LEBENSSTIL

Gemeinsam gesünder

Bei »Vorsorge Aktiv Junior« lernen Kinder und Jugendliche einen gesunden Lebensstil. Damit aus ihnen gesunde Erwachsene werden- .



Sich mehr bewegen, bewusster ernähren: Melissa hat ihren überschüssigen Kilos den Kampf angesagt. Das Programm »Vorsorge Aktiv junior« unterstützt sie dabei.




Bei »Vorsorge Aktiv Junior« probieren die Kinder und Jugendlichen verschiedene Sportarten aus – das gemeinsame Spor- teln mit „Leidensgefährten“ fördert zudem das Selbstwertgefühl.

Bei »Vorsorge Aktiv Junior« probieren die Kinder und Jugendlichen verschiedene Sportarten aus – das gemeinsame Spor- teln mit „Leidensgefährten“ fördert zudem das Selbstwertgefühl.

FotoS: Katharina Gossow

Mag. Matthias Foller,

Ernährungswissen- schaftler, Kursleiter der »Vorsorge Aktiv Junior«-Gruppe

in Baden

„Just do it“ steht auf Melissas T-Shirt. Sie tut es, hat ihren Kilos den Kampf angesagt. Die Dreizehnjährige leidet sehr unter ihrem Übergewicht, sie wurde deswegen in der Volksschule gemobbt. Hat deswegen sogar die Schule gewechselt. Den Grund für die zu vielen Kilos sieht ihre Mama Daniela unter anderem darin, dass Melissa unter der Trennung der Eltern gelitten hat, da war das kleine Mädchen dreieinhalb. Dazu kamen Beschwerden wie Migräne, Reizdarm, heftiges Nasenbluten – „das hatte wohl auch psy- chosomatische Gründe“, vermutet ihre Mutter. „Ich habe mich zurückgezogen und oft heimlich geges- sen, auch viel Schokolade“, sagt Melissa. Mittlerweile hat Mama Daniela wieder geheiratet, Melissa hat Geschwister bekommen und versteht sich bestens mit ihrem Stiefvater. Die Familie wohnt nun in Mittern- dorf an der Fischa, Melissa geht in die dritte Klasse der Neuen Mittelschule in Ebergassing. Im Vorjahr wurde bei ihr eine Fettleber diagnostiziert: „Ein Schock. Nun mussten wir gegensteuern“, sagt ihre Mama. Der Arzt hat ihnen das Programm »Vorsorge Aktiv Junior« empfohlen. Seit September nimmt Me- lissa daran teil.


Betreute Einheiten

Zum Start gab es einen kinder- und jugendärztlichen und sportmedizinischen Check mit Leistungstest. »Vorsorge Aktiv Junior« arbeitet auch mit den Eltern, erklärt Mag. Matthias Foller von der AGME (Arbeits- gemeinschaft Gesundheitsförderung und moderne Ernährung), die im Auftrag der Initiative »Tut gut!« das Programm organisiert: „Wenn ein Kind den Lebensstil ändern will, funktioniert das nur, wenn die ganze Familie mitzieht.“ Der Ernährungswissenschaftler betreut eine »Vorsorge Aktiv Junior«-Gruppe. Jede Woche kommt Melissa mit ihrer Mama ins Landesklinikum Mödling, wo die Kurse stattfinden. Dabei geht es um die drei Säulen Ernährung, Bewegung und psychosoziale Faktoren. Manchmal sind Eltern und Kinder gemeinsam im Kurs, manchmal getrennt. In betreuten Einheiten werden sie von Expertinnen und Experten aller Fachrichtungen geschult. Im Mittelpunkt steht nicht verbissenes Kalorienzählen, son- dern Spaß und Motivation in der Gruppe. Denn Kindern eine Diät zu verschreiben ist nicht der richtige Weg, weiß Matthias Foller: „Das beste Rezept ist, Schritt für Schritt einen gesunden Lebensstil kennenzu- lernen und zu verinnerlichen.“ Genau darauf baut »Vorsorge Aktiv Junior« auf.


Mit Maß & Ziel

In den Ernährungseinheiten lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwa, was man statt Süßigkeiten essen kann, wie man Heißhungerattacken verhindert und welche Nahrungsmittel und Getränke man mei- den sollte. Die Informationen werden spielerisch vermittelt, damit sie gut im Gedächtnis bleiben. Verbote gibt es keine, die Devise lautet: mit Maß und Ziel. „Ich esse nur noch am Sonntag Schokolade, und auch nicht so viel wie früher“, sagt Melissa. Die Familie ernährt sich mit viel Gemüse, Melissas Mama hat ge- lernt, welche alternativen Getreidesorten zu Weizen es gibt, wie man Zucker einsparen kann und vieles mehr. Es ist für Melissas Mama eine Herausforderung, für fünf Menschen mit unterschiedlichen Ge- schmäckern zu kochen. Sie hat im Rahmen des Kurses Methoden gelernt, um damit besser umgehen zu können. Daher gibt es nun oft eine „leichtere“ Variante für Melissa. Das Mädchen greift oft selber zum Kochlöffel und bereitet sich manche Mahlzeiten selber zu:

Paprikahendl, Zucchinipuffer, Gemüsemuffins – das sind nur einige der Rezepte, die sie beim

Programm kennengelernt hat und die nun am Speiseplan stehen.


Sport & Spaß

In den Sporteinheiten des Programms geht es nicht um Leistung, sondern einfach um Freude an der Be- wegung: Die Kinder lernen viele Sportarten kennen und finden heraus, was ihnen Spaß macht. Melissa war immer schon eine leidenschaftliche Inlineskaterin, dreht nun noch öfter ihre Runden, um sich auszu- powern. Es geht vor allem um Erfolgserlebnisse, berichtet Matthias Foller: „Wir waren mit einer Gruppe wandern. Die Kinder haben gekeucht, nicht alle waren begeistert. Aber als wir dann oben auf der Warte waren, waren sie glücklich, ihre Augen haben geleuchtet.“ Es gehe darum, Grenzen zu überwinden, nicht gleich aufzugeben, etwas zu erleben. „Viele verlernen das, wohl auch durch den starken Medien- konsum“, glaubt Foller. Und Eltern würden oft dazu neigen, ihre Kinder zu sehr zu behüten. »Vorsorge Aktiv Junior« will deshalb auch das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen stärken, damit sie sich etwas zutrauen und ihre Selbstwirksamkeit spüren.


Psychosoziale Faktoren

In den Psychologie-Einheiten lernt man, wie man Motivationsprobleme umgeht und bekommt viele weite- re nützliche Tipps. Meist geht Übergewicht mit geringem Selbstbewusstsein einher, weswegen in den Einheiten auch darauf der Fokus gelegt wird. Denn die Psyche spielt eine große Rolle, weiß Matthias Fol- ler:

„Es gibt selten nur einen einzigen Grund für Übergewicht. Meist greift mehreres ineinander: psychische Ursachen, ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung. Und Kinder verhalten sich oft so, wie sie es von den Eltern gesehen haben. Eltern sollten sich stets ihrer Vorbildwirkung bewusst sein und mit gutem Beispiel vorangehen.“ Kinder und Jugendliche sollen bei »Vorsorge Aktiv Junior« lernen, langfristig ge- sünder zu leben und mit ihrem Körper bewusst umzugehen, damit aus ihnen gesunde Erwachsene wer- den. Gegensteuern sollte man so früh als möglich, weiß Matthias Foller: „Denn ist man bereits im Adipo- sitas-Bereich, wird es schwierig, die vielen Kilos loszuwerden. Dann ist das gesundheitsschädliche Ver- halten meist zu ausgeprägt und es bedarf mehr Unterstützung.“


Motivationscamp

»Vorsorge Aktiv Junior« bietet auch ein Motivationscamp im Sommer an, bei dem Kinder und Jugendli- che zusammenkommen, Spaß haben und Erfahrungen austauschen können. Heuer findet es von 21. Juli bis 3. August 2019 in Gaming statt. Der Austausch mit „Leidensgefährten“ ist etwas, das Melissas Mutter besonders schätzt: „Die Kinder motivieren sich gegenseitig, weil sie sehen, dass die anderen auch die- selben Probleme haben. Und die Eltern können sich in der Jahresgruppe austauschen.“

Seit mittlerweile acht Monaten nimmt Melissa am Programm teil. Sie wirkt freudig aufgeregt, wenn sie darüber spricht, hat hier einige Freundinnen gefunden. Die Waage zeigt sieben Kilo weniger. Und im Zuge der Ernährungsumstellung hat sie gemerkt, was ihr Körper nicht verträgt. Der Reizdarm hat sich daher wesentlich gebessert. Sie spürt, dass sie am richtigen Weg ist. Bravo, Melissa, just do it!


Karin Schrammel

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2019