FAMILIE

Runter vom Gas!

Volle Terminkalender, Perfektionsstreben und der Wunsch, seine Kinder

optimal zu fördern, können Stress im Familienleben auslösen. Dabei

brauchen glückliche Familien gar nicht so viel- .

fotoS: istockphoto/ evgeny atamanenko, ZVG

Karotten aus der Erde graben und sich dabei die Händ- e schmutzig machen. Den Wind beim wilden Schaukeln in de- n Haaren spüren. Beim Spielen im Garten in andere Welten ein- tauchen. Und für all das alle Zeit der Welt haben. Was nach Idylle klingt, ist für die sechsjährige Tanja und ihre vierjährige Schwester Ella Alltag.

Die beiden Mädchen leben mit ihren Eltern Elisabeth und Jo- hannes Hackl, sechs Hühnern, einem Hahn und zwei Hunde- n im kleinen Ort Atzenbrugg im Bezirk Tulln. Samt großem Ge- müsegarten, der die Familie versorgt. „Uns ist wichtig, das- s die Kinder viel draußen sind und naturnah aufwachsen. Da- durch werden sie im wahrsten Sinn des Wortes geerdet“, sag- t

Elisabeth Hackl. Zum Spielen, Schnittlauchernten und Hüh- nerfüttern soll neben Beruf, Schule und Kindergarten genu- g Zeit bleiben. Dafür schwimmt Familie Hackl – was die Organi- sation von Familie und Beruf angeht – gern gegen den gesell- schaftlichen Strom. Elisabeth und Johannes Hackl arbeiten beide in Teilzeit. Als Kindergartenpädagogen teilen sie sic- h momentan eine Vollzeitstelle. Dass sie deswegen weniger

Geld als andere Familien zur Verfügung haben, nehmen sie in Kauf. „Kein Geld wiegt die gemeinsame Zeit auf“, findet Elisa- beth Hackl. Für die Kinder seien die geringeren finanziellen Möglichkeiten bis jetzt kaum ein Problem. „Wir sagen ihnen ehrlich, dass uns Urlaub im Moment zu teuer ist.“ Statt einer Sommerreise plant Familie Hackl Ausflüge und Fahrradtouren und pick- nickt im Grünen. Nach dem Motto: Nicht darüber jammern, was man alles nicht hat, sondern das Schöne sehen, das man e- rlebt.


Kein Freizeitstress

Nicht nur bei ihrer eigenen Berufstätigkeit, auch bei der Freizeitgestaltung ihrer Töchter treten Elisabeth und Johannes Hackl bewusst auf die Bremse. Tanja und Ella waren nie beim Babyschwimmen, beim Kinderturnen oder in der musikalischen Früher- ziehung. „Bei unserer Arbeit im Kindergarten sehen wir viele Kinder, die gestresst sind, weil sie jeden Nachmittag einen Termin haben. Viele von ihnen kommen nicht zur Ruhe, können sich schwer konzentrieren und wissen nicht, wie sie spielen können.“ Das Ehepaar war sich bereits vor der Geburt der Kinder einig, dass es für seinen Nachwuchs keinen Freizeitstress will. „Erst jetzt in der Schule hat Tanja mitbekommen, was es so gibt und wollte plötzlich alles machen. Wir haben mit ihr vereinbart, dass sie sich eine Aktivität aussuchen darf.“ Tanja entschied sich für die Tanzgruppe. Dass manche Kinder einen Terminplan wie Er- wachsene haben, nimmt auch Birgit Koller-Modry, Familienberaterin in Korneuburg, wahr. „Mein Rat an die Eltern ist: Reduziert den Luxus der Möglichkeiten. Mistet euren Alltag aus.“ Aktivitäten sollten immer im Hinblick auf das Kind und seine Bedürfnisse ausgewählt werden. „Es ist toll, Sport zu machen oder ein Instrument zu lernen. Aber nur dann, wenn es auch wirklich der Wunsch der Kinder ist“, sagt Koller-Modry. Auch wenn der Nachbarsbub im Fußballverein spielt oder die Schulfreundin begei- stert vom Kinderyoga ist, gelte stets: Das aussuchen, was zu meinem Kind pass- t.


Internet-Scheinwelt

Hohe Ansprüche und das Vergleichen mit anderen seien häufig Quellen von Unzufriedenheit und innerem Stress, weiß Birgit Koller-Modry. Verglichen wird heute allerdings nicht nur mit der Nachbarsfamilie oder den anderen Müttern in der Stillgruppe, sondern auch mit vermeintlich perfekten Familien im Internet. „Zu mir ist eine Mutter gekommen, die verzweifelt war, weil sie auf Instagram Supermamas sieht, die mit perfekten Fingernägeln Kekse backen. Sie ärgert sich, weil sie das nicht schafft.

Wenn im Internet die heile Welt präsentiert wird, würden Eltern in ihrem eige- nen Leben schnell verbissen. Denn ihre Welt ist weder heil noch perfekt. „Wir Menschen sind keine Roboter“, sagt die Familienberaterin den Eltern. „Wenn du die Kekse nicht backen kannst, dann kauf eben welche. Lebe das, was möglich ist!“ Auch Elisabeth Hackl kennt den Druck, den man sich selber macht. „Ich tappe immer wieder in diese Falle und vergleiche. Und ich überl- ege, ob wir uns das eine oder andere nicht vielleicht auch leisten sollten.“ Mit ihrem Mann besinnt sie sich dann auf das, was ihnen wichtiger als Skiurlaub oder der Kindergeburtstag am Reiterhof ist: viel gemeinsame Zeit als Familie- .

Druck reduzieren

Mit dem Schuleintritt kommt in vielen Familien ein weiterer Stressfaktor hinzu. Hausübungen, lernen und Notendruck bestimmen den Familienalltag. Birgit Koller-Modry empfiehlt, regelmäßig einen Schritt zurück zu machen und sich in Erinnerung zu rufen: „Schule ist wichtig, aber sie darf nicht zum Lebensinhalt werden.“ An die frische Luft gehen, Bewegung und spielen dürften trotz Lern- stress nicht vernachlässigt werden. Elisabeth Hackl beobachtet, dass sich E- ltern bereits in der ersten Klasse viele Sorgen um den Schulerfolg ihrer Kinder machen. „‚Was, wenn mein Kind nicht mitkommt?‘ fragen sie sich. Und man- che denken schon in der ersten Klasse über Nachhilfe nach.“ Für die Mutter ist klar, dass die Freude am Lernen wichtiger ist als gute Noten nach Hause zu bringen. „Wir bemühen uns sehr, den Druck rauszunehmen.“ Das Hausübung machen am Nachmittag funktioniere dennoch nicht immer ganz reibungslos – vor allem nachdem der Eifer des Schulanfangs nachgelassen hat. „Es dauert oft lange und manchmal geht der ganze Nachmittag drauf. Das stresst uns und Tanja“, erzählt Elisabeth Hackl. Es helfe, mit ihr den Ablauf des Nachmittags zu besprechen und eine kleine Pause nach dem Heimkommen einzuplanen. Und wenn die Hausübung erledigt ist, geht es in den Garten. Zum Schaukeln, Hühnerfüttern oder Gemüseernten.


Sandra Lobnig

Birgit Koller-Modry,

Familienberaterin in

Korneuburg

Elisabeth und Johannes Hack- l

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2019