burnout

fotoS: gesundheitsresort königsberg, istockphoto/ Olga Strelnikova

Ausgebrannt?

Druck, hohe Erwartungen an sich selbst,

Versagensängste und ständige Rufbereitschaft –

wer lange Zeit unter chronischem Stress leidet,

läuft Gefahr, ein Burnout-Syndrom zu entwickeln.

Etwa 500.000 Menschen in Österreich leiden an einem Burnout, eine Million sind gefährdet. Doch woher kommt der heute so weit verbreitete Begriff überhaupt? Der klinische Psychologe Herbert Freudenberger engagierte sich in den 70er-Jahren mehr als 16 Stunden täglich für seine Patientinnen und Patienten. Nach einiger Zeit entwickelte er jedoch selbst psychische und psy- chosomatische Beschwerden, die zu einem regelrechten Zusammenbruch führten. Neben seiner eigenen Erfahrung beobachte- te Freudenberger, dass insbesondere überengagierte Menschen in helfenden Berufen im Laufe der Zeit Gefühle von Leere, Er- schöpfung sowie psychische und psychosomatische Beschwerden entwickeln. Diesen Zustand nannte er „Burnout“ (deutsch: „ausgebrannt sein“). Als Hauptursache definierte der Psychologe den Versuch einer Person, unrealistische Erwartungen – ob selbst gesetzt oder vom Wertesystem der Gesellschaft aufgezwungen – mit allen verfügbaren Kräften zu verwirklichen. „Im mo-

dernen Arbeitsleben sind die Anforderungen stark gestiegen: Rasche Veränderungen von Prozessen, ein hohes Arbeitspensum, steigender Wettbewerb und die Angst vor Arbeitslosigkeit erhöhen den Druck auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer enorm“, sagt Prim. Dr. Hanspeter Stilling, medizini- scher Leiter des Bereichs psychosoziale Rehabili- tation im Gesundheitsresort Königsberg.


Wer in die Falle tritt

Obwohl sich etwa jede und jeder Dritte in einer Ar- beitssituation befindet, die ein Burnout begünsti- gen kann, sind vor allem Berufsgruppen, die häu- fig mit zwischenmenschlichen Extremsituationen konfrontiert sind, gefährdet. Darunter fallen zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Lehre- rinnen und Lehrer oder Polizeibeamte. Aber auch Führungskräfte, die große Verantwortung tragen, treten häufig in die Burnout-Falle: „Personen, die

perfektionistisch sind, Angst vor Kontrollverlust haben und sich schwertun, nein zu sagen oder Auf- gaben zu delegieren, sind besonders prädestiniert für ein Burnout“, warnt Stilling. Gerade in der Anfangsphase sei das Syndrom schwer zu diagnostizieren und die Symptome kaum von jenen ei- ner Depression zu unterscheiden. Umso wichtiger ist es, ersten Anzeichen frühzeitig auf den Grund zu gehen: „Dazu zählen Zerstreutheit, innere Unruhe, Gereiztheit, die Unfähigkeit, sich zu entspan- nen und eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit“, erklärt Stilling. Wenn körperliche Ursachen wie eine Schilddrüsen- oder Nierenerkrankung, eine Anämie oder Schlafapnoe ausgeschlossen werden kön- nen, stellen Ärztinnen und Ärzte mithilfe von Messinstrumenten wie etwa einem Fragebogen die kli- nische Diagnose.

„Der Weg zum Burnout ist lang und erfolgt in verschiedenen Phasen: Am Anfang steht der hohe Leistungseinsatz und der freiwillige Verzicht auf Freizeitaktivitäten, Familie oder Freunde, sodass die notwendige Regeneration entfällt. Es kommt zu steigender Erschöpfung und körperlichen Be- schwerden. Ein sinkender Arbeitspegel, wachsender Zynismus gegenüber den Kollegen, Kritikunfä- higkeit und eine lustlose Arbeitsweise sind dann alarmierende Signale. Zuletzt kommt es zu einem körperlichen und seelischen Zusammenbruch mit häufig schweren Depressionen und der komplet- ten Arbeitsunfähigkeit. Dann ist eine Therapie und im besten Fall eine Rehabilitation unumgänglich“, betont Stilling.


Therapie & Rehabilitation

Bei einer Therapie oder Rehabilitation werden Betroffenen neue Wege aufgezeigt, um ihre Leis- tungsfähigkeit und Motivation zurückzugewinnen. Im Zuge eines mehrwöchigen Aufenthalts, der auf den Säulen Körper, Geist und Seele basiert, tanken sie Kraft für den Neuanfang. „Loszulassen fällt vielen Burnout-Patienten sehr, sehr schwer. Aber es ist wichtig, Abstand zum krankmachenden All- tag zu gewinnen und auch einmal ganz bewusst auf Störquellen wie Handy oder Laptop zu verzich- ten“, rät Stilling. Die Therapie des Burnout-Syndroms ist individuell und setzt sich aus verschiede- nen Bausteinen zusammen, etwa Gesprächs-, Kunst- und Bewegungstherapie. Stilling nennt ein weiteres Verfahren, das sich bewährt hat: Biofeedback. Dabei werden körperliche Veränderungen mit einem Gerät, das Herzschlag, Blutdruck, Verdauung und Hirnströme misst, sichtbar gemacht. So lernen Patientinnen und Patienten, bewusst auf ihren Körper zu hören und stressbedingte Kör- perreaktionen wahrzunehmen. Sie verstehen dadurch die Zusammenhänge ihres Körpers und kön- nen diese durch Übungen selbst regulieren.

Wenngleich ein Burnout eine einschneidende und enorm belastende Phase ist, betont Stilling: „Bur- nout ist kein Grund für dauerhafte Berufsunfähigkeit.“ Im Gegenteil: „Durch Umstrukturierungen des beruflichen und privaten Alltags können Betroffene ihr Leben neu ausrichten, ohne in alte Muster zu verfallen. Hier ist jedoch auch Toleranz von Unternehmensseite gefragt: Coaching- und Entlas- tungsangebote, Zeitausgleich oder ein Überstunden-Stopp können viel dazu beitragen, einen Rück- fall zu verhindern oder dafür sorgen, dass es gar nicht erst zu einem Burnout kommt.“

erschienen in GESUND & LEBEN 12/2020