Angst

Foto: istockphoto/ Casarsa Guru, zvg, istockphoto/ Nadzeya Dzivakova

Bedrohliche Gefühle

Angst gilt weltweit als die häufigste psychische Störung. Studien zufolge ist die Be- lastung in Corona-Zeiten enorm hoch.

Jeder kennt sie, aber niemand mag sie: die Angst. Das unangenehme Gefühl warnt biologisch betrachtet vor einer drohenden Gefahr – und si- chert so das Überleben des Menschen. In einer bedrohlichen Situation schüttet der Körper Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cor- tisol aus und wird in erhöhte Aktions- und Alarmbereitschaft versetzt: Man schwitzt, das Herz rast, die Atmung wird schneller und die Pupillen ver- größern sich. In kürzester Zeit fällt die Entscheidung für Angriff und Kampf, Erstarren oder Flucht. Im Zuge einer Panikattacke laufen diesel- ben physiologischen Vorgänge ab, obwohl gar keine reale Gefahr vor- liegt. Es handelt sich um einen Fehlalarm des Körpers.

Schätzungen zufolge erleidet rund ein Viertel aller Menschen einmal im Leben eine Angsterkrankung. Die Arten sind vielfältig (siehe Infokasten Seite 44): Manche fürchten sich vor Spritzen, Nadeln oder Blut, andere vor Höhe oder meiden aus Angst vor Kritik bestimmte soziale Situationen. „Viele Ängste können sich bis zu einer Panikattacke oder panikartigen Zuständen steigern, obwohl es sich nicht um eine Panikstörung handelt“, erklärt der an der Universität Salzburg tätige Psychologe und Psychothe- rapeut Dr. Anton Laireiter. So kann sich der psychische Zustand von Men- schen, für die Menschenansammlungen, U-Bahnen, Aufzüge, volle Ein- kaufsstraßen oder Supermärkte angstbesetzt sind (Agoraphobie), weiter verschlechtern und eine Panikattacke auslösen.


Panikstörung

Eine Panikattacke äußert sich als plötzlich auftretender, intensiver Angst- anfall. Menschen beginnen zu schwitzen, haben erhöhten Herzschlag, zittern am ganzen Körper und leiden an Atemnot, die mit Erstickungsge-

fühlen einhergehen kann. Die Realität wird wie in einem Zerrspiegel erlebt und ist mit dem Gefühl verbunden, vollkommen neben sich zu stehen. Auch Schwindelanfälle, Hitzewallungen und Schüttelfrost können auftreten. Häufig kommen Todesängste hinzu. Die Attacken sind in jeder Situation möglich, zu Hause auf dem Sofa ebenso wie beim Einkaufen im Supermarkt oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Auslöser können neben Platzangst auch spezifische Phobien sein, etwa die Angst vor Ansteckung oder beim Betreten eines Flugzeugs. Der panische Zustand kann auch durch einen bestimmten Gedanken, wie an eine angster- zeugende Person oder Situation, hervorgerufen werden. Manchmal treten Panikattacken auch ohne erkennbare Ursache auf.

Anton Laireiter rät, sich bei Durchleben eines Angstanfalles sensorisch abzulenken, etwa indem man eine scharf gewürzte Spei- se isst oder kalt duscht. Vor allem sollten Betroffene versuchen, die Atmung zu normalisieren: „Panikattacken gehen in der Regel mit einer flachen und hechelnden Atmung einher, die zu einer Überversorgung des Gehirns mit Sauerstoff führt. Das kann die ty- pischen Symptome einer Panikattacke verstärken. Das sollte unbedingt verhindert werden, indem man den Mund schließt und durch die Nase tief in den Unterbauch atmet. Dabei länger aus- als einatmen. Gut hilft auch, einen Finger vor die Nase zu halten, um das allzu intensive Einatmen von Sauerstoff zu reduzieren, oder in einen Plastik- oder Papiersack zu atmen. Dabei wird die ausgeatmete Atemluft zum Teil wieder eingeatmet, um die Sauerstoffüberversorgung des Gehirns zu reduzieren.“ Weiters solle man versuchen, sich körperlich zu entspannen und sich mental zu beruhigen, so der Experte: „Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass Panikattacken zwar unangenehm und beunruhigend sind, aber keine Lebensgefahr darstellen.“


Angst & Depression

Viele Ängste treten nicht alleine, sondern zusammen mit anderen Störungen auf. Einen en- gen Zusammenhang gibt es zwischen Angst und Depression. Eine Depression kann sich auch erst infolge einer Angststörung entwickeln. In diesem Fall kommen zu den Ängsten, die sich um künftige Ereignisse drehen, Grübeleien über die Vergangenheit. Gefühle wie Hilflosigkeit, Schuldgefühle und ein reduziertes Selbstwertgefühl verschlechtern die Stim- mungslage und das Leben wird zunehmend trost- und freudlos. Das Risiko einer Depressi- on besteht auch dann, wenn angstmachende Situationen wie Flugreisen, öffentliche Orte, Besuche oder Autofahrten gezielt umgangen werden. Das Vermeidungsverhalten kann im Fall der Platzangst bis zur völligen sozialen Abschottung reichen.


Ansteckungsangst

Manche Menschen hat die Angst fest im Griff. Seit Beginn der Corona-Krise wird das Le- ben der Wienerin Andrea S. von Ängsten beherrscht. Aus Angst vor einer Ansteckung ver- lässt sie kaum noch die Wohnung und leidet zeitweise an Schlafstörungen. Die Lebensmit- tel lässt sich Andrea S. per Zustellservice nach Hause liefern. Bei sozialen Kontakten ist

sie übervorsichtig – oft verstärken diese das Angstempfinden noch mehr: „Wenn ich mich mit einem Nachbarn kurz im Stiegenhaus unterhalte, mache ich mir danach tagelang Sorgen, ob ich ihm nicht zu nahe gekommen bin und ich mich mit dem Coronavirus angesteckt haben könnte.“ Ist die Selbstständige im öffentlichen Raum unter- wegs, ergreift sie extreme Schutzmaßnahmen: „Ich trage zwei Atemschutzmasken übereinander und achte auf einen Sicherheitsabstand von mehreren Metern. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie befinde ich mich in einem ständigen Angstzu- stand. Zuvor hatte ich meine Ängste, die meist durch Krankheitssymptome ausgelöst wurden, noch unter Kontrolle.

Nach ihrem Verschwinden habe ich mich immer wieder regeneriert. Aber jetzt ist die Angst ein Dauerzustand.“ Dennoch will Andrea S. keinen Therapeuten oder Arzt zu Rate ziehen. Sie hofft auf die Zukunft: eine Besserung der Situation durch höhere Corona-Impfraten.


Pandemie & Psyche

Dass die psychischen Belastungen durch die Pan- demie gestiegen sind, verdeutlicht eine diesen Jänner präsentierte Studie der Donau-Universität Krems, die vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) gefördert wurde. Die Befragung einer repräsentativen Bevölkerungs- stichprobe von rund 1.500 Personen rund um den Jahreswechsel 2020/21 zeigt, dass sich bei 23 Prozent Angstsymptome bemerkbar machen. Mit 26 Prozent leiden mehr als ein Viertel der Österrei- cherinnen und Österreicher an depressiven Sym- ptomen. 18 Prozent haben Schlafstörungen. Im Vergleich zu den vorangegangenen Erhebungen im April, Juni und September 2020 kam es zu ei- nem weiteren Anstieg: „Im Durchschnitt ist eine Vervierfachung der Angstsymptome ersichtlich. Die Ängste äußern sich oft durch Blockaden im Le- bensalltag. Viele Menschen fühlen sich außerstan- de, die Wohnung zu verlassen oder haben Angst- und Panikgefühle im Supermarkt oder in öffentli- chen Verkehrsmitteln“, erklärt ÖBVP-Präsident

Mag. Dr. Peter Stippl. Zu einem ähnlichen Befund kommt eine repräsentative Studie des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund-Freud-Privatuniversität: Ein Drittel der Befragten gibt an, psychisch belastet zu sein. Auch hier verzeichnen die Expertinnen und Experten im Vergleich zu einer ersten Erhebung im Mai 2020 einen Anstieg an Ängsten, Schlaf- problemen, Unruhezuständen und depressiven Symptomen. Die psychische Belastung ist bei Frauen deutlich höher als bei Männern, und wird von der Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen besonders stark wahrgenommen. Im hohen Ausmaß sind auch Menschen betroffen, die schon zu Beginn der Pandemie belastet waren. „Langfristig entstehen Gefühle von Hilf- und Hoff- nungslosigkeit, die auch in eine manifeste psychische Erkrankung münden können“, warnt Dr. Michael Musalek, Psychiater und Vorstand des Instituts.


Ängste eingestehen

Eine Angsterkrankung beginnt zunächst langsam und macht sich durch leichte Symptome be- merkbar, die oft zu wenig beachtet werden. Pathologisch werde die Angst dann, „wenn die In- tensität sehr hoch ist und die Ängste nicht mehr kontrollierbar sind“, erläutert Psychologe Anton Laireiter. „Weitere Anzeichen sind die Entwicklung einer ständigen Sorge oder einer Angst vor der Angst. Das Wohlbefinden und die Lebenslust werden deutlich eingeschränkt. Spätestens dann sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“ Expertinnen und Experten schätzen, dass es bei Angsterkrankungen eine hohe Dunkelziffer gibt. Denn viele Menschen scheuen sich davor, mit einer Psychologin, einem Psychologen oder einer Psychotherapeutin, einem Psycho- therapeuten über die bedrohlichen Gefühle zu sprechen. Der erste Schritt ist, die Ängste nicht zu verdrängen, sondern sie sich einzugestehen und Hilfe zu suchen.


Jacqueline Kacetl


interview

„Anstieg von Ängsten“


Welche Folgen hat die Corona-Pandemie für die psychische Gesundheit?

Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie werden wissenschaftlich stark diskutiert. Schon zu Beginn der Lockdowns kam es zu Verschlechterungen im Befinden vieler Menschen. Nach der Lockerung der Maßnahmen im vergangenen Sommer verbes- serte sich diese Situation wieder. Während des zweiten Lockdowns war ein verstärk- tes Auftreten von Ängsten und depressiven Symptomen bemerkbar. Dazu gehören insbesondere Angst vor Ansteckung, soziale Isolation, Einsamkeit, Zukunftsängste, Ängste vor den wirtschaftlichen Konsequenzen, Verlust der herkömmlichen Routi- nen und des bisherigen Alltags. Es sind jedoch nicht nur Ängste, die ansteigen, sondern vor allem depressive Befindlichkeiten bis hin zu Depressionen, Zwängen und zwanghaftem Verhalten, aber auch Stress- und Belastungsstörungen.


Wie können Angststörungen therapeutisch behandelt werden?

Sollte eine primäre medikamentöse Intervention durch den Einsatz von Psychophar- maka nicht zu dem gewünschten Erfolg führen, empfiehlt sich psychologische oder psychotherapeutische Hilfe. Empirisch haben sich vor allem Strategien und Metho- den der kognitiven Verhaltenstherapie oder der klinisch-psychologischen Behand- lung als effektiv erwiesen. Deren Vorteil liegt darin, dass sie symptom- und zielorien- tiert arbeiten.

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021