überra- schend also, dass das Suchtrisiko, besonders was Alkohol betrifft, bei Männern signifikant hö- her ist. Bei gleichzeitiger Nicht-Inanspruchnahme von Hilfs- und Beratungsangeboten führt dies zu einem dreimal so hohen Suizidrisiko bei Männern als bei Frauen, so der Gender-Ge- sundheitsbericht 2019.


Packen wir es an!

„Männern muss klargemacht werden, dass Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen nichts mit Schwäche zu tun haben“, betont Bissuti. Was können Männer selbst für ihre Gesundheit tun? „Gesunde Ernährung, moderates Training, ausreichend Schlaf, Selbstreflexion, Vorsorge- untersuchungen machen und das Streben nach Harmonie und Gleichgewicht ist auch für Männer Gold wert“, meint Kaynar.


Manuel Simbürger

erschienen in GESUND & LEBEN 01+02/2021