CORONA FORSCHUNG

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Die Hoffnung schwebt in der Pipeline

Die medizinische Forschung zur SARS-CoV-2-Infektion bzw. Covid-19 läuft auf Hochtouren. GESUND &

LEBEN gibt Ihnen einen Überblick.

Weltweit wird derzeit an insgesamt 155 Medikamenten und 79 Impfungen zur Bekämpfung von Covid-19 gearbeitet.  Im Bereich der Diagnostik sollen in den nächsten Wochen Antikörper-Tests zur Verfügung ste- hen, die Aufschluss darüber geben, welche Personen gegen das Coronavirus immun sind. In puncto The- rapie reichen die Hoffnungsszenarien von der „Passivimpfung“ mithilfe von Plasma bis hin zur Behandlung mit alt bewährten Substanzen. Die schlechte Nachricht: Schnelltests aus dem Internet gekauft, die ein Er- gebnis mithilfe einer Blutprobe aus der Fingerspitze ermöglichen, sind medizinisch wertlos, so der Exper- ten-Tenor.

Um eine Infektion festzustellen, werden derzeit RT-PCR-Tests (Real-time Reverse Transkriptase Polymera- se-Kettenreaktion) mithilfe eines Nasen-Rachen-Abstrichs verwendet. Sie sind sinnvoll, wenn bereits Coro- na-Symptome (Fieber, trockener Husten) aufgetreten sind bzw. wenn es gilt, bei symptomfreien Betroffenen eine frühe Infektion festzustellen. Diese Tests geben Aufschluss darüber, ob das Genom des Virus im Blut vorliegt. Diese Tests müssen jedoch korrekt durchgeführt werden, das heißt mit Probematerial, das tief aus der Hals- bzw. Nasenregion kommt. Derzeit warnt Südkorea vor der „Rückkehr“ des Virus, denn zahlreiche Menschen, die die Infektion überstanden haben, wiesen nach neuerlichen Tests eine Viruslast auf. Medizi- ner sind sich inzwischen einig: Möglicherweise wurden die PCR-Tests nicht korrekt durchgeführt oder der

Test erfolgte zu früh, nämlich zu dem Zeitpunkt, als noch ein Genomfragment des Virus vorlag, der Erreger selbst jedoch bereits ab- getötet war. Dazu ist jedoch eine Zusammenschau des Virusgeschehens erforderlich, die auch Basis für eine effiziente Antikörperthe- rapie darstellt.


Wer ist immun?

Die Antikörpertheorie ist ein zweiter Weg, allerdings mit anderem Ansatz. Sie geht davon aus, dass die Immunität gegen SARS-CoV-2 mithilfe eines Antikörpertests festzustellen ist und gibt Hoffnung, denn diese Tests werden in Kürze verfügbar sein. Es handelt sich dabei um Labortests nach dem Elisa-Testprinzip (Elisa = Enzyme-linked Immunosorbent Assay, ein Test, der aufgrund einer enzymbedingten

Verfärbung des Testmaterials Ergebnisse liefert).

Im Laufe einer Infektion reagiert unser Immunsystem üblicherweise sofort mit Abwehr auf einen Krankheitserreger, das ist bei jeder Infektion so. Im Falle des Corona-Virus dringt der Erreger über sogenannte Spike-Proteine, spezielle Eiweißstoffe, in die „Wirtszelle“ des menschlichen Körpers ein. Gelingt das, werden millionenfache Kopien des Virus erstellt, die sich in weiteren Zellen ausbreiten. Das Immunsystem reagiert mit dem Kommando „Abwehr“ und es produziert Antikörper gegen das Virus. Bei einer Infektion mit dem Coronavirus dauert es im Schnitt aber sieben Tage, bis erste Antikörper im Blut nachweisbar sind. Ähnliche

Antikörper befinden sich auch nach einer abgeklungenen Infektion im Blut – um sicherzustellen, dass das Virus auch nach einer neu- erlichen Attacke unschädlich gemacht wird, erklärte die Virologin Prof. Priv.-Doz. Dr. Judith Aberle vom Zentrum für Virologie der Me- dUni Wien in einem APA-Interview.

IgM-Antikörper sind bereits beim Erstkontakt mit dem Virus vor Ort, ihnen folgt die Abwehr durch IgA-Antikörper. Überlebt das Virus auch diese Abwehr, kommen IgG-Antikörper ins Spiel, sie sind jedoch erst zwei Wochen nach der Infektion im Blut nachweisbar. Aber: „IgG-Antikörper vermitteln die längerfristig schützende Immunantwort“, sagt Judith Aberle. Sie bilden eine Art „immunologi- sches Gedächtnis“ und sind somit die wichtigsten Abwehrstoffe im Blut. IgM- und IgA-Antikörper weisen somit auf eine frische Infek- tion hin, IgG-Antikörper liegen bei einer durchgemachten Infektion vor.


Tests demnächst sicher

Diese Immunantwort machen sich Antikörpertests zunutze. Bei der Testung wird Blut abgenommen: Sind Antikörper vorhanden, bin- den sie an dem Protein; an der Farbreaktion des Tests lässt sich ablesen, ob und welche Antikörper vorliegen. Um verlässliche Er- gebnisse zu erhalten, müssen die Tests der spezifisch und sensitiv sein. Die Sensitivität gibt an, wie häufig der Test bei Vorliegen ei- ner Krankheit positiv ist. Die Spezifität zeigt, wie häufig der Test bei gesunden Personen negativ ist. Um möglichst wenig falsch posi- tive und möglichst wenig falsch negative Ergebnissen zu erhalten, müssen beide Werte hoch sein. Die bisher vorliegenden Tests sind verschieden aufgebaut, zeigen jedoch, dass bereits gute Daten vorliegen, sagt Judith Aberle: „Es wird in absehbarer Zeit gut verwendbare Antikörper-Testkits geben.“


Antikörpertherapie

Bis zur Entwicklung einer Impfung gibt die Antikörpertherapie mit Blutplasma zur Behandlung von Covid-19 einen Grund zur Hoff- nung. Dabei wird Plasma von genesenen Covid-19-Patienten herangezogen und Erkrankten verabreicht. Sie wird durch Antikörper vermittelt, anfänglich durch Immunglobulin M. Etwas später – nach etwa einer Woche – setzt die Produktion von spezifischen Immun- globulin G-Antikörpern durch B-Zellen ein (IgG). Dadurch wird die Infektion besiegt. Wieder Genesene tragen dann diese Antikörper im Blutplasma, diese schützen mehr oder weniger anhaltend vor weiteren Infektionen. Das Prinzip ist an sich nicht neu, bereits im Zuge der Spanischen Grippe zwischen 1918 und 1920 (50 Millionen Tote) konnte die Sterblichkeit um 20 Prozent gesenkt werden. Entwickelt wurde die erste „Blutserum-Therapie“ von dem deutschen Wissenschaftler Emil von Behring, der 1891 erstmals zwei Diph- therie-kranke Kinder mit Antikörpern behandelte.

Der Vorteil dieser Methode: Erkrankte müssen Antikörper nicht erst selbst bilden, sondern erhalten diese per Transfusion aus dem Plasma von Genesen. Außerdem ist keine langwierige Entwicklung eines Impfstoffes nötig, denn die Antikörper trägt jeder Genese- nen in sich. In den USA wird die Methode bei Schwerkranken angewendet, in Deutschland werden Testreihen durchgeführt, in Öster- reich läuft die Entwicklung auf Hochtouren, das Rote Kreuz bittet um Plamaspender. Auch Dr. Thomas Kreil, Virologe des japanischen Pharmakonzerns Takeda mit einem Sitz in Wien, ist von diesem therapeutischen Ansatz überzeugt: „Wir hatten damit bereits klinische Erfolge bei der Vogel- und Schweinegrippe“, und weist damit auf die Entwicklung eines Anti-SARS-CoV-2-H-IG-Präparats (Humane IgG-Antikörper gegen SARS-CoV-2) hin. Auch er ersucht: „Wir bitten Covid-19-Patienten, die die Infektion vollständig überstanden haben und gesundet sind, Plasma zu spenden. Aus diesem Plasma werden dann die Antikörper durch ‚Fraktionierung‘ konzentriert und haltbar gemacht. Kranke Patienten sollen schließlich die Antikörper aus dem Plasma in konzentrierter Form erhalten.“ Wegen der kürzeren Zeit für klinische Erprobungen – es handelt sich um eine bekannte und bewährte Methode – könnte in neun bis 18 Monaten ein Medikament am Markt sein und die Zeit bis zur Marktreife einer Impfung überbrücken. Ob es Nebenwirkungen gibt, wann der beste Zeitpunkt für eine Plasma-Transfusion ist und ob Betroffene lebenslang immun sind, ist derzeit noch Gegenstand umfassender Studien.


Bekannte Substanzen

Zur Therapie von Patientinnen und Patienten mit schwerer Covid-19 werden häufig auch bekannte Substanzen eingesetzt. So das bekannte Malariamittel Chloroquin oder Enzymhemmer wie Remdesivir, Favipiravir, Lopinavir/Ritonavir bzw. der IL-6-Rezeptorblocker Tocilizumab (ein Medikament aus der Polyarthritis-Therapie). Allerdings stammt die bisherige wissenschaftliche Evidenz aus Labor- und Tiermodellen und aus einzelnen Fallberichten, warnt der Intensivmediziner Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) vom Krankenhaus St. Vinzenz in Zams in Ti- rol.  Zum Teil laufen jedoch bereits klinische Studien. Wenngleich er auch gute Erfahrungen mit oralen Medikamenten gemacht habe, die eine Beatmung verhindern könne, ist Univ.-Prof. Dr. Ojan Assadian, Ärztlicher Direktor am Landesklinikum Neunkirchen, skep- tisch: „Die Zahlen sind noch zu gering, um hier seriös etwas sagen zu können.“ Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (ÖGKH) ist ein international tätiger Hygieniker und Infektiologe. Ein Wundermittel gibt es bis dato jedenfalls nicht – doch die Forschung zeigt sich hoffnungsvoll.


Doris Simhofer

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2020