HÖREN

Die Nutzung von Hörgeräten kann die Neigung zu Demenzerscheinungen wesentlich reduzieren.

fotoS: istockphoto/ RapidEye, donauuniversität Krems

Neue Hilfe gegen Demenz

Demenzerkrankungen gehören zu den am meisten gefürchteten Begleiterscheinungen des Alterns. Eine amerikanische Studie empfiehlt hörbeeinträchtigten Personen Hörgeräte, um Demenz zu vermeiden.

Menschen über fünfzig fürchten sich vor Demenz mehr als vor Krebs.“ So zitiert Univ.-Prof. Dr. Stefanie Auer eine Studie aus Norwegen, die sie für bemerkenswert hält. Auer ist wissenschaftliche

Leiterin der österreichischen „MAS Alzheimerhilfe“ und leitet die Demenzstudien an der Abteilung für Kli- nische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin an der Donau-Universität Krems. Mit den meisten Risikofaktoren für Demenz müssen wir uns abfinden, sagt sie – etwa 35 Prozent, also mehr als ein Drit- tel, sind aber  beeinflussbar.

Während beispielsweise Bewegung und ein reges geistiges und soziales Leben als Demenz-Vorbeu- gung allgemein empfohlen werden, wurden Hörprobleme in diesem Zusammenhang bisher kaum the- matisiert. Amerikanische Wissenschaftler präsentierten nun aber Ergebnisse einer Langzeitstudie, bei der an über zehntausend Männern über 62 Jahren Risikofaktoren für Demenz untersucht wurden. Dabei berichteten die Testpersonen mit Hörproblemen auch vermehrt von Einschränkungen der kognitiven Leistungen. Das Nutzen von Hörgeräten konnte diese Neigung zu Demenz-erscheinungen wesentlich reduzieren.


Demenz – sich selbst verlieren

Mit zunehmendem Alter schwinden langsam die kognitiven Fähigkeiten. „Aber nicht jede Vergesslichkeit ist Demenz“, beruhigt Auer. Nur wenn diese Entwicklung durch krankhafte Prozesse beschleunigt wird, spricht man von dieser Krankheit. Jeder neunte Senior über 65 Jahre ist an einer Form von Demenz er- krankt – die weitaus häufigste Form der Demenzerkrankung ist Alzheimer. Heute unterscheidet man de- generative Demenz wie Alzheimer oder Parkinson von vaskulärer Demenz, sowie von sekundärer De- menz in Folge einer anderen Erkrankung.

In Niederösterreich wurde bei über 5.600 Menschen Demenz diagnostiziert, laut „Österreichischem De- menzreport“ sind das aber nur 20 bis 30 Prozent der tatsächlich Erkrankten. Das ist für Betroffene und deren Angehörige eine Belastung, stellt aber auch einen sozialökonomischen Faktor dar: Die aktuellen Kosten weltweit wurden 2015 auf 818 Milliarden US-Dollar geschätzt. „Das Lebensalter ist der größte Ri- sikofaktor für Demenz“, sagt Auer. „Ich habe aber auch schon 25-jährige Personen getroffen, die eine klassische Demenz haben.“ Andere häufig kommunizierte Risikofaktoren sind Bluthochdruck, hohe Blut- fettwerte, Übergewicht, Rauchen, Diabetes oder Alkoholmissbrauch. Von der weiteren Erforschung der Risikofaktoren, wie sie zum Beispiel auch die Donau-Universität Krems betreibt, erhofft man sich neue Erkenntnisse für Diagnose, Vorbeugung und Behandlung.


Hören – eine kognitive Leistung

Auch zunehmende Hörprobleme gehören zu den typischen Begleiterscheinungen des Älterwerdens. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO ist weltweit jeder Dritte über 65-Jährige von Schwerhörigkeit be- einträchtigt. In Österreich könnte es sogar jeder Zweite sein, schätzt das Bundesministerium für Gesundheit.

Das menschliche Hörorgan ist die Hörschnecke, auch Cochlea genannt. Dort wird der akustische Schall in Nervensignale umgewandelt. Ein wesentlicher Teil des Hörens findet aber erst statt, wenn diese Ner- vensignale die „auditorische Hirnrinde“ und weitere höhere Areale des Gehirns erreichen. Das Gehirn entschlüsselt aus den Informationen der Sinneszellen vielfältige Informationen, auch die Bedeutung von Geräuschen oder Sprache. Hörprobleme können also im Ohr entstehen, aber auch reduzierte, kognitive Fähigkeiten können sich auf Hörwahrnehmung und das Sprachverstehen auswirken. Doch auch eine eingeschränkte Funktion des Hörorgans selbst scheint ein erhöhtes Risiko für Demenzerkrankungen zu bedeuten. Eine Vielzahl internationaler Studien zeigt, dass es zwischen Schwerhörigkeit und kognitivem Abbau einen Zusammenhang gibt. Wissenschaftler waren bisher uneinig, ob die Hörprobleme ein frü- hes Vorzeichen für später auftretende kognitive Einschränkungen sind oder ob die Hörprobleme diese kognitiven Einschränkungen verursachen.


Hören ist Prävention gegen Demenz

„Ist nicht so wichtig – diese Antwort hasse ich, wenn ich nachfragen muss“, seufzt eine Schwerhörige. So reagieren viele Betroffene, berichtet eine Pflegefachkraft: „Viele Bewohner im Pflegeheim hören schlecht. Wenn sie im Gespräch falsch antworten, ist ihnen das peinlich oder sie haben Angst, dass man sie für dement hält. Sie vermeiden Gesellschaft; oft werden sie dann einsam, depressiv – und er- scheinen dann wirklich auch zunehmend verwirrt.“ Demenzspezialistin Auer erklärt in Bezug auf Präven- tion: „Eines der wichtigsten Dinge ist die soziale Gesundheit. Es ist wichtig, dass wir Einsamkeit verhindern!“

Auch die sogenannte Lancet-Studie, eine internationale Studie über Prävention, Intervention und Pflege bei Demenzerkrankungen, nennt Depressionen und soziale Isolation als relevante Risikofaktoren des Al- ters für die Entstehung von Demenz. Als höchstes vermeidbares Demenzrisiko mit immerhin neun Pro- zent ist Hörverlust angeführt, und das schon ab der Lebensmitte.

Auch die britische „Ear Foundation“ folgert in einer Informationsschrift über Demenz: „Kommunikation und Sozialkontakte sind wichtig für kognitive Gesundheit und zur Vermeidung von Demenz.“ Die neuen Daten aus den USA zeigen die tatsächliche Auswirkung: So wurden bei den Testpersonen mit leichten Höreinbußen um 30 Prozent mehr Hinweise auf die Entstehung einer Demenz festgestellt als bei Normal- hörenden, bei hochgradig schwerhörigen Testpersonen sogar um 54 Prozent mehr. Bei den hochgradig schwerhörigen Nutzern von Hörgeräten war das erhöhte Demenzrisiko aber wieder um knapp ein Drittel geringer.




Mira Hofer

erschienen in GESUND & LEBEN 01/2020