GVA, kur & reha in NÖ

Die Rehaklinik Enns war Ludwig Follners erste

Anlaufstelle nach dem Spitalsaufenthalt.


Während der Post-Covid-Reha lernen Patientinnen und Patienten, sich ihre Kraftreserven

gut einzuteilen.

FotoS: zvg, therme wien med

Mein Weg zurück ins Leben

Ludwig Follner ist sportlich, fit und hat keinerlei Vorerkrankungen. Dass ihn Corona jemals in die Knie zwin- gen würde, konnte er sich nicht vorstellen. Heute kämpft er sich zurück in den Alltag.

Über die Weihnachtsfeiertage ist Ludwig Follner gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter auf Familienbesuch in Kärnten. Der sportliche 71-Jährige genießt seine Auszeit, geht langlaufen und fühlt sich wohl. Bis seine Tochter nach der Heimreise Husten und Gliederschmerzen bekommt. „Als ich kurz darauf ähnliche Symptome entwickelte und mir dau- ernd übel war, haben wir uns rasch auf Covid-19 testen lassen. Die Schnelltests waren sofort positiv. Das war zum dama- ligen Zeitpunkt zwar keine große Überraschung mehr, ein wenig geschockt waren wir aber trotzdem, denn wir haben das Virus immer erst genommen, uns an die Regeln gehalten und FFP2-Masken getragen“, erinnert sich Follner an den Be-

ginn seiner Erkrankung zurück. Die Familie macht daraufhin noch einen PCR-Gurgel- test und begibt sich in Heimquarantäne. Am Neujahrstag folgt die sichere Diagnose: Alle drei sind positiv. „Zu dem Zeitpunkt war meine Tochter schon wieder symptomlos und wir haben uns eigentlich gedacht, dass die Erkrankung für uns glimpflich verlau- fen wird. Ich bin zwar 71, habe aber null Vorerkrankungen, einen Vorzeige-Blutdruck, kein Diabetes und bin auf keinerlei Medikamente angewiesen“, erzählt Ludwig Foll- ner. Doch es sollte anders kommen: In den darauffolgenden Tagen wird er immer schwächer, bekommt Fieber und kämpft gegen permanente Übelkeit. „Am 7. Jänner haben wir entschieden, dass es das Beste für mich ist, mich im Spital behandeln zu lassen. Es ging mir zunehmend schlechter, ich habe von Anfang an Sauerstoff ge- braucht. Nur eine Intubation wollte ich unter allen Umständen verhindern – davor hat- te ich große Angst“, erzählt der pensionierte Jurist, der heute eine Weinmanufaktur für qualitativ besonders hochwertige Weine betreibt. Obwohl es ihm schwerfällt, setzt er alles daran, sich regelmäßig zu bewegen, sich aufzusetzen oder in die Bauchlage zu drehen – um seine Lungenfunktion zu verbessern. „Ich gehe seit 30 Jahren ins Fit- nessstudio, mache viel Yoga und war früher Leistungssportler. Meiner guten Konditi- on habe ich es zu verdanken, dass ich es letztendlich geschafft habe“, ist Follner überzeugt. Rund drei Wochen nach seiner Diagnose hat der gebürtige Oberösterrei- cher das Coronavirus endlich besiegt.


Atmen lernen

Als Follner auf die Normalstation verlegt wird, bemüht er sich darum, direkt im Anschluss an den Spitalsaufenthalt eine stationäre Rehabilitation machen zu können. Empfohlen wird ihm die Rehaklinik Enns: Das Haus ist auf pneumologische Erkrankungen spezialisiert und bietet seit Kurzem eine spezielle Post-Covid-Rehabilitation an, um Spät- und Langzeitfol- gen der Viruserkrankung vorzubeugen. „Als ich in Enns angekommen bin, habe ich noch drei Liter Sauerstoff pro Minute gebraucht. Körperlich war ich extrem schwach. Mein Ziel war es, mich möglichst rasch von der Sauerstoffzufuhr zu be- freien“, sagt Ludwig Follner. Nach nicht einmal einer Woche gelingt ihm das: Er kann – wenn auch nur sehr langsam – wieder ohne Sauerstoff gehen. „Um Stiegen zu steigen oder auf dem Ergometer zu trainieren, war ich aber noch bis in

die dritte Woche der Rehabilitation auf Sauerstoff angewiesen.“ Auf dem Reha- Programm stehen allen voran Atemübun- gen und -techniken, damit Patientinnen und Patienten ihren Alltag wieder bewälti- gen können. „In den ersten Tagen konnte ich kaum länger als ein paar Sekunden mit meiner Familie telefonieren. Ich musste wieder neu atmen lernen“, erinnert sich Ludwig Follner. Neben Physiotherapie,

Kraft- und Ausdauertraining, diätologischer Beratung und Entspannungstech- niken helfen dem Winzer auch die Einzelgespräche mit einer Psychologin da- bei, das Erlebte zu verarbeiten. „Ich rate wirklich jedem dazu, möglichst bald nach einer überstandenen Covid-Erkrankung eine Rehabilitation zu machen. In Enns habe ich zu jenen Patienten gehört, deren Erkrankung am kürzesten zurücklag. Rückblickend kann ich sagen, dass die stationäre Reha eine sehr gute Stütze nach dem Spitalsaufenthalt war, um schwere Spätfolgen zu ver- hindern und mich wieder aufpäppeln zu lassen.“ Obwohl er bereits nach der stationären Reha wieder in seinen Alltag zurückkehren hätte können, ent- schließt sich Ludwig Follner für eine ambulante Anschlussreha in der Therme Wien Med. „Dort werde ich noch bis Ende Mai zwei- bis dreimal wöchentlich mehrere Stunden verbringen, um meine Lunge weiter zu trainieren. Gemein- sam mit den Ärztinnen und Ärzten habe ich einen Trainingsplan erstellt, der auf meine Situation und meine Ziele abgestimmt ist. Mir fehlen noch 15 bis 20 Prozent auf mein körperliches Level vor der Corona-Erkrankung, aber ich bin optimistisch, dass ich dieses in den nächsten Wochen wieder erreichen werde."


Kampf gegen Long Covid

Eine Post-Covid-Rehabilitation sollte aber nicht nur für Intensivpatientinnen und -patienten selbstverständlich sein, betont Lun- genfacharzt Dr. Ralf Harun Zwick, der die ambulante pneumologische Rehabilitation in der Therme Wien leitet. Immer mehr junge Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren mit vermeintlich milden Verläufen leiden unter massiven Langzeitfolgen der Corona-Infektion: „Diese neue Erkrankung heißt Long Covid. Darunter fallen mittlerweile mehr als 200 Symptome wie Mü- digkeit, Schwäche, Konzentrationsstörungen, Atemnot oder Kreislaufbeschwerden, die mehr als zwölf Wochen nach Beginn der Infektion weiterbestehen“, sagt Zwick. Viele Patientinnen und Patienten seien noch Monate nach ihrer Erkrankung zu er- schöpft, um banale Alltagstätigkeiten auszuführen – sie leiden unter bleierner Erschöpfung und haben häufig bereits erfolglo- se Arzt-Odysseen hinter sich, da ihre Beschwerden nicht auf Organschäden, psychiatrische Diagnosen oder andere Erkran- kungen zurückzuführen sind. Die Symptome ähneln jenen des chronischen Fatigue-Syndroms, bei dem sich Patientinnen und Patienten nach einem Infekt, zum Beispiel einer Grippe oder Pfeifferschem Drüsenfieber, nicht erholen. Die Behandlung von Long-Covid-Patienten sei sehr komplex, weswegen ein maßgeschneiderter Therapieplan unbedingt erforderlich ist, betont Zwick: „Das sind Leute, die es gewöhnt sind, einen Marathon zu laufen oder Hochleistungen zu erbringen – plötzlich können sie aber nur noch 30 Prozent geben. Das ist eine außergewöhnliche Situation, die wir in dieser Form noch nie gesehen haben.“

Das Prinzip, auf dem die Rehabilitation dieser Zielgruppe basiert, nennt sich Pacing: „Normalerweise versuchen wir, bei einer Rehabilitation einen möglichst hohen Reiz zu setzen. Doch damit würden wir diese Patientinnen und Patienten zur Dekompen-

sation bringen. Beim Pacing lernen sie, ihre ener- getischen Reserven mit moderater Aktivität gut ein- zuteilen“, erklärt Zwick. Auch wenn der Weg zu- rück in ein normales Leben anstrengend ist und viel Eigeninitiative erfordert, gibt es eine gute Nachricht: „Ich habe bis jetzt noch keinen Patien- ten gesehen, dessen Zustand sich in der Rehabili- tation nicht stark gebessert hat“, macht Ralf Zwick Betroffenen Mut.


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021

In Zusammenarbeit und mit entgeltlicher Unterstützung von VAMED