DIABETES

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Der unbemerkte Feind

Bei einem von drei Menschen in Österreich bleibt Diabetes unentdeckt. Das kann schwerwiegende

Folgen haben.

     In Österreich geht man von rund 800.000 Menschen mit Diabetes aus, „Tendenz stark steigend!“, zeigt sich Univ.-Prof. Dr. Susanne Kaser, Präsidentin der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG), besorgt. „Mangelnde Bewegung, ungesunde Ernährung und damit einhergehend Übergewicht oder das Metabolische Syndrom sind die häufigsten Risikofaktoren für Diabetes Typ 2“, erklärt die Ex- pertin. „Es wäre also dringend notwendig, unseren Lebensstil zu überdenken. Auch immer mehr junge Leute, darunter Kinder und Jugendliche, erkranken an Diabetes.“ Viele Menschen wissen nichts von ihrer Krankheit, sagt Kaser: „Ein Drittel aller in Österreich lebenden Menschen leidet an Diabetes, ohne dass es ihnen bewusst ist.“ Ein erhöhter Blutzucker verursacht von Beginn an, auch wenn keine Be- schwerden zu spüren sind, Schäden an den Blutgefäßen und Organen.



Diabetes-Vorstufen

Bei Typ-2-Diabetes kommt es zunächst zu einer sich langsam entwickelnden Insulinresistenz: Der Körper produziert (im Gegensatz zu Typ 1) zwar weiterhin Insulin, dieses kann aber im

Körper nicht mehr die volle Wirkung entfalten. Leber-, Muskel- und Fettzellen nehmen weniger Glukose auf, der Zucker kann nicht mehr in genügendem Ausmaß aus dem Blut transportiert werden. Als Ausgleich schüttet die Bauchspeicheldrüse vermehrt Insulin aus, das dem erhöhten Blutzucker entgegenwirken soll. „Irgendwann wird die Insulinresistenz so hoch, dass ein sogenannter Prä- Diabetes entsteht“, betont Kaser. Symptome wie starker Durst, häufiges Harnlassen, Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Waden- krämpfe, Juckreiz oder trockene Haut treten in der Regel erst dann auf, wenn sich der Diabetes bereits manifestiert hat. Bei Men- schen mit Typ-2-Diabetes kann eine Überzuckerung ab Werten von 300 bis 400 mg/dl aufwärts akut gefährlich werden. Das Gegen- teil ist die Unterzuckerung. Der Blutzucker sinkt dann rapide ab. Zu den Symptomen zählen unter anderem vermehrtes Schwitzen, Heißhunger, Blässe, Zittern, Schwindel, Krämpfe, plötzliche Kopfschmerzen, Verwirrtheit – bis hin zur Apathie und Bewusstlosigkeit. „Auch das Risiko für Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkt steigt“, warnt Kaser. Wichtig ist, schnell Kohlenhydrate zu sich zu neh- men, zum Beispiel in Form von Traubenzucker oder Fruchtsäften.


Gefäßschädigungen

Ein über Jahre bestehender hoher Blutzucker hat auch langfristige Auswirkungen. Folge- bzw. Späterkrankungen stellen für die meis- ten Menschen mit Diabetes die größere Herausforderung dar als die Zuckerkrankheit selbst. Diabetiker haben ein hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Ein hoher Zuckergehalt im Blut hat Ablagerungen in den Gefäßen zur Folge, sodass die Blutversor- gung nicht mehr ausreichend möglich ist“, erklärt die Ärztin. Diese Durchblutungsstörungen können im Herzen unter anderem Infark- te, im Gehirn Schlaganfälle und in den Beinen zur peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, auch „Schaufensterkrankheit“ genannt, führen. Nervenschädigungen treten besonders häufig an den Beinen und Fußsohlen auf, wie beim sogenannten diabetischen Fuß. Die Durchblutungsstörung stört die Wundheilung. Im schlimmsten Fall stirbt das Gewebe ab, dann ist eine Amputation notwendig.


Nieren & Augen

Liegt eine Mikroangiopathie, also eine Schädigung der kleinen Gefäße, vor, hat dies auch ernsthafte Folgen für Niere und Augen. Bei der Niere kommt es zu einer Verdickung ihrer Wände und zum Eiweißverlust. Die Folge: Der gesamte Wasser- und Salzhaushalt des Körpers gerät außer Gleichgewicht, das Blut kann nicht mehr von Abfallstoffen befreit werden. Bei fehlender Therapie kann es zum Nierenversagen kommen. Menschen mit Diabetes sollten auch regelmäßig zum Augenarzt gehen. „Zunächst unbemerkt, kommt es mit Fortschreiten der Krankheit zu immer schlimmer werdenden Sehstörungen bis hin zur Erblindung – sofern nicht rechtzeitig behan- delt wird!“, warnt Kaser. Diese sogenannte „diabetische Retinopathie“ tritt bei über einem Drittel der Menschen mit Diabetes auf. Aber man kann vorbeugen, betont Expertin Kaser: „Mit einer gut eingestellten medikamentösen Therapie, einer ausgewogenen Er- nährung und viel Bewegung lässt sich das Risiko für all diese Folgekrankheiten deutlich reduzieren!“ Dafür muss man Diabetes aber ernstnehmen. Die Krankheit mag zwar oftmals einen süßen Ursprung haben, sie selbst ist es aber keinesfalls.


Stefan Stratmann

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020