Tierbesuch

Frauen-Power im Pflege- und Betreuungszentrum Wolkersdorf: (v.l.) Kerstin Wagner (Direktor-Stellvertreterin), Birgit Kitzberger (Managerin Ehrenamt und Alltagsbegleitung), Maria Pitz (Leite- rin Pflege und Betreuung) und Petra Petz (Ehrenamt und

Alltagsbegleitung)

Vor allem den älteren Damen haben es

die flauschigen Schmeichler angetan.



fotoS: Günter kalchbrenner, eMil JoVanoV

Flauschige Schmeichler

Die Pflege- und Betreuungszentren in NÖ freuen sich immer über tierischen Besuch. Was dahinter steckt, hat sich GESUND & LEBEN in Wolkersdorf genau angesehen.

An diesem herrlich warmen Spätsommertag herrscht dichtes Gewusel. Die Gehsteige am Wolkersdorfer Stadtrand sind gut fre- quentiert. Natürlich weitgehend mit dem nötigen Abstand, welcher der Corona-Pandemie geschuldet ist. Auf der einen Straßen- seite haben Kinder und Jugendliche eben einen Schultag hinter sich gebracht und sind am Weg nachhause. Auf der anderen Straßenseite sieht man auffällig viele Pensionistinnen und Pensionisten im Haupteingang eines Gebäudes verschwinden. Beim Näherkommen erkennt man den Grund: Es ist das neue NÖ Pflege- und Betreuungszentrum (PBZ) in Wolkersdorf. Im Innenhof sind Tische und Bänke aufgebaut. Langsam füllt sich der schattige Bereich mit Menschen. Der Grund? Heute ist seltener tieri- scher Besuch angesagt: Alpakas. Sie stammen ursprünglich aus Südamerika und haben ihre Heimat mittlerweile in eigenen Far- men in Niederösterreich gefunden. „Voriges Jahr waren die Alpakas das erste Mal bei uns. Sie sind gut angekommen und daher sind sie auch heuer wieder zu Gast“, erzählt Birgit Kitzberger. Als Managerin für die Bereiche Ehrenamt und Alltagsbegleitung ist sie für die Organisation von Tierbesuchen verantwortlich.

Jedes Jahr sind mehrere Besuche geplant, erklärt Kitzberger: „Die Bewohnerinnen und Be- wohner reagieren auf Tiere im Allgemeinen sehr positiv, auch Personen mit Demenz.“ Seit rund acht Jahren kommt daher ein Besuchshund mit seiner Besitzerin, einer Pensionistin, ein- mal pro Woche ins PBZ Wolkersdorf – ehrenamtlich. In der Wohngruppe kann ihn jeder strei- cheln und mit ihm kuscheln. Ansonsten hat er sechs fixe Bewohner, die ein inniges Verhältnis zu ihm aufgebaut haben und die er einzeln besucht. „Er ist ein Besuchshund und kein Thera- piehund, denn sonst müsste er bestimmte Auflagen erfüllen“, sagt Birgit Kitzberger. Mit Pau- se verbringt der gutmütige und wohlerzogene Labrador bis zu sechs Stunden im Haus.


Vermitteln & öffnen

Die Tiere nehmen eine Vermittlerrolle zwischen den Menschen ein, um einfacher in Kontakt zu treten, weiß Kitzberger: „Man kommt viel leichter ins Gespräch.“ Das beginne schon beim Kennenlernen, wenn man fragt, wie der Hund heißt und ob man ihm Leckerlis geben dürfe. Aber auch zwischen den Bewohnern werden so immer wieder Plaudereien angestoßen. „Tie-

re sind Vermittler und öffnen die Tür zur Seele des Menschen“, fasst die Expertin zusammen. Und sie reißen die Bewohner aus dem Alltag heraus.  In allen Pflege- und Betreuungszentren des Landes seien Tierbesuche heiß ersehnt, meint Birgit Kitzberger. Interessenten sollten sich beim nächstgelegenen PBZ melden. „Bei uns sind auch jederzeit Besuche von Angehörigen mit ihren Tieren möglich.“ So wären Papageie, Hunde und Katzen schon öfter als tierische Begleiter mit dabei gewesen. „Natürlich sind diese Besuche derzeit in Hinblick auf Corona immer von der aktuellen Situation abhängig“, ergänzt die stellvertretende Direkto- rin Kerstin Wagner. Von dem Projekt der Tierbesuche, das eine Bereicherung des Angebotes im PBZ darstellt, ist sie begeistert: „Ein Vorteil ist auch, dass die Betreuung der Tiere extern erfolgt.“

Was ist nun das Besondere an Alpakas? „Sie lösen beispielsweise keine Allergien aus“, sagt Birgit Kitzberger. Ihr Aussehen ist bei uns noch nicht so bekannt und sie sind sehr gutmütig: „Man merkt auch sofort, wenn sie unruhig werden, und macht dann eine kleine Pause.“ Endlich sind Benni und Pepper – so heißen die beiden Alpakas – angekommen. Sie wohnen mit ihren Betreu- ern im nahen Riedenthal. Damit kommt Bewegung in die Szenerie im schattigen Innenhof. Die ersten Personen

stehen auf, um die beiden Tiere aus der Nähe zu betrachten. Rund 60 Bewohnerinnen und Bewohner des PBZ sind im Hof ver- sammelt. Es wird gegessen, getrunken, geplaudert. Und viele können gar nicht genug von Benni und Pepper bekommen. Da wird gekuschelt und gestreichelt und eifrig an der Leine spazieren geführt. Vor allem den älteren Damen haben es die

flauschigen Schmeichler angetan. „Du bist ja ein Schönling“, meint eine Dame und schmiegt ihre Wange an Benni. Vor lauter Dankbarkeit ob der vielen Zuneigung verteilen die beiden Alpakas sogar Küsschen.


Ein anregender Tag

„Wir haben diese schönen Tiere schon in Kärnten gese- hen“, erinnern sich Edith und Erwin Spiel. Sie strahlen. Auch Rose und Helmut Loibl hatten bereits Kontakt mit dieser Kamelform: „Wir kennen sie aus der Wachau. Es sind sehr liebe Tiere – man muss keine Angst vor ihnen haben.“ Und die hat an diesem Tag niemand, wie es scheint. Auch nicht Josefa Beck, obwohl es für sie das erste Zusammentreffen mit einem Alpaka ist. „Für mich ist das ein sehr anregender Tag, denn ich sehe die Tiere das erste Mal aus der Nähe“, freut sie sich: „Sie lächeln einen an – das gefällt mir.“ Einen Spaß kann sie sich da- bei nicht verkneifen und meint schelmisch, dass sie

auch ein wenig unhöflich sind: „Ich habe ihnen ein Aufstrichbrot angeboten, aber das wollten sie nicht.“

In den zwei Besuchsstunden werden sie noch dutzende Fotoshootings mit den Smartphones der Bewohnerinnen und Bewohner hinter sich bringen. Sie werden immer cool und lässig bleiben – das liegt in ihrer Natur. Und außerdem: Warum sollten sie es nicht genießen, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen und gestreichelt, liebkost und bewundert zu werden? Wer würde da nicht gerne zum Alpaka werden?


Heinz Bidner

erschienen in GESUND & LEBEN 11/2020