EHRENAMT

Es ist wichtig, dass Eltern in einer Beziehung mit dem Kind stehen und nicht Medien statt einer Beziehung genutzt werden.

FotoS: Birgit Machtinger

In Beziehung bleiben

Social Media und Smartphones sind spannend für Kinder und ihre Eltern – weil hier die Kids die Profis sind. Kinderpsychi- ater Paulus Hochgatterer sieht im Thema viele Chancen für die Eltern-Kind-Beziehung.

Wie sollen sich Eltern beim Thema Handy, Internet und Social-Media-Nutzung verhalten? Was dürfen Kinder und was nicht? Für viele Eltern ist das ein großes Thema, das sie im Alltag immer wieder beschäftigt. Der Leiter der Klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Universitätsklinikum Tulln, Prim. Assoc. Prof. Dr. Paulus Hochgatterer, bewertet das konfliktreiche Feld der Mediennutzung als große Chance für Eltern: „Kinder und Jugendliche tun sich mit den neuen Medien wesentlich leichter als wir Erwachsene. Sie be- greifen die Handhabung schnell und bauen die neuen Möglichkeiten rasch in ihr Leben ein.“ Wir „Alten“ wissen diese Fähigkeiten der Jungen allerdings oft viel zu wenig zu würdigen,

diagnostiziert der Kinderpsychiater: „Neues beurteilen wir schon seit zigtausend Jahren gerne als Teufelszeug“, beschreibt er eine altbekannte Dynamik der Menschheit.

Aber sind denn diese Medien nicht gefährlich? Machen sie Kinder und Jugendliche nicht abhängig? Natürlich könne das bei verletzlichen Menschen passieren, sagt Hochgatterer: „Gibt es dabei laufend eine unmittelbare Belohnung wie bei vielen Videospielen, kann sich eine Abhängigkeit entwickeln.“ Das hänge aber nicht nur von der Substanz ab, also zum Beispiel von den „Likes“ auf Facebook, sondern auch stark von der Persönlichkeit. Es gebe Menschen jeden Alters, die in ein Spiel oder in Social-Media-Angebote „hineinkippen“ – Menschen, in de- ren Biografie es Leerstellen gebe, die durch derartige Ersatzbefriedigung gefüllt würden. Um diese kleine Gruppe an Kindern und Jugendlichen, die zur Abhängigkeit neigen, müsse man sich kümmern. Doch „die meisten Men- schen sind nicht vulnerabel“, betont Hochgatterer. Er rät Eltern, genau hinzuschauen – und sich bei Bedarf Hilfe zu holen. Kinder seien „robuste Wesen, auf die man sich eben noch nicht zu hundert Prozent verlassen kann“.


Herausforderung Pubertät

Wie ist das in der Pubertät? Da ist es ja nicht leicht, den Medienkonsum des Jugendlichen unter Kontrolle zu ha- ben. „In dieser Zeit ist es sehr wichtig, dass es Bereiche gibt, zu denen Eltern keinen Zugang haben“, betont Hochgatterer. „Seien Sie nur aufmerksam, ob Ihr Kind anders ist, als es war, und ob es in eine Distanz zu Ihnen geht, die Ihnen unpassend vorkommt.“ Das Zentrale an der Pubertät sei ja der Konflikt. Wichtig sei zu erspüren, ob die Irritation durch etwas von außen komme. Das sei nicht immer einfach, ist sich Hochgatterer bewusst, doch er macht Eltern Mut, genau zu hinterfragen, was los ist. Und auch auszuhalten, nicht alles zu wissen und dem Ju- gendlichen seine eigenständigen Bereiche zuzugestehen.


Keine Gebrauchsanweisung

Und wenn Eltern den Fernseher den ganzen Tag neben einem Säugling laufen lassen? „Das ist natürlich eine ständige Reizquelle. Man muss sich bewusst sein, was man damit tut oder zulässt, denn: Alles, was stattfindet, verändert auch etwas“, sagt der Experte.

Müssen Eltern deshalb den Medienkonsum und die Zeit mit Handy und im Internet nicht restriktiv hand- haben und regulieren, Bildschirmzeiten festsetzen und so weiter? Sicher, aber das würden sie auch im Alltag gut hinbekommen, ist der Kinderpsychiater überzeugt. Deshalb gebe er keine Richtlinien heraus. Er streut stattdessen lieber Rosen: „Ich sehe vor allem Eltern, die sich sehr um ihre Kinder kümmern, mehr als vor 30 und 40 Jahren. Sie sind manchmal überfordert und rat- los, meist aber besorgt, vernünftig und kritikfähig.“

Der Kern seiner Anleitung zum Thema Mediennutzung: „Wichtig ist, dass Eltern IN einer Beziehung mit dem Kind stehen und nicht Medien STATT einer Beziehung genutzt werden.“ Hochgatterer rät, sich gemeinsam mit dem Kind mit den medialen Angeboten und den neuen Geräten, ihren Chancen und Möglichkeiten auseinan- derzusetzen. Dabei sollten sich Erwachsene ruhig et- was vom Kind beibringen lassen, da Kinder mit diesen Dingen meist viel schneller gut umgehen können als die älteren Generationen. „Das ist doch eine wunder- bare Chance für einen Rollentausch – hier kennt sich das Kind aus. Und: Eltern sind dafür da, spießig, altva- terisch und von gestern zu sein!“

Wichtig sei hinzuschauen, wie es dem Kind mit der Me- diennutzung geht. Sollte es verstörende Inhalte sehen, sei es wichtig, das auch wahrzunehmen und mit dem Kind darüber zu reden. Doch das ist kein neues Prob- lem, ist Hochgatterer überzeugt: „Jedes Bilderbuch, auch die sogenannten pädagogisch wertvollen, braucht das gemeinsame Schauen und das Darüberre- den. In Summe ist es ganz einfach: Was zählt, ist die Beziehung zum Kind.“


Riki Ritter-Börner

erschienen in GESUND & LEBEN 12/2019