Vorsorge Aktiv Junior

FotoS: PHILIPP MONIHART, SABINE ZELLER

„Keine Kalorien zählen!“

Jedes vierte Kind in Österreich ist übergewichtig. Eines davon ist Benedikt. Mit »Vorsorge Aktiv Junior« hat er es geschafft, gesünder zu leben. Seine ganze

Familie macht nun mit.

Benedikt Haiden ist ein fröhlicher und zielstrebiger Bub. Der Elfjährige geht in die erste Klasse der Mittelschule Böheimkirchen. Er lacht und plaudert gerne, bewegt sich viel im Freien und hat eine gewinnende Art. Und doch gibt es etwas, das den munteren Knaben manchmal nachdenklich stimmt. Das betrifft aber nicht nur ihn, sondern etwa jedes vierte Schulkind in Österreich, wie Untersuchungen belegen. Die Rede ist vom Übergewicht. In der Schule ist das für ihn kein großes Thema – er hat nette Klassen- kameraden und versteht sich gut mit ihnen. Benedikt hat sich mit Unterstützung seiner Familie jedoch aus gesundheitlichen Grün- den im Herbst 2019 entschieden, seinen Lebensstil zu ändern. Aber: Wie kann ein Kind so etwas Schwieriges schaffen, an dem selbst Erwachsene häufig scheitern?

GESUND & LEBEN trifft Benedikt mit seiner Mutter Monika Hai- den auf einem Spielplatz in seiner Heimatgemeinde Kirchstet- ten. Hier haben die beiden auf einer Sitzgarnitur bereits eine kleine Jause aufgetischt: ein Apfelbrot mit getrockneten Zwetschken. Dazu gesellt sich ein Dip mit frisch aufgeschnitte- nem Paprika. Daneben liegen Äpfel aus dem eigenen Garten. Monika Haiden erzählt, wie alles begonnen hat. „Mein Sohn ist ein wenig übergewichtig. Ich habe daher nach einem geeigne- ten Abnehmprogramm für ihn gesucht und bin auf »Vorsorge Aktiv Junior« gestoßen.“ Sie hat Kontakt aufgenommen und er- fahren, dass im November 2019 ein Online-Jahreskurs startet: „Das war perfekt für uns!“


Obst & Gemüse

Die Haidens fackeln nicht lange und melden Benedikt bei »Vorsorge Aktiv Junior« an. Alle 14 Tage – bis in den Sommer 2020 hinein – findet abends ein rund einstündiges Videochat- Gruppentreffen mit Gleichgesinnten und einem der drei Be- treuer statt. Dabei geht es um die drei Säulen Ernährung, Be- wegung und psychosoziale Faktoren. In den Einheiten werden auch Aufgaben verteilt, die bis zum nächsten Treffen umge- setzt werden sollen: „Zum Beispiel, fünfmal am Tag Obst und Gemüse essen. Ein anderes Mal sollte man sich ein eigenes

Bewegungsprogramm zusammenstellen“, erklärt Monika Haiden: „Und einmal eine größere Wanderung machen und ein Foto da- von schicken oder beispielsweise 10.000 Schritte am Tag schaffen.“ Da Bewegung wichtig ist, gibt es sogar Turnstunden vor dem Computer: „Der Betreuer hat online vorgeturnt und die Kinder haben zuhause mitgemacht.“ Insgesamt werden die Themen kin- dernah präsentiert, fasst die Mutter zusammen: „Hier werden keine Kalorien gezählt. Den Kindern soll einfach bewusst gemacht werden, in welchen Produkten wie viele versteckte Fette und wie viel versteckter Zucker drinnen sind.“ Die Kinder lernen Schritt für Schritt einen gesunden Lebensstil kennen und verinnerlichen. Überzeugt vom Programm ist auch Sohn Benedikt, der nun viel mehr Bewegung macht als früher.


Motivationscamp

Benedikt hat ein Fotoalbum aufgeschlagen, in dem seine Er- lebnisse aus dem »Vorsorge Aktiv Junior«-Motivationscamp gesammelt sind. Das hat er im Sommer auf Schloss Sooß zu- sätzlich absolviert. Sein Blick fällt dabei auf eine Übersicht des Tagesablaufs während des knapp zweiwöchigen Kurses. „Um 8 Uhr gab es ein Frühstücksbuffet“, erzählt er. Dabei wurde darauf geachtet, dass nicht zu viel gegessen wird. Nach einer kurzen Pause folgte für die rund 20 Kinder ein 90- minütiges Bewegungsprogramm, danach eine Obst-Jause. Um 11 Uhr fand meist eine einstündige Unterrichtseinheit zum Thema Ernährung statt. „Zum Mittagessen gab es nur eine Portion – dazu immer Salat oder Gemüse“, erinnert sich Bene- dikt. Nach einer Ruhepause ging es dann um 14:30 Uhr zum Nachmittagsprogramm, das aus zwei Aktivitäten bestand – unterbrochen nur durch eine kurze Jause. „Wir sind manch- mal schwimmen gegangen oder Volleyball spielen. Wir haben

gebacken, gezeichnet, getöpfert, gebastelt und vieles mehr“, strahlt Benedikt. So viel hätte er in den Ferien in dieser kurzen Zeit zuhause nicht erle- ben können. Nach dem Abendessen ging es um 19:30 Uhr zum Abendprogramm. Auch das war ab- wechslungsreich: Sackhüpfen, Spieleabende, Casi- no-Abend mit Spielgeld oder Theater. Eines der Highlights war für Benedikt ein Ritterturnier, bei dem die Gegner auf selbst gebastelten Stecken- pferden und einer langen trockenen Nudel in der Hand aufeinander zuritten. Sieger war, dessen Teigware dabei nicht abbrach. Bettruhe war um 22 Uhr. Gab es etwas, das es nicht gab? Benedikt muss erst einmal überlegen: „Ja, es gab in diesen zwei Wochen keinen Fernseher. Und auch die Han- dynutzung war mit zweimal 20 Minuten pro Tag streng begrenzt.“ Das war aber kein Problem für ihn. Auch das Heimweh hielt sich ob der guten Un- terhaltung in Grenzen.


Eltern als Vorbild

Was haben der Kurs und das Camp für Benedikt gebracht? „Der Junge hat zwar kaum Gewicht ver- loren, aber das war auch gar nicht das Ziel“, erklärt seine Mutter. Viel mehr liegt ihr daran, dass ihr Sohn das Gewicht hält und im Auge hat, wie wich- tig ein gesunder Lebensstil ist. Denn das sei der Hebel zum Erfolg: Im letzten Jahr ist Benedikt etli- che Zentimeter gewachsen, was im Endeffekt ei- nem Abnehmen gleichkommt. „Wenn das so wei- tergeht, sind wir zufrieden“, meint sie.

Was hat sich in der gesamten Familie geändert? „Meinem Mann und mir ist nun bewusster, wie wichtig ein gesunder Lebensstil ist – und das den Kindern auch vorzuleben“, sagt Monika Haiden. „Wir essen mehr Obst, selbstgemachte Smoothies, Gemüse und Salate – besonders Benedikt. Er weiß, dass er das Verlangen nach Süßem mit Äpfeln und Birnen decken kann.“ Wobei: „Eine Handvoll Scho- kolade ab und zu ist okay, aber nicht, um damit den Hunger zu stillen.“

Durch Corona fühlt sich Benedikt übrigens kaum eingeschränkt. Außer, dass es je nach Infektions- zahlen weniger Turnunterricht in der Schule gibt, was ihn ärgert. Dafür hält er sich in seiner Freizeit fit. Er hat längst einen Schrittzähler, um seine Aktivi- täten noch besser selbstständig planen zu können. Das Ziel: Trotz Schule und Hausaufgaben wochen- tags möglichst 5.000 Schritte am Tag zu gehen und am Wochenende 10.000. Ob Radfahren, eine Run- de spazieren oder ein Fußballmatch mit einem Freund – Benedikt wird am Ball bleiben. Auch in Zukunft. Dessen ist er sich sicher.


Heinz Bidner

erschienen in GESUND & LEBEN 01+02/2021