BRUSTKREBS

Nicole Kultau mit ihrem Sohn Justin

Foto:Henriette Scheibner

„Ich bin Mama – und habe Krebs!“

Die Diagnose Brustkrebs stellt für jede Frau ein einschneidendes Erlebnis dar. In GESUND & LEBEN erzählt Nicole Kultau über die Doppelrolle als Brustkrebs-Patientin und Mama.

Brustkrebs unterscheidet nicht: Die Krankheit kann reife sowie junge Frauen treffen, begeisterte Sportlerinnen oder Couch-Potatoes, Ehefrauen, Singles und natürlich auch Mütter. Als bei Nicole Kultau, heute 50 Jahre alt, vor neun Jahren „erblich bedingter Brust- krebs“ diagnostiziert wurde, war ihr Sohn Justin gerade einmal 13 Jahre alt. Justin ist ein frühkindlicher Autist, Tetraspastiker, seh- und sprachbehindert „mit allen Einschränkungen und Folgeschäden, die dazugehören“, erklärt Nicole im Interview. „Hier im Einzel- nen aufzuzählen, was meinem Sohn alles nicht möglich ist, wird seinem sonnigen Wesen nicht gerecht. Justin ist ein fröhlicher und ausgeglichener junger Mann mit speziellen Bedürfnissen an mich und seine Umwelt.“


Können Sie sich noch an den Moment der Diagnose erinnern?

Das Ergebnis erfuhr ich am Telefon, als sich die Krankenschwester beim Sichten meiner Unterlagen mit ei- nem „Oh Gott!“ verplapperte. Ab diesem Moment war ich im Fallen. Mir war gleichzeitig heiß und kalt und nichts um mich herum schien mehr real zu sein. Ich hatte Angst, dass ich nun sterben muss. Ich habe lange gebraucht, diesen Schock mental zu verarbeiten.


Wie ging es weiter?

Aufgrund der Aggressivität wurde mir eine Chemotherapie vor der OP empfohlen. Anschließend wurden eine brusterhaltende Tumorentfernung und eine Bestrahlung durchgeführt. Während der Bestrahlung fing ich be- reits mit einer Antihormontherapie an, die über sieben Jahre lang andauerte, sowie einer speziellen medika- mentösen Behandlung, um die Bildung von Knochenmetastasen zu verhindern. Zudem ließ ich meine Eier- stöcke entfernen, um das Risiko einer erneuten Krebserkrankung zu verringern. Jede dieser Behandlungen bringt ihre Nebenwirkungen mit sich. Ich war froh um jeden Behandlungsschritt, den ich beginnen und auch wieder beenden konnte.


Wie haben Sie die Krankheit Justin beigebracht?

Als Autist verfügt mein Sohn über sensible Antennen, was Stimmungen angeht. So verlief das erste Ge- spräch mit ihm bereits kurze Zeit nach meiner Diagnose, um ihm aufkommende Unsicherheiten und Ängste zu nehmen. Ich erklärte ihm, dass ich sehr krank bin und er dies mit der Zeit auch sehen würde, da ich eine starke Medizin erhalten werde, die mich wieder gesund machen wird. Wegen der Medikamente werde ich bald keine Haare mehr am Kopf haben, meinte ich. Trotz seiner geistigen Behinderung konnte mein Sohn durchaus den Ernst der Lage erfassen, da er in den davorliegenden Jahren umfassende Operationen mit langen Klinikaufenthalten bewältigen musste. Ich schenkte ihm Mut und Zuversicht bei diesem und folgen- den Gesprächen, indem ich ihm versicherte, dass wir alles gemeinsam bewältigen werden und immer je- mand für ihn da sein wird, wenn es mir nicht möglich sein sollte. Wir Mütter wollen nicht nur für uns überle- ben, sondern auch für unsere Kinder. Somit sind sie ein unglaublicher Motivator für uns, immer einen Schritt weiterzugehen.


Wie hat sich Ihr Alltag aufgrund der Behandlungen verändert?

An den Tagen, an denen es mir gut ging, sorgte ich dafür, dass unser Alltag trotz allem möglichst normal ver- lief. Mein Sohn brauchte weiterhin seine Therapien und hatte Kontrolltermine in einem hunderte Kilometer entfernten Zentrum, in dem er in den zwei vorangegangenen Jahren mehrfach operiert wurde. Ein Thera- piestopp hätte alle Anstrengungen zunichtegemacht.


Sie haben sich also auch während dieser schweren Zeit immer hintangestellt?

Mein Sohn steht immer an erster Stelle. Aber: Wenn man für sich selbst keine Fürsorge empfindet, trägt man auch keine Kraft und Motivation in sich, um sich intensiv um eine schutzbefohlene Person zu kümmern. Es funktioniert nur in einem gewissen Gleichklang. Nicht immer einfach zu lösen, aber danach fragt das Leben nicht.


Gab es einen speziellen Moment mit Ihrem Sohn, der Sie besonders berührt oder bestärkt hat?

Unzählige! Das konnte ein gemeinsames Lachen oder Kummer-von-der-Seele-Weinen sein. Oder eine inten- sive Begrüßung, als wir uns nach meinen Operationen zum ersten Mal wieder begegneten. Oder wenn mein Sohn mir in der Öffentlichkeit mein Tuch vom Kopf zog, um allen zu zeigen, wie schön seine Mama ist. Da steckt so unfassbar viel Liebe in diesen kleinen und doch großen Momenten.


Wie geht es Ihnen heute?

Abgesehen von den Spätfolgen geht es mir gut. Da meine Brustkrebserkrankung Hormonrezeptor-positiv war, besteht auch über die fünf Jahre Heilungsbewährung hinaus ein Risiko, an Metastasen zu erkranken. Bislang hatte ich Glück. Ich mache zudem ein regelmäßiges Hautkrebsscreening und kümmere mich um meine Darmkrebsvorsorge.


Ihr wichtigster Ratschlag an Mütter mit Brustkrebs?

Sobald sich der erste Schock über die Diagnose gelegt hat, benötigen unsere Kinder zeitnah altersgemäße Informationen und Antworten von uns, da sie Veränderungen in der Familie meist intuitiv erfassen. Wenn wir unseren Kindern in Gesprächen authentisch vermitteln können, dass wir mit der neuen Lebenssituation gut zurechtkommen, gelingt es auch ihnen besser, mit ihr umzugehen. Dabei haben wir die Möglichkeit, Bera- tungsangebote oder eine therapeutische Begleitung für unsere Kinder zur Reflexion zu nutzen. Ich möchte allen Betroffenen Mut machen, diese Schritte zu tun!


Stefan Stratman

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020