Diabetes

Stoffwechselerkrankungen erfordern eine

Lebensstiländerung, um schwere Folgeschäden zu verhindern.

FotoS: ZVG, lebens.resort Ottenschlag

Eine Erkrankung unserer Zeit

Um reibungslos zu funktionieren, ist unser Körper an Stoffwechselvorgänge gebun- den. Geraten diese aus dem Gleichgewicht, kann es zu schweren gesundheitlichen Folgen kommen.

Nahezu jedes unserer Organe ist an einem Stoffwechselvorgang beteiligt. Denn unser Körper wird permanent mit Energie-, Aufbau- und Informationsstoffen versorgt. Die meis- ten davon holt er sich aus der Nahrung und den darin enthaltenen Kohlenhydraten, Prote- inen, Fetten und Mineralien. Doch um sie nutzen zu können, müssen sie vom Körper erst verarbeitet oder verteilt – also verstoffwechselt – werden. Kommt es dabei über einen län- geren Zeitraum zu Störungen, weil beispielsweise zu viele oder zu wenige Hormone aus- geschüttet werden oder wichtige Enzyme fehlen oder defekt sind, kann eine Stoffwech- selerkrankung entstehen. „Der Begriff Stoffwechselerkrankung ist weit gefasst. Zunächst versteht man darunter Störungen in der Verarbeitung und Verteilung von Nährstoffen. Oft werden auch Hormonerkrankungen eingeschlossen, an denen typischerweise mehrere Organe beteiligt sind. Etwa bei der Schilddrüse, wo Funktionsstörungen zu Veränderun- gen im Fettgewebe, der Blutfette oder der Funktion des Herzmuskels führen können“, er- klärt Univ.-Prof. OA Dr. Andreas Festa, Facharzt für Innere Medizin und Oberarzt an der Stoffwechselambulanz des Landesklinikums Stockerau. Neben Fettstoffwechsel-, Schild- drüsenstoffwechsel- und anderen seltenen hormonellen Störungen widmet man sich dort vorrangig der Behandlung und Einstellung von Diabetes Typ 1 und Typ 2. „Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung, von der immer mehr Menschen betroffen sind. Mittlerweile leidet etwa jeder zehnte Mensch in Österreich daran. Doch die Betreuung ist, gerade für Menschen mit Typ-1-Diabetes, sehr umfassend, weil es darum geht, einen hochkomplexen, defekt gewordenen Vorgang, an dem viele Organe und viele Nährstoffe beteiligt sind, künstlich wieder gerade zu richten“, erklärt Festa.

Von Diabetes Typ 1 kann jeder Mensch betroffen sein, sagt der Stoffwechselexperte: „Die Erkrankung unterscheidet nicht zwischen Alter, Geschlecht oder Gewicht.“ Bei anderen Formen des Diabetes spielt wiederum der Lebensstil eine Rolle in der Manifestation. „Zum Beispiel tritt bei entsprechender erblicher Veranlagung Diabetes früher auf, wenn Ernährung und Bewegung nicht ausreichend Beachtung geschenkt wird“, erklärt Festa. Die gute Nachricht: In den vergangenen Jahren haben sich die Behandlungsmöglichkei- ten rasant verbessert. „Das gilt für Tabletten, Injektionstherapien, Insuline und zahlreiche neue Technologien, allen voran Insulinpumpen und Glukosesensoren. Wir können heute eine weitaus präzisere Behandlung nach den letzten Erkenntnissen der Wissenschaft an- bieten – punktgenau auf den einzelnen Menschen abgestimmt.“ Auch in puncto Präventi- on kann man selbst viel tun: „Eine gute und ausgewogene Ernährung sowie ausreichend Bewegung sind äußerst hilfreich, um Stoffwechselerkrankungen, etwa einem Typ-2-Dia- betes und vielen anderen Krankheiten, vorzubeugen“, betont Festa.


Stoffwechsel-Rehabilitation

Wird der Stoffwechsel gestört, so hat dies meist negative Auswirkungen auf die Funktion anderer Organe. Umso wichtiger ist eine rechtzeitige Behandlung, um Folgeerkrankun- gen wie einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Herzinsuffizienz zu verhindern. Eine Stoffwechsel-Rehabilitation kann ein wichtiger Schritt sein, um besser mit der Erkrankung umgehen zu lernen, die Lebensqualität zu steigern und Blutwerte zu verbessern. „Dabei wird aktiv an Verbesserungen des Lebensstils von Betroffenen gearbeitet“, sagt Dr. Sigrid Ruth, stellvertretende Ärztliche Leiterin im Lebens.Resort Ottenschlag. Sowohl Menschen

mit erhöhten Blutfettwerten oder mit Diabetes als auch Menschen, die sich aufgrund von Stress eine ungünstige Lebensge- wohnheit angeeignet haben, bekommen hier Hilfe. Mithilfe von Diabetesschulungen, Kochkursen sowie ärztlichen Kontrollen des Blutdrucks, des Blutzuckers und des Gewichts soll Betroffenen zu einer nachhaltigen Lebensstiländerung verholfen werden, um langfristige Folgeschäden zu vermeiden.

„Es gibt natürlich viele Medikamente, die die Vitalwerte entsprechend verbessern können. Am besten wirkt sich jedoch eine Kombination aus Bewegung, Ernährung und Medikation auf das jeweilige Krankheitsbild aus“, sagt Ruth. Je nach Begleiterkran- kung empfiehlt die Ärztin eine Kombination von Kraft- und Ausdauerprogramm, um Muskeln aufzubauen und den Grundumsatz zu erhöhen. Eine zusätzliche Ernährungsumstellung ist insbesondere für übergewichtige Patientinnen und Patienten wichtig, da

diese ein hohes Diabetes-Risiko haben. Doch gleichzeitig warnt die Ärztin: „Über- höhte Ziele zu erreichen, ist gerade für diese Betroffenen eine Illusion. Viele Pati- entinnen und Patienten sind auch psy- chisch belastet, was ebenfalls die gesun- de Lebensgestaltung negativ beeinflusst. Hier gilt es, die medizinische Behand- lung, Ernährung und psychologische Be- treuung zu vereinen. Steht die psychi- sche Erkrankung im Vordergrund, emp- fehlen wir eine Rehabilitation für psychi- sche Erkrankungen.“


Doris Simhofer

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021