FotoS:  Daniela Führer

SELBSTVERTEIDIGUNG

Täter suchen Opfer – keine Gegner: Wer entschlossen wirkt und die Hände in die Höhe gibt, hat viel gewonnen.

Nicht mit  mir!

Situationen, in denen man sich selbst verteidigen muss, kommen immer häufiger vor. Das fängt aber nicht erst bei der kör- perlichen Verteidigung an, sondern schon viel früher.

Ein Blick genügt. Der Täter weiß sofort, ob es sich um ein Opfer handelt. Es fallen klassische, oft vulgäre Sprüche – und das Gegen- über ist wie versteinert. Der Täter schubst sein Gegenüber und versucht es noch mehr einzuschüchtern. Dann kommt es zum Angriff. Im schlimmsten Fall liegt das Opfer auf dem Boden. Und selbst dann wird immer häufiger noch auf den Kopf oder den Oberkörper getreten. Dieser „Ritualkampf“ ist die häufigste Auseinandersetzung. Soweit muss es aber nicht kommen: In jeder Phase dieses An- griffs kann man sich selbst verteidigen.

Seit einigen Jahren wird Selbstverteidigung immer bedeutsamer. Auch, weil in den Medien häufig von aggressiven Auseinanderset- zungen berichtet wird, bei denen manchmal sogar Waffen zum Einsatz kommen. Selbstverteidigungskurse boomen, sagt Armin Hai- derer, Leiter der Kampfkunstschule in Melk. Besonders nach den Silvester-Übergriffen in Köln im Jahr 2015 sei die Nachfrage nach sinnvoller Selbstverteidigung gestiegen. Die Art und Weise, wie man sich gegen solche Angriffe wehren kann, gibt es jedoch schon sehr lange: Kampfsportarten und Selbstverteidigungssysteme entstanden vor tausenden Jahren.


Körpersprache & Intuition

Die höchste Kunst der Selbstverteidigung sei die, dass der potentielle Täter erst gar nicht auf die Idee kommt, sein Gegenüber anzu- greifen. Das gelingt, indem man ihm das Gefühl gibt, sich im Notfall wehren zu können. Täter suchen sich in fast allen Fällen Opfer und keine Gegner, sagt Haiderer. Sobald der Täter erkennt, dass man sich zur Wehr setzt, sei bereits viel gewonnen. Wie das ge- lingt? Mit einer selbstbewussten Körpersprache und Artikulation.

Dass man in einer unangenehmen Situation steckt, bemerkt man meist schon vor einer tatsächlichen Auseinandersetzung. Die Acht- samkeit spielt hier eine große Rolle – man sollte sich auf seine Intuition verlassen. Wenn es möglich ist, sollte man aggressives Um- feld vermeiden, auch wenn es mit einem Umweg verbunden ist. Anhand kleiner Gesten kann man im Fall der Fälle bereits vor einer Auseinandersetzung feststellen, ob es sich um ein potentiell aggressives Gegenüber handelt: „In den meisten Fällen wird man von jemandem angesehen, angesprochen oder derjenige nähert sich. In all diesen Phasen kann man bereits etwas unternehmen“, sagt der Experte. Ab dem Zeitpunkt, ab dem man sich unwohl fühlt, sollte man die Arme hoch beziehungsweise vor den Körper geben.



Wiederholen hilft

Die besten Hilfsmittel sind die einfachsten und unscheinbarsten „Waffen“ – wie ein Regenschirm. Er eig- net sich für Alt und Jung zur Selbstverteidigung. Armin Haiderer stellt gemeinsam mit seiner Selbstver- teidigungsgruppe in GESUND & LEBEN die wichtigsten Übungen nach. Die meisten nehmen bereits seit Jahren am wöchentlichen Kurs teil. Gerade diese lange Verinnerlichung sei wichtig, um das Gelern- te auch im Ernstfall umsetzen zu können. Warum das so ist? „Bei Selbstverteidigungssituationen handelt es sich immer um Extremsituationen, bei denen man unter großem Stress und Adrenalin steht. Man re- agiert so, wie es der Körper automatisiert hat“, meint Haiderer. Die meisten Selbstverteidigungskurse enden nach ein paar Einheiten wieder – danach könne aber von einer Automatisierung des Körpers noch keine Rede sein, sagt er. So werde man nach einem herkömmlichen Kurs in einer echten Situation trotzdem massiv überfordert und nicht fähig sein, sich richtig zu verteidigen. Die Melker Gruppe hinge- gen ist durch jahrelange Übung für den Alltag gewappnet – auch wenn sich zum Glück keiner von ihnen seit Kursbeginn wieder selbstverteidigen musste.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 01/2020