IM PORTRÄT

FotoS: Daniela Führer


Durch verschiedene Details wird jeder Bogen zu einem Unikat.

In präziser Handarbeit werkt Martin Schreiberhuber viele Stunden an einem einzelnen Bogen.


„Mich hat der Bogenbau-Virus gepackt.“

Mit Pfeil & Bogen

Martin Isidor Schreiberhuber ist einer der wenigen Bogenbauer in Österreich. Der Mostviertler arbeitet in filigraner Handar- beit an jedem Bogen – und das bereits seit seiner Kindheit.

Holz spielt eine große Rolle im Leben von Martin Isidor Schreiberhuber. Betritt man seine Werkstatt am Vierkanter in Seitenstetten, gibt es viel davon. Der Boden besteht aus Holz – genauso wie die Decke mit ihren breiten Holzbalken. Durch die Holzfenster fällt viel Licht in den Raum. Viel interessanter ist aber, was sich alles in dem Raum befindet: Werkbänke, Schleifgeräte, Werkzeuge, Lacke. Und natürlich Bögen in verschiedenen Größen und Farben. Es ist das kleine kreative Reich des Mostviertlers, denn Martin Schreiber- huber gehört zu den wenigen Bogenbauern Österreichs.


Bogenbau-Virus

Die Leidenschaft für das Bogenbauen packt den heute 27-Jährigen gegen Ende seiner Volksschulzeit, als ihm ein Schulkollege Pfeil und Bogen schenkt. Der gebürtige Haager ist daraufhin jeden Tag mit seinem Bogen in der Natur unterwegs. Es ist die Initialzündung für seine Liebe zum Bogen, erzählt er. Doch dann möchte der Klassenkollege seinen Bogen wieder zurückhaben. Martin Schreiber- huber stellt sich daraufhin die Frage: Wie baue ich einen Bogen selbst? Er sucht nach Eschenstöcken, bearbeitet sie mit der Axt und sucht am Holz nach der Maserung, damit der Bogen nicht bricht. Nach viel Übung und vielen Fehlversuchen hält er seinen eigenen Bogen in der Hand. Danach gibt es kein Halten mehr: „Mich hat der Bogenbau-Virus gepackt. Man kann dann nicht mehr aufhören damit“, erzählt Schreiberhuber. Er recherchiert im Internet, befasst sich mit Materialien wie Zierfurnier oder Glaslaminat und wagt sich nach seinen ersten Holzbögen auch an andere Bögen wie glaslaminierte Bögen heran. Er bringt sich dabei alles selbst bei. Parallel zu seinem damaligen Hobby erlernt er den Beruf des Kälteanlagentechnikers und Elektrikers. Bald erkennt er, dass der Bogenbau Potential hat und mehr daraus werden könnte.


Boom rund um Bogensport

Längst werkt Martin Schreiberhuber zu diesem Zeitpunkt auf professionellem Niveau und entwickelt eigene Modelle. Es ist ein deut- sches Internetforum zum Thema Bogensport, das ihm zum Durchbruch verhilft: Ein Nutzer des Forums berichtet darin von dem Bo- gen, den Schreiberhuber gebaut hat. Kurz darauf bekommt er die ersten Aufträge. Für seine großteils deutschen Kunden baut er ne- benberuflich fleißig die Bögen. Immer schneller und schneller sei sein Leben geworden, erzählt der Vater eines heute sechsjährigen Sohnes. Bis er kurz vor dem Burnout steht. Der junge Mann reduziert seine Stunden im Job und arbeitet Teilzeit. Doch auch das, ist er sich sicher, hält er nicht lange durch. Immer öfter stellt sich Martin Schreiberhuber die Frage: Wage ich den Sprung? Im Oktober 2015 kündigt er schließlich seinen Job. Er habe es als Experiment gesehen und als Möglichkeit, Stress zu reduzieren. Ein Jahr lang sollte sein Ausflug in die Selbstständigkeit gehen. Doch mittlerweile ist der Bogenbau sein tatsächlicher Beruf geworden: „Die Aufträ- ge sind da, hauptsächlich über Mundpropaganda. Der Bogensport boomt gerade.“

Nicht nur das Bogenbauen, auch das Bogenschießen selbst begleitet Martin Schreiberhuber seit seiner Kindheit. Vor allem in der Morgendämmerung treibt es den Künstler nach draußen, um mit dem Bogen Runden in der Natur zu drehen. Um gut mit Pfeil und Bogen umgehen

zu können, muss man komplett abschalten können. Wer sehr unruhig im Kopf ist, beeinflusst damit seinen „Schießtag“.


Ästhetik im Fokus

Was aber fasziniert den jungen Mann so dermaßen am Bogenbauen? „Es ist das Ästhetische, ähnlich wie in der Bildhauerei. Man hat einen Rohling und Schritt für Schritt wird ein Bogen daraus“, schwärmt er. Das Holz schleift der Profi so lange, bis man keine Verar- beitungsspuren mehr sieht. Danach trägt er Lack auf oder arbeitet alternativ mit neuen Materialien. Der Griff besteht dabei aus ver- schiedenen Schichten.

In den Bogen baut Martin Schreiberhuber Bleigewichte ein – der Grund dafür: „Viele wollen etwas in der Hand haben. Und der Schuss wird ruhiger, wenn der Bogen schwerer ist.“ Für manche Bögen verwendet der Tüftler auch Harz. Das sogenannte Gießharz gießt er in Formen und färbt es mit Druckertinte ein. Dabei sei schon einmal ein pastellpinker Bogen herausgekommen, schmunzelt er. Seine Kunden schicken Martin Schreiberhuber auch Fotos von Motiven, die sie gerne auf ihrem Bogen sehen möchten. Das sei immer wieder eine Herausforderung, erzählt er. So zierten bereits ein Skorpion, ein Familienwappen und sogar der Schauspieler Bud Spencer seine Bögen. Durchschnittlich 20 Stunden benötigt der Mostviertler, bis ein Bogen fixfertig ist.


Heimische Hölzer

Geht man durch Schreiberhubers Werkstatt hindurch, kommt man in den Schauraum. Dort hat er verschiedene Holzarten, seine Bö- gen und auch seine Malerei ausgestellt. Das Holz, das er für die Bogen verwendet, stammt teilweise von den Bäumen rund um den Vierkanter. Eiche, Birne und Nuss wachsen etwa direkt vor der Haustür. Die Malerei des Künstlers besteht hauptsächlich aus Land- schaftsbildern. Seine ganze Kindheit sei er von früh bis spät draußen gewesen, erzählt er. Es sei die Sehnsucht nach Ruhe und Aus- geglichenheit, die der besonnene Mann so ausdrückt. Dafür, dass er sein größtes Hobby, das Bogenbauen, als Beruf ausleben darf, ist Martin Schreiberhuber sehr dankbar.

Mittlerweile ist er in seinem neuen Leben angekommen. An den neuen Arbeitsrythmus als selbstständiger Bogenbauer habe er sich längst gewöhnt. Und da seine Bogen oft eine lange Vorlaufzeit haben und er vorarbeiten kann, „zwickt“ er sich immer häufiger Zeit raus, um wieder auf Streife zu gehen. Durch die Natur und den Wald mit seinem Bogen.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2020