HAARAUSFALL

Löwe ohne Mähne

Text.

Barbara Hörndler hat lange, blonde Haare, ehe sie 2017 in- nerhalb von zwei Wochen alle Haare am Körper

verliert.

fotoS: istockphoto/ ThamKC, privat

Mit 36 Jahren bekommt Barbara Hörndler eine Auto-immunerkrankung und verliert alle Haare auf ihrem Körper. Sie macht anderen Menschen mit ihrer Geschichte Mut – und zeigt sich selbstbewusst ohne Haare.

Barbara Hörndler ist 16 Jahre alt, als ihr zum ersten Mal die Haare ausgehen. Kleine, kreisrunde, kahle Stellen hat die Waidhofnerin damals auf ihrem Kopf. Zehn Jahre später fallen der Frau erneut an kleinen Stellen die Haare aus. Als sie mit 36 Jahren schließlich ganze Haarbüschel in der Hand hält, ist das anfangs nichts Ungewohntes für sie. Nur dass sie diesmal innerhalb von zwei Wochen sämtliche Haare am Körper verliert. Und die Diagnose Alopecia areata universalis erhält – der komplette Verlust der Körperbehaarung.


Nicht mehr erkannt

Vor zwei Jahren sieht Barbara Hörndler noch anders aus: Lange, naturblonde Locken fallen ihr über die Schultern. Zu dieser Zeit durchlebt die Kommunikationswissenschafterin eine stressige Phase: Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern und selbstständig mit einer Kommunikationsagentur in Waidhofen/Ybbs. Zusätzlich absolviert sie eine Ausbildung zur Lebensberaterin und schreibt an ihrer Diplomarbeit. Und plötzlich steht sie vor dem Spiegel mit einem Büschel voll Haaren in der Hand. Innerhalb kurzer Zeit hat sie kein einziges Haar mehr am Körper. Barbara Hörndler sucht verschiedene Ärzte auf, die ihr alle dasselbe sagen: Wenn es so schnell geht, kann man nichts mehr machen. In der ersten Zeit ohne Haare befindet sich Barbara Hörndler in einem Schockzustand. Denn alles ändert sich: „Die Leute haben mich nicht mehr erkannt. Nur anhand meiner Stimme haben sie dann gefragt, ob ich es bin“, erinnert sie sich. Viele Menschen sprechen sie an, ob sie krank ist. Ihr Kopf sei damals noch nicht so schön gebräunt gewesen, erinnert sich die 38-Jährige. Mit ihren Töchtern, die damals acht und zehn Jahre alt sind, spricht sie ganz offen über ihren Haarverlust. Und sagt ihnen, was sie antworten können, wenn sie angesprochen werden, was mit ihrer Mama los ist und ob sie denn bald sterben müsse.


Maske fällt ab

Nach dem ersten Schock probiert Barbara Hörndler Perücken. Vor allem, weil ihr viele Menschen raten, ihren Haarausfall zu verstecken. Rasch stellt sie aber fest: Nein, das ist nicht mein Weg. Ich möchte lieber anderen Leuten Mut machen. Denn sie habe sich oft hinter ihrer Mähne versteckt: „Ich habe die Haare meistens offen getragen und mich gerne dahinter versteckt. Der Haarausfall hat mich im wahrsten Sinne demaskiert.“ Die junge Frau geht ihrer Erkrankung reflektiert auf den Grund – ähnlich, wie sie es mit der Neurodermitis macht, an der sie seit ihrer Kindheit leidet. Ein Therapeut fragt sie später, welcher Gedanke ihr durch den Kopf gegangen ist, als sie ihre Haare verlor. „Steh endlich zu dir selbst“ und „Was muss dir das Leben noch alles zeigen, damit du dich nicht mehr verstellst“ fällt Barbara Hörndler als Erstes ein. Manche Abschnitte in ihrem Leben – unter anderem den frühen Tod ihres Vaters – hat die Frau noch nicht gut verarbeitet. Sie selbst, sagt sie, fühlte sich damals noch nicht richtig angekommen. Sie beschließt: „Jetzt schaust du wirklich einmal auf dein eigenes Leben und nicht nur bei Coachings auf das Leben der anderen.“


Ein neues Leben

Barbara Hörndler beschäftigt sich nicht viel mit ihrer Krankheit, sondern damit, ihr Leben neu zu gestalten. In mancherlei Hinblick muss sie das auch: „Menschen, auf die ich bisher zählen konnte, hielten meinen Schmerz nicht aus. Und die Tränen. Da war ganz viel Enttäuschung, und dann bin ich alleine dagestanden.“ Die junge Frau lernt, sich vor ihrer Familie wieder ein Stück weit zu öffnen – die Jahre zuvor sei sie verschlossen gewesen und habe nur mehr funktioniert, sagt sie. Durch ihre Erkrankung und ihr neues Aussehen muss sich Barbara Hörndler neu lieben lernen. Sie legt den Fokus auf das, was ihr an sich selbst gefällt. Sie hat nun keine Wimpern und Augenbrauen mehr, aber ihre Augen sind immer noch schön blau. Und so fängt sie stückweise wieder an, sich selbst zu gefallen. Nach und nach findet sie neue Menschen in ihrem Leben, mit denen sie nun eine tiefe Freundschaft verbindet – etwas, das sie zuvor nicht kannte. Es sind Freunde, die es aushalten, wenn sie weint und die sie so nehmen, wie sie ist. Verbündete, die hinter ihr stehen. Auch beruflich verändert sie sich, gibt ihre Selbstständigkeit auf und sie fängt in einer Unternehmensberatung an, wo im Bereich Kommunikation, Marketing und Sales Support arbeitet. Sie besucht Unternehmen und unterstützt sie im Konflikt- und Krisenmanagement durch Coachings und Workshops.


Innere Schönheit

Barbara Hörndler geht von Anfang an offen mit ihrer Erkrankung um. Auf Facebook postet sie Fotos von sich ohne Haare, immer versehen mit dem Hashtag „löweohnemähne“, denn sie ist im Sternzeichen Löwe geboren und hatte früher eine Mähne. „Ich sehe Facebook als eine Plattform, um Menschen zu erreichen und in die Tiefe zu gehen. Ich wollte anfangen, meine Geschichte zu erzählen. Ich will berühren und berührt werden.“ Mit ihrer Entscheidung, öffentlich mit ihrem Haarausfall umzugehen, trotzt sie auch den gängigen Schönheitsidealen in den sozialen Netzwerken – um Männern und Frauen eine Botschaft mitzugeben: „Es kommt nicht darauf an, ob man volles, graues oder dünnes Haar hat. Es ist komplett egal, wenn die innere Schönheit nur so strahlt.“

In der ersten Zeit betrauert Barbara Hörndler trotzdem ihre nicht mehr so offensichtliche Weiblichkeit, die sie ein Stück weit verloren geglaubt hat. Doch nicht nur sich selbst, auch ihre Weiblichkeit lernt die Frau wieder neu lieben. Und das sehen auch andere Menschen rund um sie: „Ich habe ganz viele Reaktionen von Männern und Frauen bekommen, dass ich schön bin wie ich bin.“ Wenn sich Barbara Hörndler heute im Spiegel sieht, denkt sie: „Hey, cool siehst du aus. So eine Frisur hat nicht jede!“ In den zwei Jahren seit dem Beginn ihres Haarausfalls ist sie endlich bei sich selbst angekommen. Mit ihrer Mähne hat sie abgeschlossen: „Ich bin mehr ich selbst als vorher mit den langen Haaren. Diese ganze Maske brauche ich nicht mehr. Das hat schon einen Sinn gehabt.“ Barbara Hörndler hat ihre Löwenmähne losgelassen – und siehe da: Seit ein paar Monaten sprießen wieder ein paar Haare auf ihrem Kopf.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 07+08/2019