belastung

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Geteilte Last ist halbe Last

Es sind meistens die Mütter, die in der Familie an alles denken müssen. Diese mentale

Belastung bringt sie oft an ihre Grenzen.

Die Gedankenflut setzt morgens nach dem Aufstehen ein: „Schnell die Jausenbox für die Kinder herrichten. Brot ist auch fast aus, muss ich heute nachkaufen. Das mache ich nach dem Büro, da kann ich auch das Geburtstagsgeschenk für die Oma be- sorgen – der müssen wir außerdem noch für die 80er-Feier zusagen. Apropos Termin: Heute ist Impftermin mit der Großen, da brauch ich einen Babysitter für den Kleinen. Ob der Papa früher von der Arbeit kommen kann …?“ Könnte man in den Kopf einer Familienmutter schauen, würde es vermutlich so oder so ähnlich aussehen.

Vielen Frauen, die sich um Kinder, Haushalt, Familienorganisation und Job kümmern, schwirrt permanent der Kopf. Sie planen, organisieren, schreiben gedanklich nie enden wollende To-do-Listen, haben den Stundenplan der Kinder, den Inhalt des Kühl- schranks und den Terminkalender der ganzen Familie im Kopf. Jeder in der Familie weiß: Mama ist zuständig. Sie ist Schaltzen- trale, Mädchen für alles und Oberbefehlshaberin in Personalunion.

Dass das anstrengend sein kann, ist nachvollziehbar. Viele Frauen leiden unter dieser Dauerbelastung. Dabei sind es nicht allein die zu erledigenden Aufgaben, die sie abends völlig fertig aufs Sofa fallen lassen. Es ist vor allem das An-alles-denken-Müs- sen, das sie unglaublich viel Kraft kostet. Das hat seit einiger Zeit sogar einen Namen: „Mental Load“. „Darunter versteht man die mentale Belastung, die vor allem bei denen entsteht, die sich um andere kümmern, also zum Beispiel bei Müttern“, sagt die deut- sche Autorin Laura Fröhlich. Denn klar ist: Wenn man rund um die Uhr für alles zustän- dig ist, stößt man irgendwann an die eigenen Grenzen.


Nicht von heute auf morgen

Wie sich ein Paar Erwerbsarbeit und die sogenannte „Care Arbeit“, also die Arbeit in der Familie, aufteile, sei höchst individuell, betont Laura Fröhlich. „Wichtig ist aber, dass Care-Arbeit anerkannt und wertgeschätzt wird.“ Das gelte sowohl auf privater Ebene innerhalb der Familie als auch gesellschaftlich. „Als Gesellschaft haben wir eine Verantwortung für Menschen, die sich kümmern. Es gibt viele, zum Beispiel Al- leinerziehende, die an der Belastungsgrenze sind. Für die gilt es einzustehen.“

Eltern, die sich die Verantwortung teilen möchten, bräuchten oft viel Geduld miteinan- der und mit sich selbst. Das gehe nicht von heute auf morgen. „Oft müssen Rollenbil- der hinterfragt und festgefahrene Zuschreibungen diskutiert werden.“ Manche Männer

würden sich damit schwertun, Verantwortung zu übernehmen. Manche Frauen damit, sie abzugeben. „Weil Frauen oft mehr Zeit zu Hause verbringen, werden sie in vielen Familiendingen immer besser und haben dann gewisse Ansprüche. Wenn sie auf de- nen beharren, werden sie die Belastung nie los.“ Frauen, deren Partner nicht bereit sind, ihnen einen Teil der Last abzunehmen, rät Laura Fröhlich: „Schraubt eure An- sprüche runter und überlegt, wo ihr euch das Leben leichter machen könnt.“ Denn nur wer sich von seinem Perfektionismus verabschiede, könne auch die Belastung verringern.


sandra lobnig


interview

Sich den Alltag erleichtern

Die große Belastung vieler Frauen durch Job, Kinder und Haushalt ist nicht neu. Hat sich die Problematik mit Corona verschärft?

Immer schon haben viele Frauen geklagt, dass sie keine Zeit für sich haben. In der Pandemie kommt dazu, dass für viele die Rollenklarheit verloren gegangen ist, die normalerweise durch die räumliche Trennung zwischen der Arbeit auswärts und zu Hause entsteht. Frauen schaffen es nicht mehr, ihre Rollen auseinanderzuhalten. Das bringt sie in innere Konflikte.


Wie gelingt es in einer Partnerschaft, Aufgaben so zu verteilen, dass beide zu- frieden sind?

Beide sollen eine solche Liste mit ihren Aufgaben machen. Und dazuschreiben, welche Gedankenarbeit damit verbunden ist. Man kann die einzelnen Punkte da- nach gewichten, wie viel Zeitaufwand nötig ist oder wie wichtig die jeweiligen Auf- gaben für die Familie sind. Dann wird verglichen und es wird sichtbar, welche Liste länger ist. Beide schauen sich an, wie hoch die Summe von Care-Arbeit und Er- werbsarbeit bei jedem ist und diskutieren, wie sie einen Ausgleich schaffen. Im Ide- alfall wollten ja beide eine Familie, also suchen beide nach Wegen, sich die Aufga- ben gut aufzuteilen. Man sollte aber nicht nur Aufgaben, sondern auch Zeit für sich planen. Das ist ganz wichtig. Wenn Frauen vergessen, auf sich zu schauen,

brennen sie aus. Mit einer ausgebrannten Mama ist der Familie aber nicht geholfen.


Welche konkreten Tipps haben Sie, um sich den Alltag zu erleichtern?

Ein Speiseplan hilft sowohl beim Einkaufen als auch dabei, rationell zu kochen, indem man vorkocht oder einfriert. Er erspart viele Diskussionen am Tisch. Super kann ein gemeinsamer Familienhaushaltseinsatz zum Beispiel am Samstagvormittag funktionieren, bei dem die Kinder Aufgaben übernehmen. Danach belohnt man sich mit einem Eis, einem Ausflug oder ei- nem Spiel. Darüber hinaus sollte man den Kindern und dem Partner etwas zutrauen und akzeptieren, dass sie Dinge anders machen.

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021