Pflegemodelle


Pflegemodelle gehen auf die Biographie

und Geschichte der Bewohnerinnen

und Bewohner ein.

Pflegemodelle gehen auf die Biographie

und Geschichte der Bewohnerinnen

und Bewohner ein.


Der Alltag wird bunt und

abwechslungsreich gestaltet.

Menschen im Alter eine Aufgabe geben –

darum geht es bei der Eden-Alternative.

Menschen im Alter eine Aufgabe geben –

darum geht es bei der Eden-Alternative.

fotoS: zvg

Das Café in Zimmer 16

Niederösterreichs Pflege-, Betreuungs- und Förderzentren setzen auf unterschiedliche Pflegemodelle, um den Bedürfnissen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner gerecht zu werden.

Was erwartet meine Mutter, meinen Vater, meine Tante oder meinen Ehemann im Pflege- und Betreuungszentrum? Wie geht man dort mit seinen oder ihren besonderen Bedürfnissen um? Viele Menschen sorgen sich um ihre Angehörigen, für die ein neuer Lebensabschnitt anbricht, sobald sie in eine Pflegeeinrichtung ziehen. Doch dort unterstützen unterschiedliche Pflegemodelle dabei, den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner bunt, abwechslungsreich und vor allem bedürfnisorientiert zu gestalten.


Die Seele bewegen

Es sind faszinierende Erlebnisse, von denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflege- und Betreuungszentrums Wil- helmsburg (PBZ) berichten: „Einmal ist eine Frau bei uns eingezogen, die überhaupt nicht mehr aus dem Bett aufstehen wollte. Uns alle hat das sehr beschäftigt und wir haben angestrengt nach einem Weg gesucht, sie wieder zu aktivieren. Dann haben wir herausgefunden, dass sie früher Chefsekretärin war und ihren Beruf mit großer

Leidenschaft ausgeübt hat. Deshalb haben wir ihr einen Aktenordner neben das Bett gelegt – und siehe da: Der hat sie interes- siert. Auf einmal hat sie sogar begonnen, die Einträge hochkonzentriert zu sortieren“, schwärmt Anita Grafeneder, interimistische Leiterin der Pflege- und Betreuung im PBZ Wilhelmsburg.

Eine andere Dame, erzählt sie, war anfangs sehr in sich gekehrt, habe sich schon aufgegeben gehabt. „Auch hier konnten wir dank eines Blickes in ihre Vergangenheit Erstaunliches bewegen: Von einer Angehörigen wussten wir, dass die Dame früher je- den Tag ins Kaffeehaus gegangen ist. Sie hat es geliebt, dort zu sitzen und Leute auszurichten“, lacht Grafeneder. „Darum ha- ben wir ihr einen Kaffeehaustisch in ihr Zimmer gestellt und eine nette Ecke eingerichtet. Eine unserer Mitarbeiterinnen hat sich dort täglich mit ihr zum Kaffee verabredet. Die Dame ist wieder mobil geworden und konnte nach einiger Zeit mit unserer Pflege- kraft sogar in ein richtiges Kaffeehaus gehen.“

Diese Erfolge, ist sich Anita Grafeneder sicher, sind dem psychobiographischen Pflegemodell geschuldet. Das Konzept, das vor über 20 Jahren vom österreichischen Pflegewissenschafter Erwin Böhm begründet wurde, stellt die Biographie, also die persön- liche eschichte des pflegebedürftigen Menschen, in den Mittelpunkt. „Das Modell kommt vorrangig bei Bewohnerinnen und Be- wohnern mit Demenz zum Einsatz“, erklärt Grafeneder. „Auffällige Verhaltensweisen wie Angst, Aggression oder Verwirrtheit las- sen sich laut Böhm nur unter Einbeziehung der individuellen Biographie verstehen. Deshalb ist es für uns von besonderer Be- deutung, die ehemalige Berufs-, Wohn- und Lebenssituation sowie prägende Erlebnisse im Leben unserer Bewohnerinnen und Bewohner zu kennen und bei der Pflege zu berücksichtigen.“

Ein besonders wichtiger Baustein dafür, erklärt Anita Grafeneder, sei die wöchentliche Zeitreise: „Viele alte Menschen finden sich im Hier und Jetzt nicht mehr zurecht und gehen im Gefühl in die Vergangenheit zurück, in die ‚gute alte Zeit‘. Beim Zeitrei- sendenstammtisch versuchen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herauszufinden, was den Bewohnerinnen und Bewohnern schon früher wichtig war und in herausfordernden Zeiten geholfen hat. Daraus leiten wir Impulse ab, die wir in der Pflege konse- quent anwenden. Wir dokumentieren auch die Reaktion der Bewohnerin oder des Bewohners, um den Verlauf ihres bzw. seines Zustands feststellen zu können.“


Von Erfahrungen geprägt

Das NÖ Pflege- und Betreuungszentrum Wallsee orientiert sich am Modell der fördernden Prozesspflege von Monika Krohwinkel. Dabei wird der alte Mensch als ein durch Erfahrungen geprägtes Lebewesen gesehen. „Einige Prinzipien sind dabei besonders wichtig“, erklärt Bettina Schweighofer, Leiterin der Pflege und Betreuung: „Bedeutsame Beziehungen individuell gestalten und leben zu können, eine vertraut-häusliche Umgebung vorzufinden, in Entscheidungen frei zu sein, die eigene Identität entfalten und den Alltag bedeutungsvoll gestalten zu können.“ Besonders berührt, sagt Schweighofer, sei sie immer dann, wenn Bewoh- nerinnen und Bewohner, die vor ihrem Einzug ins PBZ lang auf sich allein gestellt waren, plötzlich Freundschaften schließen oder gar Liebesbeziehungen beginnen. „Darauf gehen wir ein, indem wir ihnen Möglichkeiten für Rückzug, aber auch für Gesell- schaft anbieten. Wir bemühen uns darum, ihre Erfahrungen in unsere Pflege einfließen zu lassen, indem wir herausfinden, was ihnen hilft, mit Gefühlen wie Schmerz oder Angst umzugehen.“


Spontan & lebendig

Die seelischen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner stehen auch im Pflege- und Betreuungszentrum Pottendorf im Mittelpunkt der Pflegepraxis. Hier ist es die Eden-Alternative, die den Alltag maßgeblich mitgestaltet. „Unser Ziel ist es, Einsam- keit, Hilflosigkeit und Langeweile durch sinnstiftende Tätigkeiten, liebevolle Gemeinschaft und Spontanität entgegenzuwirken“, erklärt die Pflege- und Betreuungsleiterin Eva Grabbe. Altern, ergänzt sie, werde in der Eden-Alternative nicht als Phase des in- neren und äußeren Verfalls, sondern als Phase der Entwicklung und des persönlichen Wachstums gesehen. „Wir bemühen uns darum, Kräfte, Erfahrungen und Lebensgewohnheiten unserer Bewohnerinnen und Bewohner zu erhalten und zu fördern, indem wir ihnen Aufgaben geben: Sie können bei uns garteln, ihren Wohnraum mitgestalten und wir haben Haustiere, die für Freude und Abwechslung sorgen“, zählt Pflege- und Betreuungsmanagerin Ursula Gärtner auf.

Berührende Erlebnisse habe es dadurch viele gegeben – einen ehemaligen Priester unter den Bewohnern zum Beispiel, der re- gelmäßig Heilige Messen veranstaltete, oder einen Herrn, der den Webstuhl für sich entdeckte und damit für das ganze Haus Teppiche anfertigte. Besonders wichtig, sagt Ursula Gärtner, ist es, jeden in die Philosophie miteinzubinden – von den Pflege- kräften über das Küchenteam bis hin zu den Haustechnikern. „Unsere Bewohnerinnen und Bewohner haben immer wieder den Wunsch geäußert, dass wir einmal alle zusammen verreisen. Das hat unser Haustechniker mitbekommen und tatsächlich organi- siert, dass wir alle – unabhängig vom Grad der Pflegebedürftigkeit – zwei Nächte in einem Hotel in Salzburg verbringen und uns die Stadt ansehen konnten. Noch heute zehren wir von diesem schönen Erlebnis. Diese Spontanität und Flexibilität des Eden- Konzepts machen die letzten Jahre unserer Bewohnerinnen und Bewohner zu etwas ganz Besonderem“, schwärmt Ursula Gärtner.


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021