Antibiotika

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„Ein bisserl Antibiotikum geht nicht“

Immer mehr Bakterien erweisen sich gegen eines oder mehrere Antibiotika resistent.

Die Folge: Krankheitsverläufe werden länger, Menschen können an bakteriellen Infektionen sterben. Ein punktgenauer Einsatz ist deshalb entscheidend.

Preisfrage: Wirken Antibiotika gegen Bakterien oder gegen Viren? Als Profis in Sachen Coronavirus wissen wir inzwischen, dass Antibiotika dem Virus nichts anhaben können. Das liegt in ihrer Natur: Im Kampf gegen Viren sind Antibiotika unbrauchbar. Bei bakteriellen Infektionen hingegen sind sie eine Wunderwaffe, deren Entdeckung vor über neunzig Jahren die menschliche Le- benserwartung um Jahrzehnte in die Höhe geschraubt hat. Anfang des 20. Jahrhunderts betrug diese knapp 47 Jahre, heute werden Menschen in Österreich durchschnittlich 81 Jahre alt. Unter anderem deshalb, weil sie normalerweise nicht mehr an Lungenentzündungen oder Wundinfektionen sterben – wenn sie erfolgreich mit einem Antibiotikum behandelt werden. Mittlerwei- le stellt sich der Erfolg bei einer Antibiotikabehandlung allerdings nicht in jedem Fall ein. Immer mehr Bakterien erweisen sich als resistent gegen eines oder mehrere Antibiotika. Die Konsequenz: Krankheitsverläufe sind schwerer, dauern länger und enden im schlimmsten Fall mit dem Tod. Die Weltgesundheitsorganisation weist regelmäßig auf diese besorgniserregende Entwicklung hin. 2015 hat sie deswegen einen globalen Aktionsplan gegen Antibiotikaresistenzen gestartet.


Gefahr durch Keime

Dass Bakterien Abwehrstrategien entwickeln und Resistenzen ausbilden, ist ein natürli- cher Vorgang. Werden Antibiotika unsachgemäß eingesetzt, wird dieser beschleunigt. Davor warnte bereits der Entdecker von Penicillin, Nobelpreisträger Alexander Fleming: „Es besteht die Gefahr, dass die Mikroben lernen, resistent gegen Penicillin zu werden. Und wenn die Mikrobe einmal resistent ist, bleibt sie auch für lange Zeit resistent. Verlässt sie dann den Körper, könnte sie andere Menschen infizieren, ohne dass Penicillin helfen kann.“ Im Wesentlichen gibt es zwei Mechanismen, die zur Resistenz von Bakterien füh- ren, sagt der Infektiologe Prof. Dr. Ojan Assadian, Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Wiener Neustadt: Induktion und Selektion. „Bei der Induktion verändert sich ein Bakteri- um während einer Antibiotikatherapie und wird resistent. Viel häufiger aber ist die Selekti- on.“ Eine Selektion tritt auf, wenn bei einer Behandlung alle empfindlichen Bakterien ab- getötet werden, eines aber aufgrund einer Mutation übrig bleibt, selektiert wird und sich dann ungehindert vermehren kann. Der Mediziner betont, dass es immer das Bakterium ist, das eine Resistenz gegen ein Antibiotikum entwickeln kann, nicht der einzelne Mensch. „Ein Antibiotikum richtet seine Wirkung ausschließlich gegen den Krankheitser- reger, nicht gegen den menschlichen Körper. Dementsprechend ist nicht der Mensch re- sistent, sondern der Erreger.“ Durch mangelnde Hygiene kann es in weiterer Folge dazu kommen, dass resistente Erreger von einem Patienten zum anderen getragen werden – meist unbemerkt. Solche sogenannten Krankenhauskeime können besonders für immun- schwache Personen gefährlich werden.


Skepsis gegen Antibiotika

Vor allem ein übermäßiger Gebrauch von Antibiotika sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierzucht führt dazu, dass diese gegen bestimmte Erreger ihre Wirkung einbüßen können. Denn auch wenn allgemein bekannt ist, dass Antibiotika gegen Vi- ruserkrankungen wirkungslos sind, wurden und werden sie bei fieberhaften Infekten immer wieder eingesetzt. Nicht zuletzt, weil Patienten danach verlangen und Ärzte sich mitunter dem Druck beugen. „Noch vor zwanzig Jahren haben vor allem viele Mütter bei Fieber oder Unwohlsein ihres Kindes eingefordert, dass der Arzt ein Anti- biotikum verschreibt. Und viele Ärzte haben diesem Wunsch nachgegeben“, sagt Ojan Assadian. „Heute sind die Kinderärzte durch entsprechende Antibiotikaschulun- gen zurückhaltender und wägen fachlich auf hohem Niveau Nutzen und möglichen Schaden gut gegeneinander ab.“ Ein Paradigmenwechsel, so Assadian. Er stellt aber auch fest, dass das Pendel momentan in die andere Richtung ausschlägt: Eltern seien sensibilisiert und aus Angst vor Resistenzen Antibiotikabehandlungen gegenüber häufig skeptisch. Dazu komme das Wissen, dass Antibiotika auch Nebenwirkungen haben. Denn nicht nur die krankmachenden Erreger, auch die „guten“ Bakterien ster- ben ab. Die Darmflora leidet noch monatelang nach einer Behandlung.


Dosis & Einnahmedauer

„Mein Appell an Eltern und Kinderärzte lautet: Kinder, die kein Antibiotikum brauchen, sollen keines bekommen. Kinder, die eines brauchen, sollen unbedingt eines bekom- men. Und Kinder, bei denen ich nicht weiß, ob sie eine bakterielle Infektion haben, sol- len ein Antibiotikum so bekommen, als ob sie sicher eine Infektion haben, also in ho- her Dosis über die volle Therapiedauer.“ Gerade die letztgenannten unsicheren Fälle könnten zu Induktions- und Selektionsphänomenen führen, wenn die Antibiotikumga- be zu kurz oder zu gering ausfällt. „Antibiotika verlangen eine extreme Konsequenz. Ein bisserl Antibiotikum geht nicht.“ Ob Kind oder Erwachsener, immer gilt: Dosis und Einnahmedauer müssen unbedingt eingehalten werden. Selbst wenn die Symptome schnell abklingen, muss das Medikament fertig eingenommen werden. „Sonst ist es möglich, dass das Bakterium zwar angeschlagen, aber nicht komplett abgetötet ist und Überlebensstrategien entwickelt.“


Entwicklung neuer Antibiotika

Steht uns also eine düstere Zukunft bevor, weil Menschen wieder massenweise an In- fektionskrankheiten sterben werden? Ojan Assadian: „Es gibt bereits selten, aber doch Menschen, die an Infektionen sterben, die früher behandelt werden konnten. Was die Zukunft angeht, bin ich aber extrem optimistisch. Durch Corona hat das Ver- ständnis für Infektionskrankheiten zugenommen, außerdem gibt es Antibiotikaschulun- gen in Fach- und Laienkreisen und wieder das Interesse der Pharmaindustrie, neue Antibiotika zu entwickeln.“ Ein Schlüssel gegen Resistenzen seien gute Hygiene, die Vermeidung von bakteriellen Infektionen durch Impfungen und der punktgenaue Ein- satz von Antibiotika. So bleiben sie auch weiterhin die Wunderwaffe, die vor knapp hundert Jahren den Kampf gegen lebensbedrohliche Krankheiten revolutioniert hat.


Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2021