im porträt

Ingrid Wendl ermuntert zu

einem aktiven Leben:

„Bewegung hilft immer.“

Als strahlender Star bei der

Eisrevue in Passau im

Jahr 1968

Ingrid Wendl mit ihrem Mann, dem Fagottisten und

Dirigenten Milan Turkovic (rechts) Bei den

Olympischen Winterspielen in Cortina d‘Ampezzo,

wo sie die Bronzemedaille holt.


Ein bewegtes Leben

Spitzensportlerin, TV-Moderatorin, Politikerin, Aktionspatin: Ingrid Wendls Werdegang ist bunt und vielfältig.

Zuerst war da nur ein kleiner Schatten. Er lag wie ein dunkler Strich auf dem Eis. ‚Schau, da drüber spring jetzt‘, ermutigt mich mein erster Eislauflehrer. Ich steh ganz starr und wachse förmlich ins Eis hinein. ‚Geht nicht‘, sage ich verzagt. ‚Macht nichts – vielleicht morgen!‘ Einige Morgen sind sicher vergangen, aber an einem Übermorgen habe ich einen weiten Anlauf genommen, bin tief in die Knie gegangen und abgesprungen. Ganz leicht war ich da oben in der Luft, und der Schatten, über den ich ge- sprungen bin, der hat mich weder erschreckt, noch konnte er mich aufhalten.“ Die Grande Dame des Eiskunstlaufs denkt gerne an ihre Anfänge zurück. Niemand konnte sie aufhalten: Ingrid Wendl ist die jüngste Olympiamedaillengewinnerin Österreichs: Bronze 1956, mit 15 Jahren. Und die bislang erfolgreichste Eiskunstläuferin des Landes. Obwohl „La Wendl“ ihre Profikarriere vor 50 Jahren beendet hat, ist sie vielen nach wie vor als strahlende Eisprinzessin in Erinnerung.


Karriere am Eis

Das Strahlen hat Ingrid Wendl nicht verloren. Ihre Augen leuchten, wenn sie über das Eislaufen spricht. Aufgewachsen im dritten Wiener Gemeindebezirk hatte sie es nicht weit zum Wiener Eislaufverein, wo sie jahrelang trainiert. „Ich war immer schon faszi- niert von Musik. Und diese Liebe zur Musik hat mich motiviert, täglich beim Training mein Bestes zu geben.“ Zum Abschluss je- den Trainings darf sie eine halbe Stunde zu Musik frei laufen. Da kann sie ausprobieren, was sie an Ideen für die nächsten Cho- reografien hat. Mit 15 Jahren gehört Ingrid Wendl zu den besten Eiskunstläuferinnen der Welt. Und auch zu den beliebtesten: Bei der Wahl zum Sportler/zur Sportlerin des Jahres wird sie 1958 als beste Dame gekürt (hinter den Skiläufern Toni Sailer und Andre- as Molterer). Nach etlichen Medaillen und Erfolgen macht Ingrid Wendl den Abschluss im Humanistischen Gymnasium und wird Star der Wiener Eisrevue und der US-Show „Ice Capades“. In zwölf Tourneejahren in Europa und den USA, mit bis zu 400 Vorstel- lungen im Jahr, wächst das Mädchen zur jungen Frau heran. Mit 31 Jahren zieht sich die charismatische Eiskunstlady vom Sport zurück.


Chancen ergreifen

Auch nach ihrer aktiven Karriere bleibt Ingrid Wendl dem öffentlichen Leben treu. 1972 wird sie freie Mitarbeiterin beim ORF, wo sie als Programmsprecherin und später als Kommentatorin von Eiskunstlauf-Großereignissen tätig ist. Ihrem Charisma kann sich das Publikum auch hier nicht entziehen: 1990 erhält sie eine Romy als beliebteste Sportmoderatorin. Sie präsentiert große Live- Shows, ist Mitglied in Robert Lembkes „Was bin ich?“-Rateteam und interviewt im „Seniorenclub“ mehr als 400 Gäste. Seit 1993 ist sie mit dem Fagottisten und Dirigenten Milan Turkovic verheiratet. Von 2002 bis 2006 ist Ingrid Wendl Abgeordnete zum Natio- nalrat für die ÖVP. Ein Werdegang – bunt und vielfältig wie sie selbst: „Über den eigenen Schatten springen und suchen, ob nicht in neuen Dingen, vor denen ich Angst habe, eine tolle Chance liegt. Das war immer mein Lebensmotto.“ Stetig etwas anderes ver- suchen, die Komfortzone verlassen, auf zu unbekannten Ufern: „Ob Wettkampfsport, Showbusiness oder Politik – ich habe wert- volle Erfahrungen gemacht. Es ist eine schöne Kraft, die man in allen Bereichen entwickeln kann.“


Geglückt & glücklich

Vieles im Leben der Ingrid Wendl ist geglückt. Sie strahlt Herzlichkeit und Zufriedenheit aus, ist trotz aller Erfolge nicht abgeho- ben. „Ich habe ein Leitbild von mir, wie ich sein will: Ein Mensch, gut gelaunt, der Freude signalisiert, der jemanden anstrahlen und in die Augen schauen kann.“ Als Kind ist ihr Leitbild ein anderes, nämlich Weltmeisterin werden. Auf dieses Ziel arbeitet sie hin. Das Training ist hart, die Rivalität groß. „Beim Lernen der Kunststücke habe ich kein einziges Mal gedacht, das kann ich nicht. Ich habe geübt, bis ich es konnte. Es ist doch ein Geschenk für einen Menschen, wenn er frühzeitig merkt, dass er sich auf sich selber verlassen kann.“ Die Eiskunstlady empfindet es als großes Glück, damals mit Hanna Eigel und Hanna Walter zwei gleich starke Trainingspartnerinnen und Konkurrentinnen zu haben. „Wir haben uns gegenseitig gepusht.“ Die Konkurrenz ist hilfreich: „Es ist etwas Schönes, wenn ein junger Mensch sich misst und Leistung beweist. Das klingt ernsthaft, ist es aber nicht. Für mich war es ein tolles Erlebnis und eine wichtige Erfahrung.“ Heute sei das anders, bedauert Ingrid Wendl, Konkurrenz und Leistungs- druck werden nur noch negativ gesehen. „Ich habe es so gern gemacht: Mich mit Musik bewegen, mich in der Musik auflösen – das war das Schönste.“ Der Ehrgeiz von Kindern sei sehr ausgeprägt. „Man muss ihren Eifer wecken, sie unterstützen und loben.

Dann werden sie immer weiterwollen.“ Mit den beiden Hannas ist sie übrigens heute noch befreundet.


Fit im Alter

Seit einigen Wochen ist Ingrid Wendl 81. Man glaubt es kaum. Die Fi- gur hervorragend, die Augen leuchtend wie die eines frechen Mäd- chens. Wie schafft sie es, noch so jugendlich und fit zu sein? „Zuerst muss man das Wort ‚noch‘ streichen. Das bedeutet, ein bisschen geht’s noch und dann nicht mehr. Das ist kein

gutes Ziel, sondern macht einen nur runter.“ Fitness hat mit dem Alter nichts zu tun, ist sie überzeugt. Bewegung hat in jedem Le- bensalter einen Wert. „Man sollte sich mit seinem Körper auseinandersetzen und ihn wertschätzen. Er ist ein Wunderwerk. Die Spannkraft und Flexibilität unserer Muskeln müssen täglich ausprobiert werden. Nach einigen Tagen Bettlägerigkeit spürt man es: Es tut weh, wenn man seine Muskeln nicht beansprucht.“ Ingrid Wendl schwört auf die Übungen in „Die täglichen 10“, entwickelt von Sportland Niederösterreich. Seit 15 Jahren ist sie Aktionspatin und Testimonial für diese Fitness-Broschüren, in denen sie selbst Übungen für die ältere Generation vorzeigt, jedes Jahr mit einem anderen Schwerpunktthema. Das kurze Training hilft ihr, ins Gleiten des Tages zu kommen: „Das Programm ist großartig – erfrischend und ideenreich.“


„Bewegung hilft immer“

Wie motiviert sie sich zum Training? „Ich habe aufgehört, mir in allen Bereichen Druck zu machen. Ich tue es einfach.“ Schon als Kind hatte sie Probleme mit der Wirbelsäule, das Eislauftraining sei ein wahrer Segen gewesen, weil sie so ein starkes Muskelgerüst aufbau- en konnte. Dieses muss sie aktiv halten, da sie sonst unter ständigen Schmerzen leidet. „Die Übungen dauern sieben/acht Minuten. Ich weiß, wenn ich sie mache, geht es mir nachher besser. Dann gehe ich lockerer, es tut nichts mehr weh.“ Man sollte nicht bei jedem Weh- wehchen zurückschrecken, sondern einfach etwas tun, in Bewegung kommen: „In unserer verweichlichten Gesellschaft sind wir bequem geworden, haben uns angewöhnt, dass alles schwierig ist, alles eine Überwindung sein muss. Aber nach dem Training hat man Freude, fühlt sich wohler. Bewegung hilft immer.“

Ingrid Wendl nutzt jede Gelegenheit, um sich zu bewegen. Sie hat einen großen Garten, gärtnert mit Leidenschaft. Und mäht selber den Rasen: „Mein Rücken und die Schulterpartie sind einfach fantastisch beisammen, wenn ich eine Stunde Rasen mähe.“ Das solle man einfach ausprobieren, vielleicht tut es einem ja gut, appelliert sie. Denn gerade wenn man älter wird, entwickle man eine einseitige Haltung. „Beim vielen Sitzen etwa verkürzt sich die Muskulatur hinten beim Wadl. Wenn das über Wochen, Monate, Jahre kultiviert wird, kriegt man Knie- oder Hüftprobleme. Dabei kann man das ganz einfach ausgleichen und dehnen, damit alles locker bleibt.“ Das Wichtigste sei, mit seinem Körper in Dialog zu stehen und Alarmzeichen nicht zu übersehen.

Auch beim Essen ist Ingrid Wendl achtsam, isst viel Gemüse und Pasta. „Ich habe extrem fettes Fleisch sehr gern. Das kommt aber nur selten auf den Tisch. Und ich kaue gut und esse langsam, dann wird man früher satt. Wenn andere das dritte Mal zum Buffet gehen, bin ich noch beim ersten Teller.“ Jetzt, zum Start der Bikinisaison, versucht sie am Abend wenig oder nichts zu essen, sondern nur zu trinken. „Das mache ich aber nicht unter Druck, son- dern als Abenteuer.“ Wertvolle Tipps einer weisen Lady. Jetzt geht sie Rasen mähen.


Karin schrammel

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021